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Migration

Fachkräfte von morgen fehlen

Es klingt auf den ersten Blick paradox: Aber Deutschland braucht gerade in Zeiten wie diesen ein Zuwanderungsgesetz.
von Prof. Klaus F. Zimmermann, Direktor des unabhängigen Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA)

Prof. Klaus F. Zimmermann ist  Direktor des unabhängigen Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA).
Prof. Klaus F. Zimmermann ist Direktor des unabhängigen Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA).

In diesem Herbst werden in Deutschland etwa 40 000 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, weil geeignete Bewerber fehlen. Wo aber heute die Auszubildenden ausbleiben, fehlen uns morgen die Fachkräfte. Dabei gibt es Tausende von jungen, motivierten Flüchtlingen, die genau eine solche Lehrstelle bei uns suchen, sie aber nicht bekommen, weil die Rechtslage zu unsicher ist.

Viele Unternehmen suchen schon heute vergeblich Mitarbeiter. Bis zum Jahr 2050 wird unser Erwerbspersonenpotenzial nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts um 10 bis 15 Millionen zurückgehen. Das hängt nicht zuletzt auch von der Entwicklung und Gestaltung der Zuwanderung ab. Gleichzeitig gibt es für Flüchtlinge hohe Arbeitsmarktbarrieren, selbst wenn sie beste berufliche Erfahrungen oder eine gute Ausbildung mitbringen. Das ist genauso absurd wie unser Zögern vor einem Zuwanderungsgesetz.

Gerade weil wir derzeit mit einer großen Zahl von Flüchtlingen konfrontiert sind, bietet ein solches Gesetz nur Vorteile: In dem Moment, wo es eine attraktive legale Option gibt, nach Deutschland zu kommen, wird der ökonomische Wanderungsdruck über das Asylrecht nachlassen. Gleichzeitig besteht dann die Möglichkeit, auch Flüchtlingen, die ihre Qualifikation nachweisen können, anstelle eines Asylverfahrens ein solches Zuwanderungsangebot zu machen. Auch das würde zu einer Entlastung der Asylverfahren führen. Schon bei der Erstaufnahme könnten solche Informationen zur Qualifikation erhoben und dann bei der regionalen Verteilung der Flüchtlinge berücksichtigt werden.

Wir müssen uns endlich von der Vorstellung lösen, es kämen nur gering- oder unqualifizierte Migranten oder Asylsuchende zu uns, um uns „zur Last“ zu fallen. Diese Ansicht war nie richtig und ist heute falscher denn je, wie allein ein Blick auf die sehr oft hohe Qualifikation der Flüchtlinge aus Syrien zeigt. Die Deutsche Rentenversicherung hat soeben eine erfreuliche Zunahme ihrer Beiträge vermelden können. Das ist vor allem auf positive Zuwanderungseffekte zurückzuführen. Sie könnten viel größer ausfallen, wenn wir unsere Zuwanderungspolitik effizienter organisieren würden.

Ein bewährtes Auswahlsystem steuert die Zuwanderung nach Kriterien wie Alter, Ausbildung, Beruf, Sprachkenntnissen und Arbeitsmarktbedarf nach Punkten. Bewerber mit den höchsten Punkten könnten zuwandern, bis eine politisch gesetzte Quote ausgeschöpft ist. Der „Quereinstieg“ von qualifizierten Flüchtlingen wäre dabei jederzeit möglich. Wenn sie schon länger in Deutschland leben, hätten sie durch Integration und Spracherwerb sogar einen Vorteil gegenüber anderen Bewerbern.

Die Erfahrungen anderer Staaten zeigen, dass ein Punktesystem flexibel organisiert und schnell an neue Gegebenheiten angepasst werden kann. Fehlsteuerungen können damit ohne langwierige Gesetzesänderungen vermieden werden. Ein Auswahlverfahren bietet gleichzeitig Interessenten aus aller Welt einen Anreiz, sich gezielt zu bewerben.

So paradox es also auf den ersten Blick klingen mag: Ein Zuwanderungsgesetz ist mit Blick auf die aktuellen Flüchtlingsströme notwendiger denn je. Es öffnet nicht etwa alle Schleusen, sondern sorgt für Klarheit und Berechenbarkeit. Das ist es, was wir jetzt dringend brauchen.

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