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Kommentar

Fremder Stolz

Ein Kommentar von Claudia Bockholt

Nach der Wahl in der Türkei ist die Empörung hierzulande groß: Zwei Drittel der in Deutschland lebenden Türken haben Recep Tayyip Erdogan ihre Stimme gegeben, wird landauf, landab berichtet. Aus anderen EU-Staaten hört man ähnliche Zahlen. Integration völlig gescheitert, lautet das ernüchterte Fazit. Aber stimmt das wirklich?

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir erklärt markig, dass alle Türken, die den Wahlsieg Erdogans wie ein gewonnenes WM-Finale gefeiert haben, „zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie“ ausgedrückt hätten. „Wie die AfD eben.“ Das Urteil über ein paar Fahnenschwenker und gleichzeitig hunderttausende Wähler ist im Handstreich gefällt. Man muss aber genauer hinschauen.

Fast drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln oder aus der Türkei Zugewanderte leben bei uns. Nur die Hälfte von ihnen war wahlberechtigt, und wiederum nur die Hälfte der Wahlberechtigten hat abgestimmt. Am Ende heißt das: Weniger als eine halbe Million Türken hat für die AKP gestimmt. Das lässt zumindest die Möglichkeit offen, dass weit über zwei Millionen in Deutschland lebende Türken beziehungsweise Türkischstämmige keine Erdogan-Anhänger sind. Und wenn sie es wären? Wer sind wir, mal schnell aus dem Handgelenk den Stab über sie, ihre Gefühle, ihre Gedanken zu brechen? Dass gerade in der Fremde – das Deutsche hat dafür das treffende Wort – die eigenen Wurzeln gehegt, mitunter sogar ein extrovertierter Patriotismus gepflegt wird, ist nichts, was die Türken allein auszeichnet. Wir kennen es zum Beispiel auch von den Russlanddeutschen, die sich auch in der zweiten hier lebenden Generation in Communitys zusammenfinden, teils eigene Stadtteile bilden. Viele von ihnen schauen bevorzugt den staatlichen Sender Russia 24 und sind glühende Putin-Verehrer.

„Das Urteil über ein paar Fahnenschwenker und gleichzeitig hunderttausende Wähler ist im Handstreich gefällt. Man muss aber genauer hinschauen.“

Die Asiaten tun es, und die Deutschen tun es auch. Nur halten wir es für putzige, leicht verschrobene Sentimentalität, wenn Amerikaner, deren Vorfahren vor 350 Jahren ihr Heil auf der anderen Seite des Atlantik suchten, bis heute deutsche Bierfeste feiern und in geselliger Runde „Am Brunnen vor dem Tore“ anstimmen. Fun fact: Die „Deutschamerikaner“ sind die größte ethnische Gruppe in den USA. Vermutlich haben viele dieser 45 Millionen Donald Trump gewählt. Was sagt das über den Stand ihrer Integration aus? Nichts.

Natürlich: Eine Türkei unter Erdogan ist kein ernstzunehmender EU-Beitrittskandidat. Man muss die Entwicklung kritisch begleiten. Doch die andauernde Kritik an Erdogan, die pauschale Verurteilung der Türkei als Unrechtsstaat, begleitet von einer an Heiligenverehrung erinnernden Begeisterung für den Journalisten Denis Yüzel, wird viele hier lebende Türken, die sich ihrer Heimat eng verbunden fühlen, angestachelt haben: Jetzt erst recht! Und nicht zu Unrecht werfen sie uns Bigotterie vor. Sie sagen: Ihr schimpft auf Erdogan, seid aber sehr damit einverstanden, dass er Euch die Flüchtlinge vom Leib hält.

„,Deutschamerikaner‘ sind die größte ethnische Gruppe in den USA. Vermutlich haben viele dieser 45 Millionen Donald Trump gewählt.“

Türken leben und arbeiten bei uns, bauen fleißig Häuser und Geschäfte auf, ziehen Kinder groß. Viele Enkelkinder von einst aus Anatolien eingewanderten Analphabeten sind heute Akademiker. Die meisten Türken sind sehr gut integriert. Alle Kritiker, die jetzt nach der Türkei-Wahl etwas anderes behaupten, meinen gar nicht Integration. Sondern sie fordern von Zugewanderten Assimilation. Damit überfordern sie die Menschen. Und – noch schlimmer – sie signalisieren mit einer gehörigen Portion Arroganz: Wir hier auf der richtigen Seite wissen es besser als Ihr dort drüben auf der falschen. Das schafft Distanz – der denkbar schlechteste Weg, Gräben zu überwinden und Integration gelingen zu lassen.

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