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MZ-Gespräch

„Eine Diagnose ergibt wenig Sinn“

Der Regensburger Prof. Helmfried Klein will den Massenmord nicht „psychologisieren“, wagt aber einen Erklärungsversuch für ein relativ neues Phänomen.
Von Christine Hochreiter, MZ

Regensburg. Für diese schaurige Tat findet selbst einer, der jahrzehntelang in die Tiefe menschlicher Seelen geblickt hat, kaum Worte. Dafür gebe es auch keine passende Diagnose: „Jeder Versuch, das Massenattentat von Norwegen auf psychopathologische Art zu interpretieren, ist mir zutiefst zuwider“, sagt Prof. Dr. Helmfried Klein. Der emeritierte Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie in Regensburg, tut sich schwer, im Falle von Anders Behring Breivik in die Diagnostik-Schublade seiner Zunft zu greifen. „Wenn man das tut, dann hat man fast das Gefühl, irgendwie Verständnis für das Ganze aufzubringen“. Wenn man zu verstehen versuche, was im Kopf dieses Menschen vorgehe, müsse man sich mit ihm identifizieren und in die Person hineinversetzen. Stattdessen spüre man tiefsten Widerstand, Abscheu, Ekel – alle negativen Gefühle, zu denen man überhaupt fähig sein könne.

Nur wer leide, sei krank. Den psychiatrischen Krankheitsbegriff auf Verhalten auszuweiten, das nur anderen unendliches Leid zufügt, aber eigenes Leid nicht erkennbar ist, sei abwegig. Innerhalb der forensischen Psychiatrie werde sehr kontrovers diskutiert ob Persönlichkeitsstörungen unter psychiatrische Krankheiten zu subsummieren sind.

Wer es dennoch wage, einen solchen „Amoklauf“, ein solch grausames Attentat, zu „psychologisieren“, der komme wohl zwangsläufig zu dem Schluss, dass das Gehirn, das so etwas hervorbringe, krank sein müsse. Wer dafür auch noch eine dezidierte psychiatrische Terminologie finde, der tue aber allen psychisch Kranken unrecht: „Das wäre zu weit gegriffen. Nicht alles, was außerhalb der Normalität ist, darf mit einer klinischen Diagnose bezeichnet werden.“ Krankheit bedeute immer, das jemand auch leidet. Das sei bei dem Norweger Attentäter aber offensichtlich nicht der Fall. „Wo könnte bei diesem Menschen der Leidensdruck gewesen sein?“, fragt der Regensburger eher rhetorisch. Der Attentäter sei viel mehr stolz auf seine Tat, die aus ungewöhnlich heroischen Motiven geboren sei. Nach dem, was man bislang wisse, sei die Motivation wohl politisch-religiös-rechtsradikal sowie ein ausgeprägter Fremdenhass – und der Verursacher betrachte sich wegen seines Mutes, die Tat begangen zu haben, als etwas ganz Besonderes, als Helden, der in die Geschichte eingehen werde.

Wie man mit einem solchen Menschen verfahren soll? „Die Gesellschaft hat in der Tat ein Recht darauf, dass so jemand weggesperrt wird“, meint Klein – mit Sicherheitsverwahrung, elektronischer Fußfessel und allem, was in einem solchen Fall dazugehört. Dabei sollte von entsprechend geschulten Experten ständig beurteilt werden, ob und welche Gefahr von so einem Menschen ausgehe. Schwieriger sei es, bei so einer grausamen Tat das Sanktionsbedürfnis der Gesellschaft sicherzustellen. Schließlich gebe es keine Strafe, die den unvorstellbaren Schmerz der Hinterbliebenen und derer, die das Attentat überlebt haben, auch nur halbwegs lindern könne.

Die Bevölkerung kann man seiner Ansicht nach vor solchen Tätern nicht wirklich schützen. Die radikale Gesinnung des Norwegers hätte man zwar aufgrund vielfältiger Informationen im Internet erkennen können, doch präventive Maßnahmen gegen deren Entladung in Form eines Massenattentats seien nicht realistisch. so Klein. Wie oft höre man auch an bayerischen Stammtischen heftige Parolen. „Soll man jeden dann gleich überwachen lassen?“

Massaker mit einer solchen Dimension gebe es aber erst seit ein bis zwei Jahrzehnten, sagt der Experte. Eine Triebfeder sei das narzisstische Bedürfnis der Straftäter, einmal ganz groß herauszukommen. „Da erinnere ich mich an das Attentat von Oklahoma-City. Für solche Leute hat so eine grausame Tat eine Vorbildfunktion. Die wollen auch einmal weltweit auf die erste Seite der Zeitung.“

Abhilfe sei schwierig, schließlich würden sich kaum alle Medien weltweit darauf verständigen, nicht über so eine Tat zu berichten. Darüber hinaus gebe es in einem solchen Aufsehen erregenden Fall auch ein riesiges Informationsbedürfnis der breiten Öffentlichkeit, dem entsprochen werden müsse. Eine Art „Werther-Effekt“, wie die Psychologie Nachahmungstaten nennt, sei leider niemals ganz auszuschließen.

Den Spezialist für Seelenfragen, der nach wie vor als Privatarzt tätig ist, beschäftigt aber auch das Schicksal der Angehörigen der Opfer sowie derer, die beispielsweise Augenzeugen der Bluttat wurden. Klein zufolge gibt es inzwischen fundierte Therapieverfahren, die dabei helfen können, langfristige Störungen und dauernde Folgen zu vermeiden. Dem Profi kommt hier prompt die Diagnose „posttraumatische Belastungsstörungen“ über die Lippen. Dafür gebe es einen Werkzeugkasten ein effizientes therapeutisches Instrumentarium, in den die Helfer greifen könnten – wenn Angehörigen bei der Verarbeitung der traumatisierenden Folgen unter die Arme greifen können. Menschen, die unter den Folgen einen Leidensdruck verspüren, sich auch helfen lassen wollen.

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