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Einsatz

G7-Gipfel: Für Ärger sorgte nur das Wetter

Bei einem Anschlag in Elmau hätte ein Bad Abbacher ran müssen. Ostbayern organisierten Hilfe, Sicherheit – und Protest
von Christian Kucznierz, MZ

Ein Schild mit Dank an die Einsatzkräfte hängt  in Garmisch-Partenkirchen an einer Fensterscheibe. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Ein Schild mit Dank an die Einsatzkräfte hängt in Garmisch-Partenkirchen an einer Fensterscheibe. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Garmisch-Partenkirchen.Nichts geht mehr. Stau, Chaos, Polizisten, die den Verkehr regeln. Das ist zumindest das Bild aus München am zweiten und letzten Tag des G7-Gipfels. In und um Garmisch-Partenkirchen, in der Nähe des Tagungsorts, ist es dagegen fast unheimlich still. Kaum Verkehr auf den Straßen, dafür Polizeifahrzeuge überall. Die Demonstranten haben an diesem Tag beschlossen, nicht zu demonstrieren, die letzten Tage waren zu anstrengend.

Mathias Prasch aus Bad Abbach leitete während des Gipfels einen Dekontaminationszug.
Mathias Prasch aus Bad Abbach leitete während des Gipfels einen Dekontaminationszug. Foto: kc

Die Sonne scheint über den Bergen, von dem Unwetter, das München in Atem hielt, ist in Krün am Vormittag nichts zu sehen. Hier, wo US-Präsident Barack Obama am Sonntag alkoholfreies Weißbier und Weißwürste kredenzt bekam, ist Mathias Prasch stationiert, genauer gesagt im Elektrizitätswerk am Fluss, etwas außerhalb des Orts. Der 32-Jährige aus Bad Abbach leitete während des Gipfels einen Dekontaminierungszug mit 22 Mann, zwölf davon gehören der Freiwilligen Feuerwehr Bad Abbach an, vier der Feuerwehr Aichach, die einen Messwagen mit Messtechnik betreuen, und sechs Mann einer CBRNE-Einheit, wobei die Abkürzung für „chemical, biological, radioactive, nuclear, explosive“ stehen. Hätte es einen Anschlag gegeben, Praschs Truppe wäre an vorderster Front gewesen.

Der 32-Jährige ist im echten Leben Montagemechaniker bei der Maschinenfabrik Reinhausen, ehrenamtlich stellvertretender Kommandant der Bad Abbacher Feuerwehr, im Landkreis Kelheim leitet er den Fachbereich Dekontamination. Wenn es daheim Gefahrengut-Unfälle gibt, ist Prasch mit seinen Leuten vor Ort. Und wenn es in Elmau zu einer Katastrophe gekommen wäre, wäre er eben auch vor Ort gewesen. Aber so weit kam es nicht.

Kommentar

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Im folkloristischen Bilderreigen des bayerischen Alpen-Disneylands fehlte höchstens noch der Wolpertinger als Maskottchen für Angela Merkel und ihre Gipfelgäste....

Vorbereitungen liefen ein Jahr lang

In Krün war Mathias Prasch mit seiner Truppe stationiert.
In Krün war Mathias Prasch mit seiner Truppe stationiert. Foto: kc

„Seit einem Jahr haben wir uns vorbereitet“, erzählt der 32-Jährige. „Unzählige Übungsstunden“ habe die Gruppe abgeleistet, immer an den Wochenenden, jedes Mal bis zu acht Stunden. Auch im E-Werk am Fluss, wo die Gruppe seit Mittwoch stationiert ist, ging das Üben weiter. Aber sonst hieß es vor allem: Warten. „Man steht schon unter Spannung“, gibt Prasch zu. „Vor allem vor den Demonstrationen am Wochenende war das so.“

Michael Debertin war für das Bayerische Rote Kreuz für den Abschnitt Garmisch-Partenkirchen zuständig.
Michael Debertin war für das Bayerische Rote Kreuz für den Abschnitt Garmisch-Partenkirchen zuständig. Foto: kc

Das Gefühl kennt auch Michael Debertin, Einsatzabschnittsleiter des Bayerischen Roten Kreuzes in Garmisch-Partenkirchen. „Als wir hörten, dass Elmau der G7-Tagungsort wird, war uns die Dimension nicht klar“, sagt der Garmisch-Partenkirchener. Am Ende waren 600 Helfer aus ganz Bayern in den Tagen des Gipfels vor Ort im Einsatz. Und die Anspannung war hoch. „Wir hatten bei der Vorbereitung Kontakt mit Einsatzkräften aus Frankfurt, die von ihren Erfahrungen aus den Protesten bei der Eröffnung der EZB-Zentrale berichteten“, sagt Debertin. „Das holte uns dann auf den Boden der Tatsachen zurück, weil die Bilder offenbar schlimmer waren, als es vor Ort wohl wirklich war.“ Dennoch erlebte Garmisch-Partenkirchen am Wochenende die größten Demos seiner Geschichte. „Das war für uns etwas völlig Neues“, gibt er BRK-Kreisbereitschaftsleiter zu.

Eine besondere Herausforderung stellte die Topografie rund um Elmau dar. Das Gelände ist bergig, und zum Tagungsort führt nur eine Bundestraße. „Wenn die zu ist und wir nicht fliegen können, bringen wir keine Verletzten nach Garmisch“, sagt Debertin. „Und üben kann man so einen Einsatz mit so vielen Kräften, nicht nur des BRK, auch der Malteser und der Johanniter, schließlich auch nicht. „Umso mehr sind wir froh, dass alles weitgehend friedlich gelaufen ist.“

Polizeihauptkommissar Stefan Walter kümmerte sich mit seinem Team, um die Sorgen und Probleme der Beamten im Einsatz.
Polizeihauptkommissar Stefan Walter kümmerte sich mit seinem Team, um die Sorgen und Probleme der Beamten im Einsatz. Foto: kc

Das ist für alle ebenso überraschend wie erleichternd. „Wir hatten Kollegen hier im Einsatz, die damals beim G8-Gipfel in Heiligendamm dabei waren“, erzählt Polizeihauptkommissar Stefan Walter. Normalerweise ist er einer der Leiter der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums Regensburg, während des Gipfels unterstütze er den Zentralen Psychologischen Dienst der Polizei.

Walter hat sechseinhalb Jahre als Verhaltenstrainer bei der bayerischen Polizei gearbeitet, während des Gipfels kümmerte er sich mit einem Team aus über sechzig Personen, zu denen Seelsorger, Psychologen und Sozialpädagogen gehören, um die Sorgen und Probleme der Beamten im Einsatz. Die können ganz unterschiedlich aussehen: Probleme in Folge der langen Einsatzzeiten, persönliche Krisen oder Stresssituationen. Oder aber es geht schlicht um die Motivation. Als Walter an einem der ersten Tage einmal um den Zaum um den Tagungsort ging, um mit allen dort eingesetzten Polizisten zu sprechen, war er elf Stunden unterwegs. „Die Kollegen stehen da im Wald und warten, ob etwas passiert. Und wenn es regnet, stehen sie da stundenlang in der Nässe. Sich danach wieder zu motivieren, ist nicht immer einfach.“ Zudem wissen die Einsatzkräfte, dass das, was sie tun, von aller Welt beobachtet wird.

Von den Folgen von Ausschreitungen bleiben die Beamten verschont: Es gab schlicht keine größeren Probleme. „Der Unterschied zwischen dem, was in Heiligendamm passierte und was hier los war, könnte größer nicht sein“, sagt Walter. Und nicht nur in Hinsicht auf die Gewaltbereitschaft. „Die Kollegen aus dem Norden waren völlig überrascht, wie offen die Menschen hier waren und wie positiv ihre Einstellung gegenüber der Polizei ist. Viele kennen das nicht.“

Das sind die G7-Ergebnisse wert

  • Klima:

    Die Weltwirtschaft soll mittelfristig auf fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Gas verzichten. Ambitioniert – Kritiker sprechen eher von einem politischen Signal.

  • Russland/Ukraine:

    G7 droht mit schärferen Sanktionen gegen Russland, falls die Lage in der Ostukraine weiter eskaliert. Berlin setzt auf Einigkeit des Westens. Moskau wird bei anderen Krisen gebraucht.

  • Terrorismus:

    Die G7-Staaten wollen die Terroristen vom Islamischen Staat „besiegen und die Verbreitung ihrer hasserfüllten Ideologie ... bekämpfen“. Noch hat der Westen hier kein wirksames Rezept.

  • Entwicklung:

    Die G7-Staaten wollen 500 Millionen Menschen bis 2030 von Hunger und Mangelernährung befreien. Die G7-Länder haben im Kampf gegen die Armut einiges erreicht – ihnen ist das Signal wichtig.

  • Gesundheit:

    „Wir sind fest entschlossen, die Ebola-Fallzahlen auf null zu reduzieren“, heißt es im Gipfelpapier. Ob das klappt, ist offen – immerhin wurde Liberia schon für Ebola-frei erklärt.

  • Gleichberechtigung:

    Die Selbstständigkeit und die Bildung von Frauen sollen gestärkt werden. Hier können die Staats- und Regierungschefs im eigenen Land mit gutem Beispiel voran gehen.

Spaß, obwohl es anstrengend war

Der Regensburger Kriminaldirektor Thomas Schöninger sorgte unter anderem für den Schutz von Demos in Garmisch-Partenkirchen.
Der Regensburger Kriminaldirektor Thomas Schöninger sorgte unter anderem für den Schutz von Demos in Garmisch-Partenkirchen. Foto: kc

Dass die Stimmung auf allen Seiten so gut war, liegt für Thomas Schöniger auch daran, dass die Polizei ihre Versprechen gehalten habe. „Wir haben angekündigt, dass wir die Staatsgäste schützen werden, die Beeinträchtigungen für die Menschen vor Ort so gering wie möglich halten und mit den Demonstranten auf Augenhöhe kommunizieren wollen“, sagt der Regensburger Kriminaldirektor. „Und wir haben diese Versprechen gehalten.“ Seit März 2014 ist Schöniger, normalerweise beim Regensburger Polizeipräsidium Leiter einer Abteilung, die für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens, für Staatsschutzdelikte und für Observationen zuständig ist, in die Planungen für den Polizeieinsatz beim Gipfel involviert. Während der Tage von Elmau leitete er stellvertretend einen Einsatzabschnitt mit in Spitzenzeiten 3800 Beamten, deren Aufgaben unter anderem der Schutz der Demos und der von gefährdeten Objekten waren. Zudem gehörte das Erkennen von potenziell gefährlichen Personen dazu. „Der G7-Gipfel war der größte Einsatz, den die bayerische Polizei je erlebt hat“, sagt Schöniger, „Ich persönlich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis.“

Dieser Satz könnte auch von Michael Bothner stammen, doch würde er damit etwas anderes meinen, schließlich hat der 25-jährige Regensburger Student den Protest der G7-Gegner mit organisiert. „Wir haben einen guten Protest auf die Beine gestellt, nur leider hat das Wetter am Samstag einige Aktionen im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen lassen.“ Und auch, wenn die Teilnehmerzahlen bei den Demos unter den Erwartungen gelegen habe: „Wir haben gezeigt, dass Protest wichtig und richtig ist“, sagt Bothner, der sich freut, dass die Menschen in Garmisch-Partenkirchen den Gipfel-Gegnern positiv gesonnen waren. „Wir haben Spenden bekommen, aber nicht nur Geld, sondern auch Lebensmittel, und nach dem Regen haben einige Camp-Bewohnern spontan Schlafplätze angeboten. Das haben wir, vor allem nach den Berichten über mögliche gewaltbereite Demonstranten, nicht erwartet.“

„Es war sehr anstrengend und hat dennoch Spaß gemacht.“ Für Ärger hat nur das Wetter gesorgt.

Abschlusstag des G7-Gipfels in Elmau

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