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Politik
Mittwoch, 25. April 2018 22° 3

Gesellschaft

Es gibt viele Heimaten

Weihnachten ist die Zeit, in der Menschen heimkommen. Und eine gute Zeit, um über einen modernen Heimatbegriff nachzudenken.
von Sebastian Heinrich

Zusammenkommen: Darum geht es vor allem an Weihnachten. Ein moderner Heimatbegriff kann dabei helfen, dass Menschen in Deutschland zusammenkommen. Foto: dpa

Heimat, das können auch ein paar Plastikflecken sein. Jedes Jahr um den ersten Advent herum halte ich sie in den Händen. Ein paar Zentimeter groß, durchsichtiger Kunststoff, abgerundete Ecken, Aufdruck in Rot, Grün, Weiß, Braun: Weihnachtsfarben. Schneeflocken sind darauf zu sehen, Weihnachtsmänner, Christbäume. Seit ich denken kann, kleben sie in der Weihnachtszeit daheim am Fenster. Egal, wo daheim gerade ist.

Zu keiner Zeit im Jahr wird das Heimkehren gefeiert und beworben wie vor und an Weihnachten. „#Heimkommen“, so hatte die Supermarktkette Edeka 2015 einen vielbeachteten romantisch-traurigen Weihnachts-Spot betitelt. Der Song „Drivin’ home for Christmas“ wabert Advent um Advent durch Läden, über Weihnachtsmärkte, aus Autoradios. Flughäfen, Bahnhöfe, Autobahnen wimmeln von Menschen auf dem Weg in die Heimat.

Aber was, wenn man die eine Heimat nicht hat – sondern mehrere?

Heimat ist ein starrer Begriff – und ein umkämpfter


Fast ein Viertel der Einwohner Deutschlands hat heute einen ausländischen Pass oder familiäre Wurzeln in einem anderen Staat. Auf der anderen Seite leben Millionen deutscher Staatsbürger im Ausland. Innerhalb Deutschlands wechseln, je nach Altersgruppe, bis zu 17 Prozent der Menschen ihren Wohnort. Millionen haben mehrere Heimaten. In Gesprächen kommt die Heimat aber fast immer im Singular vor: ein Ort, eine Region, ein Land. Heimat bleibt ein starrer Begriff.

Und es ist ein Kampfbegriff, immer noch, ganz besonders in Deutschland. Konservative und Rechte beharren darauf, dass jeder Mensch eine Heimat habe – und nur eine –, zu der er sich bekennen und auf die er stolz sein müsse. Viele deutsche Progressive und Linke bekommen Hautausschlag, kaum haben sie das Wort „Heimat“ gehört. Problematisch sind beide Haltungen.

Der traditionell-konservative Heimatbegriff ist problematisch, weil er immer ein Entweder-oder voraussetzt. Entweder Bayer oder Preuße, entweder Deutscher oder Türke. Millionen Menschen zwingt diese Heimatvorstellung zu Entscheidungen, die sie gar nicht treffen können. Heimat ist für diese Menschen ein Sowohl-als-auch: Sowohl Bayer als auch Preuße, sowohl Deutscher als auch Türke. Wer das nicht akzeptiert, der grenzt aus – auch, wenn er das nicht beabsichtigt. Wer von Menschen mit mehreren Identitäten verlangt, eine davon aufzugeben, der verlangt von ihnen eine Amputation eines Teils der Persönlichkeit.

Niemand schafft Weihnachten ab, Weihnachten verändert sich. So, wie sich alle Heimaten verändern, solange sie lebendig sind.

Das zweite Problem: Weil das konservative Heimatsverständnis kein Sowohl-als-auch zulässt, führt es zu Angst. Angst vor Veränderungen, Angst vor Verlust. Womit wir wieder bei Weihnachten wären. Seit Jahren reden Stammtische, schreiben und sprechen Facebook-Kommentatoren und leider auch Journalisten und Politiker von angeblichen Versuchen, Weihnachten aus Respekt vor Muslimen zum Lichterfest und Christkindlmärkte zu Wintermärkten zu machen – von Versuchen also, Weihnachten mit Gewalt von seinem religiösen Kern wegzureißen. Das sind fast immer Falschmeldungen. In Wahrheit schieben die Deutschen, ganz ohne Zutun von Zuwanderern, Weihnachten seit Jahrzehnten langsam weg von seinem christlichen Zentrum. Die Kirchenbänke während der Rorate-Messen werden leerer, aber die Weihnachtslichter an den Häusern greller, die Weihnachtsmärkte voller und zahlreicher. Niemand schafft Weihnachten ab, Weihnachten verändert sich. So, wie sich alle Heimaten verändern, solange sie lebendig sind.

Die Meldungen vom Untergang des Advents passen aber zum Unbehagen vieler. Zu einer Spannung, die aus dem Widerspruch entsteht zwischen einem starren Heimatbegriff auf der einen Seite und einer wachsenden Zahl von Menschen mit mehreren Heimaten auf der anderen.

Wer nur eine Heimat hat, der tut sich schwer, die Vielheimatigkeit anderer zu akzeptieren. Und im schlimmsten Fall sieht er sie als Bedrohung für die eigene Identität.

Dabei gibt es die Heimat im Plural eigentlich seit Jahrhunderten.

Dabei gibt es die Heimat im Plural eigentlich seit Jahrhunderten. Das sieht man schon bei einem präzisen Blick auf einen typisch deutschen weihnachtlichen Gabenteller. Lebkuchen? Undenkbar ohne exotische Gewürze wie Kardamom oder Zimt. Orangen? Wachsen sicher nicht in niederbayerischen Gärten. Vom Kakao für Schokonikoläuse ganz zu schweigen. Auch die deutsche Weihnacht hat viele Heimaten.

Linke Heimatophobie ist naiv

Man möchte meinen, Linke täten sich da leichter. Wer Migration begrüßt und Multikulturalität liebt, der müsste doch eigentlich offen sein für einen Heimatbegriff, den man in die Mehrzahl setzen kann. Viele progressive Deutsche lehnen das Wort Heimat aber einfach ab. Sie rümpfen die Nase über Mitbürger, die an Weihnachten „Stille Nacht“ singen oder eine Krippe aufbauen, bei Fußball-Länderspielen sind sie natürlich gegen Deutschland– und sie schreien auf, wenn Politiker aus ihren Reihen über Heimat und Identität sprechen wollen: Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt und Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel haben die linke Heimatophobie jüngst wieder erfahren.

Diese Ablehnung ist naiv. Laut einer repräsentativen Umfrage aus dem Oktober sehen 92 Prozent der Deutschen den Begriff „Heimat“ positiv, selbst unter Anhängern der Linkspartei sind es demnach 82 Prozent. Es ist absurd, sich zu fragen, ob man Heimat akzeptiert. Wichtig wäre, stattdessen über das Wie zu diskutieren: über einen Heimatbegriff, der Menschen migrantischer Herkunft nicht aus-, sondern explizit einschließt. Einen, nach dem Weltoffenheit, Solidarität nach innen und außen, Demokratie und Aufklärung die wichtigsten Werte sind.

Den Menschen mit mehreren Heimaten bieten auch heimatophobe Linke keine Alternative. Sie sagen nicht: Deutsch sein kann jeder, der hier wohnt und die Grundrechte der Bundesrepublik achtet. Sie sagen: Deutschsein ist bäh. Und wenn Du eine Heimat willst, dann nimm’ halt Deine andere. Dann sei eben Italiener oder Syrer. Heimat im Plural? Nicht, wenn Deutschland dazugehört.

Gerade unter den brillantesten Gegnern des dunklen Deutschlands waren Menschen mit glühender Heimatliebe im Herzen.

Es gibt ein gewichtiges historisches Argument für die Anti-Heimat-Haltung: der aggressive Nationalismus im Namen Deutschlands, der zwei Weltkriege ausgelöst hat – und der zum Holocaust geführt hat, zum tiefsten Abgrund der Unmenschlichkeit. Aber gerade unter den brillantesten Gegnern des dunklen Deutschlands waren Menschen mit glühender Heimatliebe im Herzen: Oskar Maria Graf etwa, der Antifaschist, der als Exilant in Lederhosen durch New York spazierte. Willy Brandt, der sich sein politisches Leben lang als Patriot verstanden hat, als Repräsentant eines anderen Deutschlands.

Was Heimat ist, hängt ja vor allem von der eigenen Lebensgeschichte ab.

Weihnachten ist die Zeit, in der Menschen heimkommen, um zusammenzukommen. Weihnachten ist eine gute Zeit, um Brücken zu schlagen zwischen den Ufern dieses gespaltenen Landes.

Ein moderner Heimatbegriff kann so eine Brücke sein. Einer, der Veränderung als selbstverständlich akzeptiert. Ein Heimatbegriff, der verbindet, weil er offen ist für alle Menschen guten Willens – egal, wo die Eltern geboren sind, egal, welche Gebete man spricht oder ob man sie überhaupt spricht. Und einer, der gleichzeitig individuell ist. Was Heimat ist, hängt ja vor allem von der eigenen Lebensgeschichte ab. Dazu gehören Erinnerung und Gegenwart, die Wurzeln der Großeltern wie der Lieblingsspielplatz der eigenen Kinder. Und dazu gehören die Menschen, die einem Geborgenheit geben.

Traditionell-Konservativen nähme ein solches Heimatverständnis nichts weg. Wenn manche mehrere Heimaten haben, können andere ja weiter nur eine haben. Und manche Linke könnten ihre Heimatangst heilen, das vermeintliche Monsterwort zähmen.

Mein Heimatgefühl ist am 24. Dezember am stärksten. Wenn meine liebsten Mitmenschen am Tisch sitzen. Auf dem steht dann Fisch mit Kartoffelsalat, nach einem Familienrezept aus Nordmähren im heutigen Tschechien, aus dem meine vier Großeltern vor sieben Jahrzehnten als Flüchtlinge nach Bayern kamen. Wenn ich das Stimmengewirr aus Deutsch und Italienisch höre – meine Verlobte und meine künftigen Schwiegereltern kommen aus Venetien. Und wenn ich aus dem Fenster schaue durch die weihnachtsbunt bedruckten Plastikflecken, die immer da sind. Immer dort, wo gerade Heimat ist.

Der Autor

Sebastian Heinrich: Hat verstanden, wie wichtig Heimat ist, als er sich zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr heimisch fühlte. Damals war er zwölf und wohnte 1500 Kilometer von seiner Geburtsstadt weg. Heute ist er ein Vielheimatiger – und froh darüber.

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