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Gesundheit

Dramatischer Kräftemangel in der Pflege

Der Notstand bei der Betreuung von Alten und Kranken ist alarmierend. Zahlen zeigen nun das Ausmaß – auch in der Region.
Von Claudia Bockholt und DPA

Pflegebedürftigen Menschen zu helfen, ist keine leichte Aufgabe. Der Bedarf an Fachkräften ist mittlerweile gewaltig. Foto: Robert Kneschke/fotolia
Pflegebedürftigen Menschen zu helfen, ist keine leichte Aufgabe. Der Bedarf an Fachkräften ist mittlerweile gewaltig. Foto: Robert Kneschke/fotolia

Regensburg.In der Alten- und Krankenpflege sind deutschlandweit rund 35 000 Stellen nicht besetzt. Besonders betroffen ist mit 23 319 offenen Stellen die Altenpflege, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervorgeht, die dpa vorliegt. Demnach waren 2017 im Schnitt 14 785 offene Stellen für Fachkräfte in der Pflege alter Menschen gemeldet. Zudem wurden 8443 Helfer gesucht. In der Krankenpflege fehlten 10 814 Fachkräfte und 1413 Helfer. Wie die Antwort des Bundesgesundheitsministeriums zeigt, ist der Pflege-Fachkräftemangel in den Bundesländern unterschiedlich groß. Demnach kommen in Berlin auf 100 offene Stellen in der Altenpflege 43 arbeitslose Fachkräfte, in Nordrhein-Westfalen 34, in Bayern und Thüringen dagegen nur 14 und in Rheinland-Pfalz und Sachsen nur 13. Im Bundesschnitt sind es 21.

In der Oberpfalz und Kelheim gibt es ebenfalls großen Bedarf an Pflegekräften, wie die Regionaldirektion der Agentur für Arbeit auf Nachfrage der Mittelbayerischen bestätigt. In der Stadt Regensburg ist das Missverhältnis zwischen offenen Stellen und verfügbarem Personal besonders groß. Hier gibt es dreimal so viel offene Stellen wie Arbeitslose. Dramatisch gestiegen ist nach Auskunft von Pressesprecher Axel Pieper die durchschnittliche Vakanzzeit der gemeldeten Stellen. Insgesamt wurden offene Stellen in der Oberpfalz nach durchschnittlich 113 Tagen besetzt.

Appelle gab es genügend

Zum Vergleich: 2007 waren es noch 65 Tage. In der Altenpflege hat sich die Dauer mit 157 Tagen mehr als verdreifacht, ebenso in der Krankenpflege, wo eine Stelle mittlerweile im Schnitt 197 Tage unbesetzt bleibt.

In der Krankenpflege kommen auf 100 offene Stellen in Berlin 81 arbeitslose Fachkräfte, in Mecklenburg-Vorpommern 74, in Baden-Württemberg dagegen nur 29. Im Bundesschnitt sind es in diesem Bereich 41.

Schon vor sechs Jahren hatte die Bertelsmann-Stiftung eine Personallücke von 500 000 Vollzeitstellen in der Altenpflege bis 2030 vorhergesagt. Auch im Krankenhausbereich ist seit Jahren von einem zunehmenden Pflegenotstand die Rede. Der damalige Pflegebeauftragte der Regierung, Karl-Josef Laumann (CDU), sagte 2016, Deutschland brauche jedes Jahr zusätzlich 20 000 Pflegekräfte.

„Wir stehen in der Pflege vor einer echten Fachkräftekrise“

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen

„Wir stehen in der Pflege vor einer echten Fachkräftekrise“, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt der dpa. Das Bundesgesundheitsministerium betonte, das im Koalitionsvertrag vereinbarte „Sofortprogramm“ für 8000 neue Fachkräftestellen in der Altenpflege sei „ein erster Schritt“ zur Entlastung. Um dauerhaft mehr Personal zu bekommen, seien weitere Stellschrauben nötig, sagte ein Ministeriumssprecher. Dazu gehörten Bezahlung nach Tarif, attraktivere Arbeitsbedingungen und eine Stärkung der Ausbildung. Die Krankenkassen bezeichneten die 8000 geplanten zusätzlichen Pflegekräfte als „eine notwendige Sofortmaßnahme“. Gernot Kiefer, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, sagte der dpa: „Aber alle wissen, dass damit das Problem des Fachkräftemangels nicht behoben ist.“

Attraktiver, besser bezahlt, mehr Ausbildungsplätze

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte bereits an seinem ersten Amtstag angekündigt: „Ich möchte, dass wir den Pflegeberuf attraktiver machen. Ich möchte, dass die Pflegeberufe besser bezahlt werden. Ich möchte, dass wir mehr Ausbildungsplätze haben. Ich möchte, dass sich vor allem Pflegekräfte um die Pflegebedürftigen kümmern können.“ Vor einem Fachpublikum des Pflegetags schränkte er zugleich ein, „dass das nicht mal eben so gemacht ist“. Die Krankenpflege wollen Union und SPD vor allem dadurch stärken, dass sie diese besser und gesondert vergüten – und nicht mehr als Teil von Behandlungspauschalen.

„Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist wie leer gefegt“

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen

Göring-Eckardt meinte, schon in den vergangenen Jahren hätten Union und SPD an der Regierung nur kleinteilige und wirkungslose Maßnahmen auf den Weg gebracht. „Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist wie leer gefegt“, sagte sie. „Wir fordern ein umfassendes Pflege-Sofortprogramm mit je 25 000 zusätzlichen Pflegefachkraftstellen für die Alten- und Krankenpflege, um die vakanten Pflegestellen schnellstmöglich zu besetzen und die Personalsituation insgesamt zu entlasten.“ Die Pflege-Expertin der SPD-Bundestagsfraktion, Heike Baehrens, sagte: „Es braucht eine Verantwortungsgemeinschaft der unterschiedlichen politischen Ebenen und aller an der Pflege beteiligten Akteure, um Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte zu verbessern.“

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