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Politik
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Verbrechen

Eine Familie im Kellerverlies

Vor zehn Jahren entsetze Josef Fritzl die Welt: Der Österreicher sperrte seine Tochter ein und zeugte mit ihr sieben Kinder.
Von Matthias Röder, dpa

Josef Fritzl auf einem Archivfoto von 2009: 24 Jahre lang hielt er seine Tochter gefangen und zeugte mit ihr sieben Kinder. Foto: EPA/ Helmut FOHRINGER
Josef Fritzl auf einem Archivfoto von 2009: 24 Jahre lang hielt er seine Tochter gefangen und zeugte mit ihr sieben Kinder. Foto: EPA/ Helmut FOHRINGER

Amstetten.Ein apricotfarbener Anstrich, eine gründliche Renovierung, ein gepflegter Rasen hofseitig – nichts erinnert mehr an das „Horror-Haus“ von Amstetten in Österreich. Ein Gastwirt hat das Anwesen Ende 2016 für 160 000 Euro erworben und die Wohnungen vermietet. Normalität am Ort des Bösen. „Man kann es nicht ewig leer stehen lassen. Wir müssen Leben hineinbringen“, meinte der neue Besitzer damals. In dem Haus in der Ybbsstraße spielte sich eines der unglaublichsten Verbrechen der Kriminalgeschichte ab. 24 Jahre lang hielt sich dort der Elektrotechniker Josef Fritzl seine eigene Tochter in einem Kellerverlies als Sklavin, zeugte mit ihr sieben Kinder. Am 26. April ist es zehn Jahre her, dass das Verbrechen aufflog und weltweit für Schlagzeilen sorgte.

Vom „Opa-Monster“, vom „Hort des Bösen“, von „Neurosen und Wahnsinn“ war in internationalen Medien die Rede. Zwei Jahre nach dem Fall Natascha Kampusch, die jahrelang in einem Kellerverlies bei Wien von ihrem Entführer festgehalten worden war, galt Österreich wieder als Land grausamer Verbrechen. „Täglich standen Dutzende Übertragungswagen am Tatort, sicher mehr als 100 Journalisten waren da“, erinnert sich Polizist Karl Gschöpf. Die Negativ-Presse war so gewaltig, dass Kanzler Alfred Gusenbauer schon daran dachte, eine Kampagne zur Aufhellung des düsteren Images der Alpenrepublik zu starten.

Das unfassbare Doppelleben des Josef Fritzl begann Anfang der 1980er Jahre. Der verheiratete Mann baute im Keller seines Hauses ein 60 Quadratmeter großes Gefängnis, mit acht zum Teil 500 Kilogramm schwere Türen mit Fernbedienung gesichert. „Dann hab ich alles schalldicht zugepflastert“, sagte er nach seiner Verhaftung. Am 28.August 1984 lockte er seine damals 18-jährige Tochter Elisabeth in den Keller, betäubte sie und sperrte sie mit Handschellen gefesselt ein.

24 Jahre ohne Tageslicht

In den nächsten 24 Jahren sah sie kein Tageslicht mehr, wurde von ihrem Vater wieder und wieder vergewaltigt, gebar sieben Kinder. Ein im Keller geborener Sohn starb wegen einer Atemwegs-Erkrankung knapp drei Tage nach der Geburt ohne medizinische Hilfe. Fritzl verbrannte die Leiche im Heizkessel.

Das Verschwinden seiner Tochter erklärte der eiskalt wirkende Fritzl gegenüber seiner Frau und Nachbarn ganz einfach: Sie sei wohl bei einer Sekte und durchgebrannt. Bei den Behörden meldete der Vater seine Tochter als vermisst. Das eigene Haus wurde zum Ort des Doppellebens des heute 83-Jährigen. Zwei Söhne und eine Tochter lebten mit ihrer Mutter im Keller. Die drei anderen Kinder nahm der Vater mit nach oben zu seiner Frau. Das Auftauchen der Babys erklärte Fritzl seiner Frau damit, dass die vermisste Tochter die Babys im Haus abgelegt habe.

Allein die mysteriöse Herkunft der drei Kinder hätte Nachbarn in der 24 000-Einwohner-Stadt alarmieren müssen, kommentierten Beobachter im In- und Ausland. „Die Mitbewohner hätten etwas bemerken müssen, klar, wir alle müssen wachsamer sein und sensibel reagieren, wenn ungewöhnliche Dinge passieren. Ist es das, was man aus dem Fall Amstetten lernen kann? Es wäre wenigstens etwas“, schrieb die Münchner „Abendzeitung“ damals.

Arzt gab entscheidenden Hinweis

Fritzl galt als Familien-Despot, der mit seiner Herrschsucht alle tyrannisierte und kontrollierte. Daher glaubten die Behörden später auch den Aussagen, dass seine ihm ausgelieferte Ehefrau keine Ahnung von den Vorgängen im Keller hatte. Dort hatte der handwerklich begabte Fritzl mit Dämm-Material jeden Laut nach außen erstickt.

„Das Verlies war so isoliert – da drang kein Laut nach außen“

Franz Polzer, Chef des niederösterreichischen Landeskriminalamts

„Wir haben unglaubliche Lärm-Tests im Keller gemacht“, sagte Franz Polzer, Chef des niederösterreichischen Landeskriminalamts. „Das Verlies war so isoliert – da drang kein Laut nach außen.“

Das Verbrechen flog erst auf, als die 19-jährige Tochter aus dem Keller lebensgefährlich erkrankte und von Fritzl in eine Klinik gebracht wurde. Ein Arzt wurde misstrauisch und gab der Polizei den entscheidenden Tipp. Schon kurz vor seiner Festnahme hatte Fritzl die Mutter seiner Kinder aus dem Keller geholt. Im Prozess, der von 200 Reportern aus aller Welt verfolgt wurde, lautete die Anklage auf Mord durch Unterlassen, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, schwere Nötigung, Sklaverei und Blutschande. Das Urteil war wenig überraschend: Lebenslange Haft.

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Tochter geht es gut

  • Im Gefängnis verachtet:

    Über Josef Fritzl und seine Haftbedingungen will sich das österreichische Justizministerium nicht äußern. „Er befindet sich in Haft“, lautet die karge Antwort. Zeitungen berichteten, dass Fritzl als verachteter Inzest-Täter im Hochsicherheitsgefängnis Stein dauernd vor möglichen Attacken anderer Gefangener beschützt werden müsse.

  • 300 Tonnen Spezialbeton:

    Das Kellerverlies wurde 2013 mit 300 Tonnen Spezialbeton verfüllt. Der heute 52-jährigen Elisabeth, die an einem unbekannten Ort in Österreich lebt, und ihren Kindern geht es nach dem Eindruck von Polizist Gschöpf gut. „Sie haben noch was aus ihrem Leben gemacht“, sagt er.

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