MyMz

Fahrlässige Staatsmänner allerorten

Historiker Christopher Clark spricht in Regensburg über den Ersten Weltkrieg. Sein Buch „Die Schlafwandler“ hatte in Deutschland eine Kontroverse ausgelöst.
von Christine Strasser, MZ

Der Historiker Christopher Clark sprach in Regensburg. Foto: dpa

Regensburg.Als der in Großbritannien lehrende australische Historiker Christopher Clark begann, ein Buch über den Ersten Weltkriegs zu schreiben, stieß er bei Kollegen auf Skepsis. Das sei doch alles „bis zum Erbrechen“ aufgearbeitet. Zudem stehe die Antwort bereits fest: Deutschland trage die Hauptschuld. So berichtet es Clark am Mittwochabend im Auditorium des Thon-Dittmer-Palais vor 180 Zuhörern. Inzwischen ist passiert, womit kein Historiker rechnen kann. Clark ist ein Bestseller-Autor. Seit 18 Monaten absolviert er einen Vortragsmarathon. Seit dem Erscheinen von Clarks Buch „Die Schlafwandler“ ist kaum ein Artikel über den Ersten Weltkrieg geschrieben worden, in dem Clark nicht zitiert wird

In dem Vortrag, den das Institut für Ost- und Südosteuropaforschung zusammen mit der Volkshochschule Regensburg organisiert hat, beschäftigte sich Clark mit Kriegsursachen, Auslösern und Zielen. Für Clark ist die entscheidende Frage dabei nicht „Wer hatte Schuld?“, sondern „Wie konnte es zu der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kommen?“.

Dennoch fokussierte sich die Debatte, die sich über Clarks Buch in Deutschland entzündete, auf die Schuldfrage. Zwar vertritt kaum noch jemand die These von der deutschen Alleinschuld, wohl aber wird in der einschlägigen Literatur häufig von der Hauptverantwortung des Deutschen Reiches gesprochen. 1961 verortete der deutsche Historiker Fritz Fischer in seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“ die Schuld für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs klar in Deutschland. Clark attestiert dem „Vorkriegssystem“ nun, es habe 1914 in einer Konstellation gesteckt, „aus der Krieg der einzige Ausweg war“.

Auf die Mühlen der Revisionisten war das Wasser. Die These erscheint ihnen wie ein Freispruch des Deutschen Reichs. Clark fühlt sich allerdings missverstanden, wenn sein Buch so gelesen wird. „Die deutsche Außenpolitik war hanebüchen“, betont er. Staatsmänner, die fahrlässig handelten, „Schuldige“, lassen sich aber auf allen Seiten finden. Eine Geschichtsinterpretation, bei dem alles darauf hinauslaufe wie in einem James-Bond-Film einen „Bösewicht im Samtjackett“ zu finden, widerstrebt Clark.

Ihm geht es um einen gesamteuropäischen Blick. Vor allem die Darstellung der serbischen Verhältnisse ist dem Historiker wichtig. Und ihn beschäftigt die „Modernität des Geschehens“ vor 100 Jahren. Denn niemandem, der sich heute mit der Krise des Sommers 1914 auseinandersetzt, könne entgehen, wie stark die damaligen Ereignisse in der heutigen Zeit nachhallen. Nur ein Beispiel: Damals begann es mit einer Truppe von Selbstmordattentätern und einem Autokonvoi. Hinter dem Gewaltausbruch von Sarajevo steckte eine Organisation, die Opfer, Tod und Rache zum Kult erhob. Geschichte wiederholt sich zwar nicht. Clark ist jedoch überzeugt, dass die Besinnung darauf erhellend sein kann, wenn man sich bewusst macht, dass Gespräche über die Vergangenheit ergebnisoffen geführt werden müssen.

Im nächsten Vortrag der Ringvorlesung beschäftigt sich Prof. Trude Maurer mit dem Thema „Patriotismus ohne Nationalismus und zurückhaltende ‚Verteidigung der Heimat‘“. Der Vortrag findet am Mittwoch, 26. November, um 19.30 Uhr im Thon-Dittmer-Palais am Haidplatz 8 statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldung unter Tel. (0941) 507-2433 erforderlich.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht