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Porträt

Erhard Grundl rockt den Bundestag

Kaum in Berlin angekommen, sorgte Erhard Grundl gleich für Aufsehen. Früher war er in Regensburg mit seiner Band erfolgreich.
Von Helmut Hein

  • Erhard Grundl ist Bundestagsabgeordneter der Grünen. Foto: altrofoto.de
  • 2017 traf Erhard Grundl die Band „Pussy Riot“ in Berlin.

Regensburg.Ausgerechnet die AfD sorgte dafür, dass Erhard Grundl, Novize im Bundestag, gleich mit seiner ersten Rede nicht nur die sozialen Netzwerke, sondern auch die ehrwürdigen Reichstagsbänke „rockte“. Ihre Forderung, in Deutschland müsse deutsch gesprochen werden und das dürfe man ruhig auch in der Verfassung und in diversen Gesetzen verankern, war eine geradezu ideale Vorlage für seine Jungfernrede. Zwar antwortete auf dieses Ansinnen ein SPD-Kollege in derbstem friesischem Platt. Das war nicht ohne Witz, weil kaum jemand diese Rede von deutscher Zunge ans deutsche Ohr verstand – ein drastischer Hinweis, dass dieses Land noch nie so homogen war, wie Vaterlandsfreunde es wünschen. Aber es war Grundl von den Grünen, der mit seinen Ausführungen – die in der Frage gipfelten, was man „dann denn bitte mit einem Extremdialekt wie dem Oberpfälzischen machen solle?“ – abräumte.

Sehen Sie hier noch einmal Erhard Gurndls Rede zum AfD-Antrag „Deutsche Sprache“ an:

Selbst Wolfgang Schäuble schien äußerst belustigt

Aus dem Stand heraus 360 000 Klicks auf Facebook, viele, die via YouTube das unerhörte Ereignis nachvollziehen wollten, und selbst der sonst so strenge Sitzungspräsident Wolfgang Schäuble quittierte Grundls Auftritt mit einem ungewohnt wohlwollenden Lächeln. Grundl, in den ersten Januartagen des Jahres 1963 in Mallersdorf geboren, seit der Wahl vom 24. September 2017 für die Grünen im Parlament, war mit einem Mal ein Popstar der deutschen Politik.

Erhard Grundl mit R. Forster im Circus Gammesldorf im Jahr 1990. Foto: Bernd Schweinar
Erhard Grundl mit R. Forster im Circus Gammesldorf im Jahr 1990. Foto: Bernd Schweinar

Mit einem Mal? Moment! Erhard Grundl war ja schon Pop- oder besser Rockstar, bevor er Politiker wurde. Von 1987 bis 1997 war er Texter und Sänger der längst legendären Indie-Band „Baby You Know“, die auch dafür gerühmt und geschätzt wurde, dass sie den großen Robert Forster („The Go-Betweens“) für viele Jahre nach Regensburg lockte. Obwohl, um genau zu sein, muss man präzisieren: Es war nicht Regensburg, auch wenn man ihn dort oft flanieren sah, sondern Alteglofsheim, und in gewisser Weise hat er auf Dauer die Karriere der Band auch zerstört, weil er sich in deren ansehnliche Geigerin Karin Bäumler erst verliebte, sie dann heiratete und schließlich ins ferne Australien entführte. Aber einstweilen war noch alles gut: Grundl lebte mit Forster, Bäumler und einer weiteren Frau (nicht seiner eigenen, späteren!) in einer Art Land-Kommune, die als „German Farmhouse“ sogar in einem Pop-Song besungen wurde. Grundl hatte seit 1987 Sozialpädagogik studiert, erst an der Uni Bamberg, dann an der FH Regensburg. Ohne Abschluss, wie das bei den Grünen fast Pflicht ist – siehe das Vorbild Joschka Fischer. Und vermutlich, weil sich eine bürgerliche Nine-to-Five-Existenz mit seinen Pop-Star-Träumen und seinem Freiheitswillen nicht vertrug. Dafür war er seit 1991 hauptberuflich als Vertriebsmanager tätig, zunächst für den Independent-Multi Efa, dann, ab 2003, selbständig. Wie muss man sich das vorstellen? „Ich bin damals 80 000 Kilometer im Jahr gefahren.“ Klapperte die großen Endverkäufer bis hin zum Drogeriemarkt Müller ab, aber auch viele kleine Händler, auf Provisionsbasis („no risk, no fun“). Geld gab es für den Familienvater (Frau, zwei Kinder, eine Katze) nur, wenn er genügend Alben an den Mann brachte. Und natürlich hinterließ der Riese Grundl – ein Meter siebenundneunzig, 115 Kilo – einen Riesenfußabtritt in der Öko-Bilanz, den er auch jetzt, immer noch berufsbedingt viel unterwegs, nur schwer abbüßen kann.

Steckte ihn Claudia-Roth mit dem Politik-Virus an?

„Wenn ich mit meinen Mitarbeitern im Regierungsviertel unterwegs bin, meinen alle, ich sei der Leibwächter.“

Erhard Grundl

Apropos Größe. Auf die Frage, ob ihm denn als Parlamentarier auch ein Bodyguard zustünde, antwortet er nur: „Wenn ich mit meinen Mitarbeitern im Regierungsviertel unterwegs bin, meinen alle, ich sei der Leibwächter.“ Vielleicht war ja an seiner späten politischen Karriere Claudia Roth schuld. Die kennen Sie, oder? Viele Jahre nicht nur das Gewissen der Partei, sondern auch ihre Vorsitzende, seit einiger Zeit als Elder Stateswoman Bundestagsvizepräsidentin an der Seite Wolfgang Schäubles. Aber Claudia Roth begann gewissermaßen als Punk („Keine Macht für niemand“) und gewiefte Managerin der Band „Ton Steine Scherben“. Mit ihr hatte Grundl beruflich immer wieder zu tun, vielleicht wurde er von ihr auch mit dem Politik-Virus angesteckt.

Wie war das eigentlich mit Grundls eigener musikalischer Sozialisation in Vor-„Baby“-Zeiten? Er glaubt sich noch an den „summer of love“ 1967 zu erinnern. Da war er zwar viereinhalb, aber er hatte drei ältere Geschwister und die hörten immer die „Schlager der Woche“. Damals gab es noch nicht so viele andere Möglichkeiten. Bei den Schlagern der Woche stand 1967 monatelang Scott McKenzies Hippie-Hymne „San Francisco“ auf Platz eins. Und, trug er auch Blumen im Haar? Erhard Grundl entschieden: „Ich gehöre zur Generation Punk“. Dazu passt aber nicht unbedingt, dass er ein besonderes Faible für die Rolling Stones und die Doors hatte. Und eben nicht für die „Sex Pistols“ („Anarchy in the U.K.“)

Was die Politik angeht: Grundl, auf Anhieb kulturpolitischer Sprecher der Grünen, aber, da schau her!, auch im Sportausschuss sehr präsent, hat das Zeug, populär zu sein, ohne deshalb populistisch werden zu müssen. Er ist ein „Graswurzler“, kommt, nicht nur wegen seiner Herkunft „von unten“, konkret: aus der Kommunalpolitik. Das war ja einmal das Erfolgsmodell der CSU.

In den örtlichen Vereinen engagiert sich Grundl bis heute

Erhard Grundl am Bundesparteitag der Grünen im Jahr 2017. Foto: privat
Erhard Grundl am Bundesparteitag der Grünen im Jahr 2017. Foto: privat

2004 kam er zu den Grünen, wurde sofort Kreisvorsitzender, 2008 dann Stadtrat in Straubing, später auch Fraktionsvorsitzender. Und er weiß, wo sich auf dem Land das soziale Leben abspielt: in den Vereinen. All seine Mitgliedschaften aufzuzählen, wäre in dieser beschränkten Zeit gar nicht möglich. Aber einige sind ihm besonders wichtig: der Sozialverband VdK, Amnesty International, die Erzeugergemeinschaft Energie Bayern (wo er auch im Aufsichtsrat sitzt), das Fan-Radio „Straubing Tigers on Air“ und, nicht zuletzt, der Förderverein Box-Club Straubing. Wie das? Boxt er selbst? Das wäre wohl Wettbewerbsverzerrung! Aber er schätzt diese Institution, an der immer noch ein wenig der Milieugeruch haftet. Grundl: „Im Box Club in Straubing gibt es viele, zumeist junge Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurden. Viele mit Migrationshintergrund, andere mit schwierigen Biografien.“ Im Box-Club erfahren sie Respekt, lernen Haltung. Grundl rühmt die Ehrenamtler: „Sie trösten bei Niederlagen und jubeln mit bei Siegen. Sie helfen den Jugendlichen, sich ,durchzuboxen’“. Und dann sagt er noch: „Diese Leute sind meine Helden.“

Er versucht auch ansonsten, jetzt als Bundestagsabgeordneter, den Kontakt zur Basis nicht zu verlieren. Er ist viel in seinem Wahlkreis unterwegs. Und er sucht nach neuen Formaten jenseits des Partei-Inzests: „Wirtshausgespräche“ heißt eines der Zauberworte. Die Erfahrungen sind sehr positiv. Grundl „kennt“ die Gesellschaft nicht nur vom Hochsitz seines Berliner Büros aus. Vieles hat er selbst erfahren. Einst musste er kämpfen, wie ein Großteil der Leute, die er vertritt. Jetzt führt er die vergleichsweise samtene Abgeordnetenexistenz mit sieben Mitarbeitern. Sein Resümee, vorläufig: „Die Einkommensverteilung ist gnadenlos ungerecht.“ Dann zeigt er auch noch, wie bibelfest er, als mittlerweile Konfessionsloser, ist: „Wer hat, dem wird gegeben.“

Als kulturpolitischer Sprecher will er vieles freier gestalten

„Kunst muss frei sein.“

Erhard Grundl

Und, was sind so seine Prinzipien als kulturpolitischer Sprecher? Wie sieht er die Lage, was hat er vor? Sein erstes klares Statement: „Kunst muss frei sein.“ Und, ergänzt er, was in Zeiten einer grassierenden politischen Korrektheit schon fast riskant ist: „Kunst muss nicht gefallen – Kunst darf konfrontativ sein.“ Dass Kunst nicht im Elfenbeinturm stattfindet, sondern „bei den Leuten“, dass Kultur immer auch Sozialpolitik ist, klingt bei ihm so: „Kunst entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern im Austausch.“ Und, als hätte er schon geahnt, was sein Parteichef Robert Habeck dem „Rolling Stone“ über Heimat erzählt: „,Daheim ist da, wo das Dylan-Poster hängt.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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