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Europa und die Schlafwandler

Die Integrationsleistung in Europa zu zerstören, geht schnell. Aber reparieren lässt sich das nicht mehr so einfach.
Von Ulf Brunnbauer, Historiker

Ulf Brunnauer: Der Autor ist Südosteuropahistoriker und Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. Foto: Brunnbauer
Ulf Brunnauer: Der Autor ist Südosteuropahistoriker und Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. Foto: Brunnbauer

Regensburg.Die Lage ist düster: In Teilen des Staatenbundes sind seine dezidierten Feinde an die Macht gekommen. Mit ihrer extremen Rhetorik, voll von Lügen, Hass und Vorurteilen, bestimmen sie die öffentliche Debatte. Auch etablierte Kräfte wecken Ängste, um das eigene Versagen zu übertünchen. Provinzpolitiker pochen auf regionale Alleingänge, wohl wissend, dass sie damit das Überleben des gesamten Bundes aufs Spiel setzen. Jeder ist sich seiner selbst am nächsten geworden. Diese Zeilen beschreiben die politische Lage in Ex-Jugoslawien vor 30 Jahren, 1988. Drei Jahre später bricht der Staat entlang seiner nationalen Trennlinien zusammen.

Diese Zeilen können genauso gut Europa im Jahr 2018 beschreiben; auch hier ist die Lage ernst. Es kommen einem Zweifel, ob die politischen Eliten und Bevölkerungen Europas aus dem Schicksal Jugoslawiens gelernt haben. Vielmehr, so scheint es, schlafwandeln sie ein erneutes Mal an einem Abgrund. Die Feinde Europas, sei es im Kreml oder im Weißen Haus, aber auch im Inneren, können frohlocken, wie sich die EU gerade selbst untergräbt. Und das in einer Zeit weitgehender Prosperität (im Unterschied zu Jugoslawien, das sich in einer tiefen Wirtschaftskrise befand).

Der Vergleich zwischen Jugoslawien, das nach seinem Zerfall in einem blutigen Krieg versank, und der Europäischen Union hinkt natürlich. So droht in der EU keine Gewalt (hoffentlich). Aber einige Parallelen machen nachdenklich: Auch in Jugoslawien begannen Teilrepubliken, ihre Grenzen zu schließen. Führende Politiker sprachen Ende der 1980er das vorher Undenkbare aus: dass der Staat zusammenbrechen könne. So wie heute führende Vertreter der EU warnen, dass die Union aufgrund der „Migrationskrise“ zerfallen könnte.

Um es nicht so weit kommen zu lassen, könnten zwei Lektionen aus dem Zerfall Jugoslawiens nützlich sein. Erstens: Es dauert sehr lange, Institutionen der engen Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Staaten zu bauen. Die Integrationsleistung zerstören geht jedoch schnell. Reparieren lässt sich das nicht mehr so einfach. Zweitens sollte die Politik nicht den Blick auf das große Ganze verlieren. Natürlich lassen sich einfache Lösungen besser verkaufen als komplexe. Nur schaffen diese mehr Probleme, als sie lösen.

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