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Politik
Mittwoch, 15. August 2018 27° 6

Kommentar

Ein hohes Gut

Ein Kommentar von Reinhard Zweigler, MZ

Kaffee kochen, Werkstatt fegen, den Vorgesetzten möglichst nicht mit Fragen nerven? Oder eine faire, fordernde Ausbildung beim Einstieg in das Berufsleben? Leider bemängeln viel zu viele Azubis in Deutschland, dass sie in ihrer Ausbildung nicht immer wirklich das lernen, wozu sie eigentlich angetreten sind. Die Umfrage des DGB unter bundesweit 12 000 Auszubildenden hat erschreckend große Unterschiede in der Qualität der Berufsausbildung zutage gefördert.

Dabei kann Deutschland auf seine duale Ausbildung – im Betrieb sowie in der Berufsschule – stolz sein. Dieses Modell ist ein Exportschlager, den sich auch andere Länder gern zu eigen machen. Es ist eine der Grundlagen für den wirtschaftlichen Erfolg und den Wohlstand unseres Landes. Dabei bremst der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern schon heute das Wachstum in vielen Unternehmen. Gerade deshalb ist eine solide Berufsausbildung unersetzlich.

Die Lorbeeren für unser duales System welken allerdings rasch, man muss genau hinschauen. Neben Berufen wie Mechatroniker, Industriekaufmann, Industriemechaniker, Elektroniker oder Zerspanungsmechaniker, denen die befragten Azubis gute und beste Noten gaben, hagelte es für Dienstleistungsberufe wie das Friseur- oder Hotelgewerbe, in der Gastronomie und im Einzelhandel schlechte Noten.

Dass gerade in diesen Bereichen viele Lehrstellen unbesetzt bleiben, hat offenbar nicht nur mit schlechten Verdienstmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen, etwa vielen Überstunden, sondern auch mit unzureichender Ausbildung zu tun. Eigentlich könnten sich das weder die Unternehmen noch die betroffenen Azubis leisten. Dabei gibt es Möglichkeiten, gegen eine unzureichende Ausbildung vorzugehen.

Die Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern vor Ort nehmen sich der Sorgen von Azubis bestimmt gerne an. Auf der anderen Seite kann man nicht die Klagen der ausbildenden Firmen über unzureichende Kenntnisse und Fähigkeiten der Azubis vom Tisch wischen, die sie eigentlich in der Schule vermittelt bekommen haben müssten.

Der Blick auf die Situation vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres offenbart zudem große Unterschiede zwischen Branchen und Regionen. Es gibt zwar ein rechnerisches Überangebot an Ausbildungsplätzen, vor allem im Handwerk und in Dienstleistungsberufen, doch gleichzeitig suchen noch Zehntausende junge Menschen eine vernünftige Stelle. Manche drehen eine „Ehrenrunde“, gehen weiter zur Schule oder „jobben“, bis sie etwas Passendes gefunden haben. Vergessen wird dabei leider oft, dass immer noch viele junge Leute gänzlich ohne oder mit abgebrochener Ausbildung in den Arbeitsmarkt einsteigen. Das ist, von der persönlichen Enttäuschung ganz abgesehen, vergeudetes Potenzial.

Denn auf der anderen Seite klagen viele Firmen über den Mangel an guten Fachkräften. Doch die fallen nicht vom Himmel und werden massenhaft auch nicht aus dem Ausland nach Deutschland einwandern. „Wer nicht ausbildet, wird erschossen“ – so lautete vor Jahren ein brutaler Spruch der Jusos.

Auch Flüchtlinge können das Arbeitskräfteproblem in Deutschland kaum mildern. Zahlreiche gute Beispiele bestätigen die Regel. Doch diese Menschen müssen erst einmal Deutsch lernen, ehe die Berufsausbildung beginnen kann. Manchmal geht beides allerdings auch Hand in Hand. Dass jedoch gut integrierte, ausgebildete und motivierte Flüchtlinge später wieder in ihre Heimat zurückkehren müssen, verstehe, wer will. Hier sollte Deutschland großzügiger sein.

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