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Meinung

Eine Nation von Krämern?

Die britische Wirtschaft warnt vor einem No-Deal-Brexit. Das Brutto-Inlandsprodukt könnte um fast zehn Prozent sinken.
Von Jochen Wittmann, London-Korrespondent

Jochen Wittmann
Jochen Wittmann

London.Napoleon bezeichnete einst die Briten als „eine Nation von Krämern“. Der Korse meinte damit, dass das Königreich seinen Reichtum und seine Macht vor allem dem Handel, dem Kommerz und seiner umsichtigen Wirtschaftspolitik zu verdanken hat. Heutzutage bekommt das Bild einer Nation, die man für ihren Realitätssinn und ihre Nüchternheit schätzte, große Sprünge. Der Streit um den Brexit hat aus den Insulanern Ideologen gemacht. Aus rationalen Pragmatikern werden Eiferer. Und nirgendwo zeigt sich das deutlicher als in der nonchalanten Saloppheit, mit der die Bedenken der Wirtschaft vor einem Austritt aus der EU beiseitegewischt werden.

Carolyn Fairbairn machte am Freitag noch einmal einen Versuch. Die Generaldirektorin der „Confederation of British Industry“ (CBI) beschwor die Politiker des Landes, keinen No-Deal-Brexit, keinen ungeregelten Austritt aus der Europäischen Union, zuzulassen. Denn in diesem Fall müsste das Land von einem Tag auf den anderen am 30. März dieses Jahres seinen Außenhandel nach den Regeln der Welthandelsorganisation WTO abwickeln. Aber das würde Zollschranken, Tarife und Kontrollen bedeuten. Für die britische Exportwirtschaft ein Alptraum.

„Die Branche, die von einem No-Deal-Szenario besonders hart getroffen würde, ist die britische Automobilindustrie“

Die Abgeordneten im Unterhaus, die zur Zeit den Brexit-Deal der Premierministerin Theresa May beraten, hätten die Pflicht, britische Jobs zu beschützen, forderte Fairbairn. „Die wirtschaftlichen Konsequenzen eines ungeregelten Brexits“, warnte die CBI-Chefin, „wären tiefgreifend, umfassend und dauerhaft. Das Bruttoinlandsprodukt würde um bis acht Prozent sinken und Unternehmen sähen sich neuen Kosten und Tarifen gegenüber.“

Es ist zu befürchten, dass Fairbairns Warnungen auf taube Ohren treffen werden. Der Brexit-Deal, den May dem Unterhaus vorgelegt hat, dürfte, will man einer BBC-Analyse glauben, mit mehr als 200 Stimmen abgelehnt werden.

Die Branche, die von einem No-Deal-Szenario besonders hart getroffen werden würde, ist die britische Automobilindustrie. Sie hatte sich in den letzten Jahrzehnten zu einer globalen Erfolgsstory entwickelt, nachdem ausländische Investoren wie Nissan, Toyota, Ford oder BMW modernste Industrieanlagen im Land aufgebaut haben. Mittlerweile geht es der Branche nicht mehr gut, nachdem der chinesische Markt eingebrochen ist und Dieselmotoren nicht mehr populär sind. Doch ein No-Deal-Brexit würde den Garaus bedeuten. Ralf Speth, der Geschäftsführer von Jaguar Land Rover, der am Donnerstag Pläne für einen Abbau von 4500 Arbeitsplätzen vorstellte, wies darauf hin, wie wichtig die integrierten Nachschubketten für sein Unternehmen sind. Die bisherigen Just-in-Time-Lieferungen wären durch einen No Deal massiv gefährdet, denn neue Kontrollen an den Grenzen würden zu Verzögerungen führen. Die 25 Millionen Komponenten, sagte Speth, die man jeden Tag für die Produktion benötigt, könnten nicht in Lagerhallen bevorratet werden. „Wenn ich eine einzige Komponente nicht habe“, so Speth, „dann kann ich kein Auto produzieren und das bedeutet Produktionsausfall und einen Verlust zwischen 80 und 100 Millionen Pfund am Tag. Können Sie sich vorstellen, wie lange dann die Liquidität eines Unternehmens dauert?“

„Es stehen Hunderttausende von Arbeitsplätzen auf dem Spiel“

Die Brexit-Hardliner im Unterhaus, die allen Ernstes einen No Deal als Chance begreifen, wollen sich das gar nicht vorstellen. Es stehen Hunderttausende von Arbeitsplätzen in den Auto-Fabrikhallen und den Zulieferbetrieben des Königreichs auf dem Spiel, aber die Betonköpfe tun die Warnungen der Industrie als Panikmache ab. Als im November offizielle Regierungsanalysen veröffentlicht wurden, die für den Fall eines ungeregelten Brexits einen Rückgang des BIP um 9,3 Prozent über die nächsten 15 Jahre vorhersagten, bezeichnete das der Ex-Brexit-Minister Dominic Raab als ein „Wiederaufwärmen von Projekt Angst“. Man fragt sich, was aus der Nation von Krämern werden soll.

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