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Leitartikel

Eine gefährliche Illusion von Trump

Der Islamische Staat hat in aller Welt tausende Kämpfer rekrutiert, aus denen die nächste Generation an Führern heranwächst.
Von Thomas Spang

Washington.Den legendären „Delta-Force“-Spezialeinheiten gelang es nicht wegen, sondern trotz der Politik des US-Präsidenten in Syrien, den wohl meist gesuchten Terroristenführer der Welt auszuschalten. Wie nun an die Öffentlichkeit durchsickert, fürchteten die Militärs, sie könnten schon bald die Kapazitäten verlieren, al-Baghdadi zu stellen. Eine frustrierende Perspektive am Ende einer mehrjährigen Verfolgungsjagd der USA und ihrer Verbündeten vor Ort.

Sorgfältig ausgearbeitete Planungen mussten der kurzfristigen Entscheidung für ein hochgefährliches Manöver weichen, dass zusätzliche Risiken für die „Delta Forces“ mit sich brachte. Glücklicherweise erreichten die Spezialstreitkräfte ihr Ziel und kehrten unversehrt von dem Einsatz zurück. Hätte Trump die US-Truppen bereits abgezogen gehabt, wäre der Schlag gegen al-Baghdadi kaum möglich gewesen.

Gefährliches Vakuum in der Region

Dasselbe gilt nun für den Kampf gegen die verbliebenen Terroristen, deren Organisation keineswegs, wie der Präsident behauptet, zu „100 Prozent ausgelöscht“ worden ist. Der „Islamische Staat“ hat in aller Welt tausende Kämpfer rekrutiert, aus denen sich die nächste Generation an Führern heranwachsen wird. Insbesondere dann, wenn die USA unter Trumps „Amerika-First“-Rückzugsideologie ein Vakuum in der Region entstehen lassen. Die nationalen Sicherheitsinteressen können weder an Russland noch die Türkei delegiert werden. Zu glauben, die Kombination aus einem Einreiseverbot für Personen aus der Region, Aufnahmestopp von Flüchtlingen und die geografische Lage der USA reichten aus, IS-Terroristen aus Amerika fernzuhalten, ist eine gefährliche Illusion.

Die US-Streitkräfte werden in Syrien dringend gebraucht, um die Bürger daheim sicherer zu machen.

Wenn der Kommando-Einsatz in der syrischen „Idlib“-Provinz etwas zeigt, dann genau das Gegenteil von dem, was der Präsident zu suggerieren versucht. Die US-Streitkräfte werden in Syrien dringend gebraucht, um die Bürger daheim sicherer zu machen. Ex-General David Petraeus hat im Kampf gegen den Terror für Gebiete, in denen Gesetzlosigkeit herrscht, die umgekehrte Las-Vegas-Regel aufgestellt. Demnach bleibt nicht vor Ort, was dort passiert, sondern hat Konsequenzen daheim.

Trump gefährdet mit seinem Rückzug die über Jahre aufgebauten Allianzen mit den syrischen Kurden und Rebellengruppen, die sich auf die USA verlassen haben. Das ist nicht nur ein Verrat an Verbündeten, sondern Selbstsabotage. Ohne die Kooperation dieser Gruppen gehen menschliche Quellen verloren, die wichtige Informationen erschließen, die Drohnen nicht liefern können.

Trumps angeberischer Auftritt

Zähneknirschend musste der US-Präsident den Anteil der syrischen Kurden an dem Erfolg des Schlags gegen al-Baghdadi zugeben. Der ehemalige Verteidigungsminister Jim Mattis hatte vergeblich versucht, Trump beizubringen, dass er dieses Bündnis nicht über den Haufen werfen darf. Aus Frust über dessen Uneinsichtigkeit nahm er im Frühjahr seinen Hut. Der Präsident verschob angesichts des Aufschreis über den befürchteten Verrat die Rückzugsentscheidung um ein paar Monate. Die Wahrheit ist, dass es ohne Mattis Drängen am Samstag mangels Truppen vor Ort vermutlich nicht mehr die Möglichkeit gegeben hätte, Baghdadi zu stellen.

Mit seinem angeberischen Auftritt versuchte Trump all das vergessen zu machen. Die Lorbeeren verdient nicht er, sondern die Sondereinsatzkräfte, die ihr Leben riskierten, sowie die Kurden und Iraker, die mehr Charakter bewiesen als der Präsident jemals hatte. Der erfolgreiche Schlag gegen den IS-Führer steht im tragischen Kontrast zu den Konsequenzen Trumps unverantwortlicher Entscheidungen, die in Zukunft vermutlich andere ausbaden müssen.

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