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Bildungspolitik

Eltern „löchern“ den Kultusminister

Von Hitzefrei bis zum G9, vom Spicken mit Smartwatches bis zum Unterrichtsausfall: CSU-Mann Sibler steht Rede und Antwort.
Von Christine Schröpf

  • Kultusminister Bernd Sibler hat vor seiner politischen Karriere selbst drei Jahre lang als Lehrer gearbeitet. Foto: Pressefoto Sibler
  • Breites Aufgabenfeld für Kultusminister: In Bayern gibt es 6000 Schulen, 150 000 Lehrer und 1,7 Millionen Schüler. .Foto: Sebastian Gollnow/dpa

München.Eine Mutter fragt: Die Rückkehr vom acht- auf das neunstufige Gymnasium ist ab diesem Jahr vollzogen. Ist damit der Nachmittagsunterricht in allen Jahrgängen künftig passé?

Der Pflichtunterricht am Nachmittag wird bis zur neunten Klasse deutlich reduziert. Wir haben damit Zeit freigeräumt für musikalische und sportliche Aktivitäten, aber auch für die Ministrantenarbeit oder ein Engagement beim Roten Kreuz. In Artikel 131 der bayerischen Verfassung ist als Bildungsauftrag schließlich nicht nur „Wissen und Können“ und „Ehrfurcht vor Gott“ festgeschrieben, sondern auch Herz und Charakter zu bilden. Ab der zehnten Klasse steigt der Nachmittagsunterricht wieder, ähnlich wie das auch beim alten G9 der Fall gewesen ist. Da reden wir aber von 16- oder 17-Jährigen, die nachmittags auch ein Stück mehr in der Schule sein können.

Verteilt sich beim G9 der neue Unterrichtsstoff gleichmäßig?

Wir bekommen mit dem G9 ein Plus von insgesamt 19,5 Unterrichtsstunden. Der zusätzliche Stoff verteilt sich grundsätzlich auf alle Jahrgangsstufen, natürlich mit Schwerpunkt auf die höheren Klassen. Von der zusätzlichen Zeit profitieren vor allem die Kernfächer Deutsch, Mathematik sowie die Naturwissenschaften und Fremdsprachen. Es gibt einen besonderen Akzent bei der historisch-politischen Bildung und der Informatik. In der neunten Klasse wird es außerdem ein eigenes Modul zur Berufsorientierung geben. Was jetzt als Stundentafel steht, beruht auf einem breiten Kompromiss – ein Ergebnis des Dialogverfahrens, in das Lehrer, Eltern, Schüler und Direktoren einbezogen wurden. Grundkonsens war dabei, dass man nicht einfach acht auf neun Jahre auswalzt, sondern mehr Qualität in die Schulausbildung bringt.

An die neue 11. Klasse richten sich höchste Erwartungen: Die guten Schüler sollen sie überspringen, die schlechten zum Stoffaufholen nutzen. Wie funktioniert das?

Ministerpräsident Markus Söder machte Bernd Sibler zum Minister – davor war er Staatssekretär. Foto: Matthias Balk/dpa
Ministerpräsident Markus Söder machte Bernd Sibler zum Minister – davor war er Staatssekretär. Foto: Matthias Balk/dpa

Wer die 11. Klasse absolvieren will, wird vor allem auf die letzten beiden Schuljahre vorbereitet. Er erarbeitet sich die dafür nötigen Inhalte, Kompetenzen und Arbeitstechniken. Für die Jugendlichen, die diese Klasse überspringen, wird es am Ende der achten Jahrgangsstufe eine Art Diagnosephase geben. Leistungsstarke sollen in der 9. und 10. Klasse mit zusätzlichen Angeboten auf das Auslassen der elften Klasse vorbereitet werden.

Eine Mutter fragt: Das bayerische Abitur gilt als das schwerste bundesweit. Ist das nicht unfair?

Das bayerische Abitur hat Anspruch. Das stimmt. Aber es ist auch aussagekräftig. Wer sein Zeugnis hat, ist studierfähig. Es kommt hinzu: Im bundesweiten Vergleich der durchschnittlichen Abiturnoten schneidet Bayern gut ab. Wir lagen in den vergangenen Jahren immer zwischen Platz 2 und Platz 5. Das ist eine optimale Win-win-Situation. Der so genannte Bayern-Malus besteht faktisch nicht.

Ein Vater sagt: Ich habe Angst, dass mein Sohn trotz Gymnasium keinen Job findet. Die Arbeitgeber wählen Schüler mit den besten Noten. Was passiert mit den anderen?

Die Jugendarbeitslosigkeit in Bayern ist mit rund zwei Prozent im Sommer und drei Prozent im Winter die niedrigste – sowohl bundesweit wie europaweit. Sorge bereitet eher der Fachkräftemangel. Das heißt, dass alle Schüler, die einigermaßen gut abschneiden, auch gute Jobperspektiven haben. Natürlich gehört die Bereitschaft, sich anzustrengen dazu – in dem einen oder anderen Fall auch räumliche Flexibilität. Man bekommt vielleicht nicht jeden Job an jedem Ort.

Eine Mutter fragt: Bei Unterrichtsausfällen gibt es oft keinen adäquaten Ersatz. Was tun Sie?

Wir haben in den vergangenen Jahren die Lehrerreserve deutlich ausgeweitet. Im Bereich der Grund- und Mittelschule zum Beispiel haben wird dafür heuer 2240 Lehrkräfte. Wir werden zum nächsten Schuljahr die mobile Reserve weiter aufstocken, so dass wir das Thema Unterrichtsausfall noch besser in den Griff bekommen. Es wird dennoch im Einzelfall immer mal wieder vorkommen können, dass eine Unterrichtsstunde komplett ausfällt. Aber das liegt im sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich, über alle Schularten hinweg bei 1,6 Prozent.

Eine Mutter, die die Petition „Stoppt die Früheinschulung in Bayern“ gestartet hat, will wissen: Wie stehen Sie zur Forderung, den Einschulungsstichtag auf 30. Juni zurückzuverlegen und Eltern von zwischen 1. Juli und 30. September Geborenen die alleinige Entscheidungsfreiheit zu geben?

Faktisch ist es schon so, dass Eltern ein starkes Gestaltungsrecht haben. Bei der Schuleingangsuntersuchung wird der Reifegrad der Kinder natürlich berücksichtigt. In den vergangenen Jahren wurden deswegen tatsächlich Kinder nicht eingeschult. Ich sehe keinen echten Regelungsbedarf. Im europäischen Vergleich sind wir übrigens immer noch mit einem relativ hohen Einschulungsalter unterwegs – in anderen Ländern kommen die Buben und Mädchen mit fünf Jahren in die Schule.

In der vierten Klasse entscheidet sich der Übertritt – bei hohem Prüfungsdruck mit zahlreichen Proben. Wie lässt sich das entschärfen?

Wir haben bereits viel getan, um es zu entschärfen. Wir hatten früher unangesagte Proben. Es gab auch keinen Richtwert. Heute haben wir diesen, und jede Probe wird angesagt. Bei den jährlichen Onlinebefragungen des bayerischen Kultusministeriums an 700 Grundschulen gibt es für das aktuelle Verfahren rund 75 Prozent Zustimmung. Der große Teil der Eltern sagt: Schreibt möglichst viele Proben, dann zählt die eine schlechte Note nicht so stark. Die anderen meinen: Schreibt wenig Proben und reduziert die Belastung. Es ist aber auf keinen Fall ein Beinbruch, wenn man nach der vierten Klasse nicht den Übertritt aufs Gymnasium schafft. Wir haben jetzt schon die Situation, dass 40 Prozent der bayerischen Studierenden sich über Fachoberschulen, Berufsoberschulen oder den beruflichen Bereich qualifiziert haben.

Sie vertreten die Position, dass Schulen eigenständig regeln sollen, wo auf ihrem Gelände Buben und Mädchen Handys privat nutzen dürfen. Dabei ist nie von Smart-Watches die Rede, die sich zum Spicken eignen. Eine Regelungslücke?

An diese Art der „kriminellen Energie“ habe ich noch gar nicht gedacht. Ein interessanter Hinweis. Das werden wir uns genau anschauen. Wobei ich ergänzend unterstreichen möchte: Der Spielraum für Direktoren beim privaten Handygebrauch der Schüler gilt nicht für Grundschulen. Das bleibt ein besonders geschützter Raum.

Eine Mutter will wissen: Warum gibt es an den Schulen kein Hitzefrei mehr?

Es gibt noch Hitzefrei. Es wird auch immer wieder einmal gegeben. Die Schulleitung kann es unter Beurteilung der Situation vor Ort selbst entscheiden. Man muss allerdings auch sehen: In der Vergangenheit gab es immer wieder Beschwerden, wenn Schüler früher Schulschluss hatten und die Eltern keine Zeit hatten, eine Betreuung zu regeln. einzelnen Standorten trotzdem immer mal wieder Probleme geben – bei 6000 Schulen, 150 000 Lehrer und 1,7 Millionen Schüler. Diese Einzelfälle müssen wir lösen. Im Großen und Ganzen wird es aber kontinuierlich besser.

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Kultusminister Bernd Sibler

  • Amtsantritt:

    Der Niederbayer Bernd Sibler ist seit 21. März neuer bayerischer Kultusminister. In der Bildungspolitik ist er aber seit Jahren eine feste Größe: 2007 bis 2008 und dann wieder ab November 2011 war er als Kultus-Staatssekretär im Dienst.

  • Lehrer:

    Vor seiner politischen Karriere war Bernd Sibler selbst drei Jahre als Lehrer tätig. Er unterrichtete unter anderem am Robert-Koch-Gymnasium in Deggendorf. Er hatte davor an der Universität Passau Lehramt für Deutsch und Geschichte studiert.

  • Partei:

    1998 wurde Sibler erstmals in den Landtag gewählt. Das CSU-Parteibuch hat er seit 1989. Zeitgleich trat er auch in die Junge Union ein. Seit 2009 hat er einen Platz im CSU-Vorstand. Bei der Landtagswahl 2018 führt er die niederbayerische CSU-Liste an.

  • Privates:

    Bernd Sibler ist 47 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne im Alter von 13 und 17 Jahren. Den größten Karrieresprung verdankt er Regierungschef Markus Söder. Über die Amtszeitverlängerung entscheidet auch das CSU-Ergebnis am 14. Oktober.

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