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Musik

Es bleibt bei Spaniens stummer Hymne

Die Spanier können bis jetzt nicht bei ihrer Hymne mitsingen. Das liegt jedoch nicht an Textunsicherheiten der Sänger.
Von Carola Frentzen, dpa

Die Spanier können bis jetzt nicht bei ihrer Hymne mitsingen. Foto: Patrick Pleul/dpa
Die Spanier können bis jetzt nicht bei ihrer Hymne mitsingen. Foto: Patrick Pleul/dpa

Madrid. Wenn die spanische Fußball-Nationalmannschaft vor Spielbeginn ihrer Hymne lauscht, schauen die Akteure meist ziemlich bedröppelt vor sich hin. Während die Italiener mit Inbrunst ihre „Fratelli d’Italia“ anstimmen und die Deutschen „brüderlich mit Herz und Hand“ dabei sind, bleiben die Spanier stumm. Grund: Ihre Hymne ist eine der ganz wenigen in Europa, die nur eine Melodie und keinen Text haben.

Dabei wurde in der 250-jährigen Geschichte der „Marcha Real“ (Königlicher Marsch) immer wieder nach den passenden Worten gesucht – bisher vergeblich. Doch in den vergangenen Wochen haben sich erneut zwei Künstler daran gemacht, passende hymnische Verse zu dichten. Eine ist die Pop-Sängerin Marta Sánchez, die immerhin auf eine 30-jährige Karriere zurückblicken kann. Nachdem sie ihre schwer patriotische Version im Februar im Madrider „Teatro de la Zarzuela“ präsentiert hatte, gab es überschwängliches Lob von Ministerpräsident Mariano Rajoy, der erklärte, „ein Großteil der Spanier“ fühle sich dadurch repräsentiert.

Zeitung zerreißt Vorschlag

Die Zeitung „El País“ wunderte sich am nächsten Tag, auf welche demoskopische Umfrage sich der konservative Politiker da wohl berufen habe mochte – und fügte hinzu, der Text sei fast zu peinlich, um zitiert zu werden. Sánchez sang von einem „großen Spanien“ und dankte Gott dafür, dass sie in diesem Land geboren sei – und dann schwärmte sie von den rot-gelben Farben der Nationalflagge, die in ihrem Herzen flammten. In Zeiten der Abspaltungsgelüste der Krisenregion Katalonien stoßen derlei Bekenntnisse zumindest bei einem Teil der Bevölkerung auf offene Ablehnung.

Nun mischt der Sänger Alejandro Abad bei der Textsuche mit. Der 55-Jährige, der auch als Musikproduzent tätig ist, vertrat Spanien beim Eurovisionswettbewerb 1994 - belegte allerdings nur einen glanzlosen 21. Platz. Immerhin, in seinem „Canta España“ (Sing Spanien, deine Völker und deine Geschichte werden dich schützen) setzt er auf Multikulti und Zusammenleben, auf Diversität, aber mit „einem einzigen Herzen“. Damit könnten sich die katalanischen Separatisten womöglich eher anfreunden.

Eine Hymne brauche einfach einen Text, sonst sei es keine Hymne, sagt Abad der Zeitung „La Vanguardia“ und fordert andere Musiker auf, es ihm nachzutun. Vielen aber fehlt der Mut, sich an ein so monumentales und öffentliches Projekt zu wagen. Denn meist werden die dichterischen Bemühungen gleich von Kritikern zerpflückt.

So geschehen beim vorletzten ernsthaften Versuch: Das war 2007, als das Nationale Olympische Komitee einen offiziellen Wettbewerb zur Textsuche anregte. In Zusammenarbeit mit der Autorenvereinigung SGAE kürte eine sechsköpfige Jury den Vorschlag eines 52-jährigen Arbeitslosen unter mehr als 7000 Einsendungen zum Siegertext. „Viva España!“ (Es lebe Spanien) begann die Hymne, und weiter: „Lasst uns alle gemeinsam singen, mit unterschiedlicher Stimme aber einem einzigen Herzen.“ Man hoffte damit sogar auf die nötige Absegnung durch das Parlament.

Summen statt singen

Die vier ausgewählten Strophen stießen aber nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei den meisten Parteien auf offene Ablehnung, Spaniens größte Sportzeitung „Marca“ sprach gar von einer „Totgeburt“. Der Text sei banal, veraltet und abgestanden, hieß es. Und so wird die spanische Nationalelf auch bei der Fußball-WM in Russland aller Voraussicht nach stumm bleiben oder höchstens leise mitsummen, wenn der Königsmarsch erklingt.

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Die lange suche nach einem Text

  • Bereits im vorigen Jahrhundert gab

    es mehrere Anläufe, den spanischen Königsmarsch mit einem Text zu versehen. Die Melodie selbst ist unbekannten Ursprungs. Die Partitur wurde erstmals im Jahr 1761 gedruckt.

  • Alle bisherigen Vorstöße seien

    „bedauernswert“ gewesen, nörgelte die Zeitung „El Espanol“. Kein Hymnenvers wurde offiziell anerkannt, auch wenn immer wieder mal inoffizielle Varianten gesungen wurden. (dpa)

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