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Politik
Mittwoch, 20. Juni 2018 30° 3

Wandel

Frauen im Golfstaat am Steuer

Saudi-Arabien hebt das Fahrverbot für Frauen auf. Ohne die Reform würde das Land wirtschaftlich an die Wand fahren.
Von Benno Schwinghammer und Rania Al-Karawi, dpa

Bisher geben arbeitende Frauen in Saudi-Arabien bis zu 40 Prozent ihres Gehalts für einen Fahrer aus, sagen Einheimische. Foto: Ahmed Yosri/dpa
Bisher geben arbeitende Frauen in Saudi-Arabien bis zu 40 Prozent ihres Gehalts für einen Fahrer aus, sagen Einheimische. Foto: Ahmed Yosri/dpa

Riad.„Erfolg kennt kein Geschlecht“ prangt in großen Buchstaben an der Wand von Glowork in Riad. Die Arbeitsvermittlung in Saudi-Arabien begleitet schon seit 2011 Frauen auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt des ultrakonservativen Landes.

Der 24. Juni soll für die Arbeit der Agentur ein Schlüsseldatum werden. In einem Monat sollen Frauen auch in der Wüstenmonarchie Auto fahren dürfen. Das Königshaus hofft durch diese und andere Reformen auf einen ökonomischen Schub, ohne den die Wirtschaft der Regionalmacht früher oder später wohl gegen die Wand fahren würde.

Tief eingebrannt hat sich das einseitige Geschäftsmodell des größten Erdölexporteurs der Welt. Mit dem Verkauf des Rohstoffs wurde Saudi-Arabien zwar unsagbar reich, aber ruhte sich auch lange auf seinem Geld aus. Spezialisten kamen aus dem Westen, Millionen Gastarbeiter wurden für die niederen Tätigkeiten geholt. Für seine Untertanen schuf das Königshaus dabei gut bezahlte Beamtenstellen, auch wenn diese oft nicht gebraucht wurden.

Arbeitende Frauen haben ein grundsätzliches Problem. „Für Fahrer geben sie bis zu 40 Prozent ihres durchschnittlichen Gehalts aus“, berichtet Glowork-Managerin Ghaida Al-Mutairi, während sie durch die Glasbüros der Job-Plattform führt. Einen Großteil des Geldes schicken die oftmals ausländischen Arbeitskräfte dann nach Hause. Eine volkswirtschaftliche „Lose-lose“-Situation.

Billionenschwerer Umbau

Das erkannte auch die autokratische Regierung des Golfstaates. Sie reagierte vor zwei Jahren mit der „Vision 2030“, einem billionenschweren Umbau der Wirtschaft, um diese unabhängiger vom Öl und den Staat zum Technologie-Standort zu machen. Teil des Projekts ist es, die an Ausländer ausgelagerte Arbeit wieder von saudischen Männern und Frauen machen zu lassen.

„Angesichts von über 50 Prozent weiblicher Hochschulabsolventen werden wir weiterhin ihre Talente fördern“ und dadurch die eigene Wirtschaft stärken, heißt es im Detailpapier des Masterplans. Das Ende des Fahrverbots für Frauen wurde im September angekündigt.

Dabei sind die Änderungen auch eine Zäsur, die in dem patriarchalischen Land erst einmal ankommen muss. Vielen Saudis ist es noch immer schwer vermittelbar, dass Frauen statt Hausarbeit Karriere machen könnten. Doch die Anforderungen auch an die Familien hätten in den vergangenen Jahren zugenommen, erklärt Al-Mutairi.

„Die Menschen verstehen, dass eine Einkommensquelle – die immer der Vater beziehungsweise der Ehemann war – nicht mehr genug sein wird.“

Ghaida Al-Mutairi

Ein großer Teil der Bevölkerung könne nicht einfach zu Hause bleiben, sagt sie. Stattdessen müsse Frauen nachgeeifert werden, die es in den vergangenen Jahren an die Spitze von Banken, Börse oder Zeitungen geschafft haben. Ihr ökonomischer Wert sei enorm und könnte über Erfolg und Misserfolg des saudischen Projektes entscheiden.

Für seine Reformen und die Ankündigung, Frauen das Autofahren zu erlauben, wurde vor allem der junge Kronprinz Mohammed bin Salman weltweit gelobt. Doch über dem nahenden historischen Datum liegt seit wenigen Tagen auch ein Schatten. Einige der prominentesten Autofahr-Aktivisten der vergangenen Jahre und Jahrzehnte wurden in der vergangenen Woche festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, den inneren Frieden des Landes zu gefährden.

Machtkalkül des Thronfolgers

Der Zeitpunkt scheint paradox. Aber Experten gehen davon aus, dass der 32-jährige Thronfolger klar machen will, dass Wandel im Königreich von ihm allein ausgeht – nicht von Aktivisten. Die Liberalisierungen sollen demnach in erster Linie seinem Machtkalkül und wirtschaftlichen Konzept dienen.

Nauf al-Attibi hat es als Ingenieurin geschafft, in eine saudische Männerdomäne vorzudringen. Von ihrem persönlichen Fahrer habe sie sich schon verabschiedet, sagt sie, während sie in einem Autohaus in Riad steht und überlegt, welchen Wagen sie künftig lenken will.

„Ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem Frauen fahren dürfen.“

Nauf al-Attibi

Doch al-Attibi hat – wie viele andere Frauen in Saudi-Arabien – auch etwas Sorge vor dem Tag Ende Juni. Sie befürchtet, auf der Straße von Männern belästigt zu werden. Schon seit Monaten kursieren Witze und Schmähungen über Frauen am Steuer in sozialen Medien. König Salman hatte angekündigt, sexistische Beleidigungen zu bestrafen. Ein entsprechendes Gesetz ist aber noch nicht verabschiedet worden.

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