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Menschenrechte

„Es gibt kaum Worte für das Leid“

Die Situation von Migranten, die über das Mittelmeer fliehen, ist erschütternd, schildert eine Flüchtlingshelferin.
Von Anne-Cecilia Kjaer, Flüchtlingshelferin

 Anne-Cecilia Kjaer ist Krankenschwester und arbeitet für Ärzte ohne Grenzen. Foto: Ärzte ohne Grenzen e.V.
Anne-Cecilia Kjaer ist Krankenschwester und arbeitet für Ärzte ohne Grenzen. Foto: Ärzte ohne Grenzen e.V.

Regensburg.Vor drei Wochen ereignete sich im Mittelmeer das womöglich schlimmste Bootsunglück dieses Jahres. Krankenschwester Anne-Cecilia Kjaer von Ärzte ohne Grenzen hat in Libyen Überlebende behandelt. Sie beschreibt ihre Erfahrungen: „Am Donnerstagmorgen erhielten wir einen Anruf: Überlebende eines Bootsunglücks vor der libyschen Küste seien in den Hafen von Choms gebracht worden. Es waren etwa 80 Menschen, hauptsächlich aus Eritrea, dem Sudan, Ägypten und Bangladesch. Es war sehr heiß. Die Menschen (...) hatten kaum Kleidung an, einige trugen nur ein Handtuch oder Unterwäsche.“

„Ein Mann aus dem Sudan erzählte, er habe seine Frau und seine Kinder ertrinken sehen. Fassungslos und in Schockstarre saß er da.“ Anne-Cecilia Kjaer

„Wir identifizierten schnell die medizinischen Notfälle: Einige der Geretteten hatten viel Wasser geschluckt, konnten nur schwer atmen. Sie waren in einem sehr kritischen Zustand. Sie lagen auf dem Boden, die Haut und Lippen blaugrau verfärbt“, schildert Anne-Cecilia Kjaer weiter. „Ein Mann aus dem Sudan erzählte, er habe seine Frau und seine Kinder ertrinken sehen. Fassungslos und in Schockstarre saß er da. Als sich die Lage etwas beruhigte, fingen wir an, weniger akute Beschwerden zu behandeln und Wasser und Essen zu verteilen. Die Menschen hatten kleine Wunden, Magenschmerzen durch das Schlucken von Wasser, teilweise stark unterernährt und schwer traumatisiert. Die Überlebenden erzählten mir, dass sie am Vorabend mit drei vertäuten Booten die libysche Küste verlassen hatten. Dann sei ein Boot beschädigt worden, Wasser drang ein. Sie versuchten umzukehren. Doch das Boot begann zu sinken. Die meisten Kinder konnten nicht schwimmen. Diejenigen, die es konnten, waren zu erschöpft, um sich über Wasser zu halten. Augenzeugen zufolge trieben mindestens 70 Leichen im Wasser. Die Überlebenden wurden von Fischern gerettet und nach Choms gebracht.“

„Das muss unbedingt aufhören.

Anne-Cecilia Kjaer, Flüchtlingshelferin

Die Menschen hatten schon zuvor eine grausame Flucht hinter sich. Sie hatten die Wüste durchquert, sind von Menschenhändlern gefangen gehalten worden, waren Gewalt und Folter ausgesetzt. Dann sahen sie ihre Verwandten ertrinken. Jetzt werden sie wohl in irgendein Gefängnis gesteckt oder verschwinden spurlos in einem Land im Krieg. Ich bin erschüttert, dass Menschen, die einem solchen Ausmaß an Gewalt ausgesetzt waren, so behandelt werden. Das muss unbedingt aufhören. Während ich versuche, dies alles zu beschreiben, merke ich: Es gibt kaum Worte dafür, wie sehr diese Menschen leiden.

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