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Gesundheit

Ein paradoxer Sammelbeutel

Das aktuelles Finanzierungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung ist alles andere als gesundheitsfördernd.
Von Sigrid König

Sigrid König ist Vorständin des BKK-Landesverbands Bayern.
Sigrid König ist Vorständin des BKK-Landesverbands Bayern.

Druck im Büro, Stress mit der Familie und scheinbar aus dem Nichts bricht eine schwere Erkältung heraus. Wer kennt das nicht. Bekannt ist: Stress macht krank. Sicher, ein grippaler Infekt ist noch kein Drama. Wenn aber wissenschaftlich belegt ist, dass viele chronische Krankheiten auf Stressoren zurückzuführen sind, sollte uns das hellhörig machen. Mehr noch: Es sollte uns dazu auffordern, unser Gesundheitssystem und dessen Finanzierung zu überdenken.

Stress hat enorme Auswirkungen auf unsere Psyche und unsere gesamte Gesundheit. So beweist der Wissenschaftszweig der Psychoneuroimmunologie seit Jahren, dass dauerhafter Stress auch Ursache vieler chronischer Krankheiten wie Depression, Krebs oder Diabetes Typ 2 ist. Denn andauernder Stress führt zu einem höheren Cortisolspiegel, der wiederum die Entzündungsneigung erhöht und das Immunsystem schwächt. Obwohl diese Erkenntnis nicht neu ist, wird sie in der medizinischen Versorgung noch viel zu wenig genutzt.

Auch in vielen Unternehmen ist inzwischen angekommen, dass erhöhte Stressfaktoren im Arbeitsumfeld mit ursächlich für einen höheren Krankenstand sind. Viele Betriebskrankenkassen sind deshalb zusammen mit ihren Trägerunternehmen aktiv dabei, Stressoren für die Beschäftigten abzubauen. Sie unterstützen damit gezielt die Gesundheit ihrer Versicherten. Das erspart nicht nur Krankheitsleid bei den Beschäftigten, sondern auch Folgekosten, etwa für Behandlungsleistungen und Arbeitsausfälle. Diese Aufwendungen für betriebliche Gesundheitsförderung lassen sich die Betriebskrankenkassen und ihre Trägerunternehmen auch etwas kosten. Sie investieren in die Gesundheit ihrer Versicherten und Mitarbeiter, werden aber mit diesen Ausgaben weitgehend allein gelassen. Mehr noch: Sie werden im Finanzierungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung sogar benachteiligt.

Wie das? Der Grund liegt im System des Gesundheitsfonds: Dieser ist der Sammelbeutel für alle Beiträge, die Versicherte für ihre Krankenversicherung einzahlen. Alle Gelder, die die Kassen für die Versorgung ihrer Versicherten benötigen, erhalten sie aus diesem Topf. Die Gelder dieses Topfes werden nach pauschalen Regeln verteilt, und bestimmte Krankheiten werden besonders stark bei den Zahlungen berücksichtigt. Paradox ist jedoch, dass die Finanzzuweisungen aus dem Gesundheitsfonds für diese Krankheiten überbewertet werden. So erhalten Krankenkassen mit vielen kranken Versicherten momentan sogar netto regelmäßig mehr aus dem Gesundheitsfonds, als sie für die Versorgung benötigen. Einen schriftlichen Beleg für diese Schieflage liefert einmal mehr die aktuelle Finanzstatistik der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Unser aktuelles Finanzierungssystem der GKV wirkt also alles andere als gesundheitsfördernd. Genau in diesem Punkt brauchen wir künftig ein Umdenken: Nicht nur die Medizin sollte die Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie nutzen, um die Gesundheit chronisch kranker Menschen zu stärken. Auch die Krankenkassen brauchen im Gesundheitsfonds mehr finanzielle Handlungsspielräume, um gezielt in Gesundheitsförderung investieren zu können und ihrerseits den oben beschriebenen Paradigmenwechsel umsetzen zu können.

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