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Extremismus

Ein Antisemit mit krudem Weltbild

Stephan B., der Attentäter von Halle, versuchte mit selbstgebauten Waffen, sein Hass-Manifest durchzusetzen.
Von Jan Ludwig

Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. wird von Polizisten per Hubschrauber zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe gebracht. Foto: Uli Deck/dpa
Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. wird von Polizisten per Hubschrauber zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe gebracht. Foto: Uli Deck/dpa

Einer der ersten Sätze, mit denen sich der mutmaßliche Rechtsterrorist Stephan B. der Weltöffentlichkeit vorstellt, lautet: „Scheiß drauf.“ Es ist ein verstörendes, grausames Video, das der Tatverdächtige von Halle live im Internet übertrug. Aber es ist – so wird man es auch sehen müssen – ebenso ein Dokument seines umfassenden Scheiterns.

Erst kann B. seine Helmkamera nicht bedienen, dann schafft er es nicht, die Tür der Synagoge aufzubrechen. Seine Waffen haben Ladehemmung, immer wieder flucht er, sagt „Verkackt“, „Fuck“, „Scheiße“, „Mist“. Er nennt sich einen „Versager“, einen „kompletten Verlierer“. Wer ist der Mann, der in Halle zwei Menschen ermordet und mehrere verletzt hat?

Der Polizei nie aufgefallen

B. wird 1992 geboren. In der Nähe der Lutherstadt Eisleben, keine Stunde vom Ort des Anschlags entfernt, wächst er auf. Früher wurde in dieser Gegend in Sachsen-Anhalt Kupfer abgebaut. Heute leiden die Gemeinden unter einer der höchsten Arbeitslosigkeiten in Deutschland. Sein Vater sagte der „Bild“-Zeitung, sein Sohn sei ein Eigenbrötler: „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld.“ „Bild“ berichtet, B. habe in Halle Chemie studiert, aber nach zwei Semestern abgebrochen. Zuletzt habe er als Rundfunktechniker gearbeitet.

Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. wird von Polizisten per Hubschrauber zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe gebracht. Foto: Uli Deck/dpa
Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. wird von Polizisten per Hubschrauber zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe gebracht. Foto: Uli Deck/dpa

Von Verstößen gegen das Gesetz wussten die Behörden bis jetzt nichts, weder in seiner Jugend noch als Erwachsener. Kein Eintrag als Rechtsextremist, kein Ladendiebstahl, nichts. Bis B. loszog, um massenhaft Juden zu ermorden, scheint er der Polizei nie aufgefallen zu sein. Kann niemand bemerkt haben, woran er wohl seit Monaten arbeitete?

Synagoge, Moschee oder Antifa-Zentrum

Mit vier Kilo Sprengstoff, mit selbstgebastelten Schnellfeuergewehren und Schrotflinten fuhr B. am Mittwoch zum Ziel seines Anschlags. Monatelang muss er an seinen Waffen und den Bomben gebastelt haben.

So zusammengewürfelt wie sein Waffenarsenal ist auch B.s Weltbild. In einem elf Seiten langen „Manifest“, das er vor der Tat veröffentlichte, legt er seine Gedanken dar - auf Englisch, um möglichst viel Verbreitung zu erlangen. Der Text liest sich stellenweise wie die Anleitung zu einem Computerspiel, lakonisch-lapidar geht es um „Ziele“, „Ergebnisse“, „Bonus“. Gemeint ist: Massenmord.

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In dem Dokument wimmelt es vor antisemitischen Begriffen. B. spricht etwa von einer „zionistisch besetzten Regierung“ – ein klassischer judenfeindlicher Begriff aus der rechtsextremen Szene. Eigentlich habe er zunächst eine Moschee oder ein Antifa-Zentrum attackieren wollen, schreibt B., habe sich aber dann entschieden, doch lieber so viele Juden wie möglich zu töten.

Im Tat-Video nennt er sich „Anon“

An traditionelle rechtsextreme Zirkel muss einer wie B. gar keinen Anschluss haben, erklärt Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. „Das ist in Zeiten des Internets gar nicht mehr nötig“: Die Extremisten holten sich aus dem Netz, „was ihnen in den Kram passt“.

Im Video sehen Sie, was die Regensburger zum Angriff in Halle sagen.

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Im Video seiner Tat nennt sich B. „Anon“. Er leugnet den Holocaust, wütet gegen den Feminismus - und bezeichnet „den Juden“ als Wurzel allen Übels. Im Hintergrund läuft kein Rechtsrock, wie man ihn von Neonazi-Festivals kennt. B. hört Musik aus japanischen Zeichentrickserien. Die sogenannten Animes, „teils auch pornografisch, sind sehr geläufig in dieser antifeministischen Online-Kultur“, sagt der Terrorismus-Experte Peter R. Neumann. Die Ausdrucksweise von B. zeige, dass er recht intensiv in einer rechten Internetszene unterwegs gewesen sein müsse, in Message-Foren, 4chan und 8chan. Es sind anarchische Foren, auch bei Rassisten beliebt.

Szene-Ausdrücke aus Internetforen

Auffällig ist, wie gut B.s geschriebenes Englisch ist – und wie miserabel sein gesprochenes in dem Video. Es deutet darauf hin, dass er sich all die Formulierungen, vor allem die Szene-Ausdrücke, in einigen Internetforen angeeignet hat. „Viele der jungen Männer, die dort unterwegs sind, bezeichnen sich selbst als Loser, weil sie keine Frau abbekommen haben oder weil sie im Leben nicht erfolgreich sind“, erklärt Neumann.

Die Reaktionen auf seine Tat in einschlägigen Foren sei jedoch gemischt, sagt die Extremismus-Expertin Julia Ebner: „Während ihn einige glorifizieren und ihm applaudieren, stellen ihn andere als Dilettanten dar.“

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