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Ganz nah dran an der Politik

Etwa 3000 Mitarbeiter sorgen dafür, dass der Deutsche Bundestag funktioniert – nicht zuletzt die Stenografen.
Von Reinhard Zweigler, MZ

Stenografen schreiben, sehen und hören nahezu alles mit.
Stenografen schreiben, sehen und hören nahezu alles mit. Foto: Deutscher Bundestag/Siegfried Büker

Berlin.Gerade hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble gesprochen. Für Aufmerksamkeit sorgt seine Ankündigung, dass es ,,nach 2017“ einen Spielraum von 15 Milliarden Euro für Steuersenkungen gebe. In den starken Beifall von der Unionsseite hinein beginnt die Linken-Politikerin Gesine Lötzsch, Vorsitzende des Haushaltsausschusses, ihre Rede.

Die Kanzlerin interessiert sich nicht sonderlich für die Oppositionspolitikerin. Sie geht in den Saal zu Unions-Fraktionschef Volker Kauder. Beide stecken die Köpfe zusammen. Augenblicklich ruft sie Parlamentspräsident Norbert Lammert zur Ordnung: ,,Das muss so jetzt nicht sein.“ Angela Merkel verbeugt sich artig und verschwindet mit Kauder auf die letzte Reihe. Wer das nicht glaubt und es noch einmal genau wissen will, der kann dies im Protokoll des Bundestages nachlesen. Für die amtliche Niederschrift all dessen, was in den Plenarsitzungen des Bundestages geschieht, sorgen die insgesamt 48 Mitarbeiter des Stenografischen Dienstes. Sie gehören zu den insgesamt fast 3000 Helfern in der Verwaltung des Bundestages. Ohne sie würde das Parlament nicht funktionieren.

Strauß war eine harte Nuss

,,Wir sind nicht Teil der Politik, aber nahe dran“, sagt die Stenografin Bärbel Heising, die seit 30 Jahren in Diensten des Bundestages steht. Sie und ihre Kollegen halten nicht nur in Kurzschrift alles fest, was Redner am Pult des Bundestags sagen, sie sind nicht nur Reden-Mitschreiber, sondern erfassen ebenso Beifall, Zwischenrufe – deren Urheber treffsicher identifiziert werden –, Gelächter, Störversuche oder andere Vorkommnisse. Wenn etwa Abgeordnete plötzlich Plakate hochhalten oder sich weiße Anti-Kriegs-T-Shirts überstreifen.

„Saaldiener“ gibt es nicht mehr.
„Saaldiener“ gibt es nicht mehr. Foto: Deutscher Bundestag/Werner Schüring

Der Leiter des Stenografischen Dienstes Wolfgang Behm, 1972 kurz nach der Vertrauensabstimmung gegen den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt zum Bundestag gekommen, hat schon vieles erlebt. Den ätzenden Spott des legendären SPD-Fraktionschefs Herbert Wehner. Die Attacken des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß gegen SPD-Kanzler. Strauß war wegen seiner oft verwendeten lateinischen Zitate eine harte Nuss für Stenografen. Rededuelle zwischen Kanzler Helmut Kohl und Oppositionsführer Hans-Jochen Vogel. Sorgfältig vom Protokoll erfasst wurden ebenso die Angriffe von Friedrich Merz, Angela Merkel oder Guido Westerwelle auf Kanzler Gerhard Schröder sowie rhetorisches Trommelfeuer des Linken Gregor Gysi.

Stenografie im digitalen Zeitalter

Auch wenn viele im Zeitalter von Spracherfassungsprogrammen, von digitaler Aufzeichnung meinen, Stenografie stürbe aus, sind Behm und seine Kollegen zuversichtlich, dass ihre Dienste noch sehr lange gebraucht werden. Die Geschichte der deutschen Parlamentsstenografie geht bereits auf die erste gewählte Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848 zurück. ,,Stenografie ist Teil der parlamentarischen Kultur. Solange es Redner im Bundestag gibt, wird man Stenografen brauchen“, meint Behm.

Dabei muss nicht nur die gesprochene Sprache in Schrift übertragen, dafür genügte ein Tonmitschnitt, sondern es müssen notfalls auch Sätze vervollständigt sowie Versprecher oder offensichtliche Fehler korrigiert werden. Wenn etwa Millionen mit Milliarden oder Jahreszahlen verwechselt werden, wird das bei der Niederschrift berichtigt. Zugleich werden die Reaktionen des Umfelds eingefangen und niedergeschrieben. Das vermag selbst modernste digitale Technik nicht.

Etwa die Hälfte der Besucher ist die gläserne Kuppel hinaufgestiegen. Foto: dpa
Etwa die Hälfte der Besucher ist die gläserne Kuppel hinaufgestiegen. Foto: dpa

Es sitzen immer mindestens zwei Kollegen am Stenografentisch vor dem Rednerpult. Alle fünf Minuten wird gewechselt. Einer der Stenografen bleibt allerdings eine halbe Stunde. Er behält den Überblick über den Ablauf der Debatte. Nach dem Verlassen des Plenarsaals wird sofort die erste Protokollfassung auf Grundlage des Stenogramms diktiert und überprüft. Abgeordnete haben dann die Gelegenheit, das Protokoll ihrer Rede zu autorisieren. Über kleine stilistische Änderungen, Verbesserungen könne man reden, nicht aber über den grundsätzlichen Inhalt. Der müsse erhalten bleiben, sagt Bärbel Heising. In ihrem Büro hat die Stenografin einen Spruch hängen, der die fatale Konsequenz eines vergessenen Kommas deutlich macht: ,,Wir essen jetzt Opa!“

Die Zeit der Herren und Diener

Während die Stenografen ihre Stifte über das Papier fliegen lassen, verrichten Damen und Herren des Parlaments-Assistenzdienstes ebenso unauffällig ihren Dienst vor und im Plenarsaal. Das alle Welt immer noch von ,,Saaldienern“ spricht, stört Sabine Horvath und ihre 65 Kollegen etwas.

Unser Infostück informiert Sie über die Besucherzahlen im Deutschen Bundestag

Aufs Dach gestiegen

  • Besucher

    Rund 30 Millionen Besucher haben seit der Eröffnung des umgebauten Reichtagsgebäudes in Berlin vor 17 Jahren den Bundestag bereits besucht.

  • Dach

    Allein in diesem Jahr zählte das Parlament 1,4 Millionen Besucher, 850 000 von ihnen sind der obersten Volksvertretung aufs Dach gestiegen.

  • Bürgernahes Parlament

    Damit ist der Bundestag eines der „Bürgernächsten Parlamente der Welt“, meint Parlaments-Vizepräsident Johannes Singhammer.

  • Zutrittsberechtigung

    Die „Zutrittsberechtigungen“ zum Hohen Haus erhält man an der südlichen Seite des Reichstages, in der Serviceaußenstelle. Dort kann man sich auch spontan für eine Kuppelbesichtigung anmelden. Anmeldungen werden bis zwei Stunden vorher angenommen.

Die Zeit der Herren und Diener sei längst vorbei, meint die Mitarbeiterin, die seit 1989 beim Bundestag arbeitet. ,,Um uns soll es nicht gehen“, formuliert sie das Credo der vielen Helfer des Parlaments im Hintergrund. Sie sorgen für frisches Wasser und ein neues Glas für jeden Redner und jede Rednerin, überbringen wichtige Papiere, kontrollieren den Einlass, helfen bei namentlichen Abstimmungen, sorgen für Ordnung und Ruhe auf den Besuchertribünen.

Der schwarze Frack für den Herren und das schwarze Kostüm für die Dame ist übrigens nur dem Dienst im Plenarsaal vorbehalten. Auch Stenografen müssen bei der Dienstkleidung nicht lange auswählen. Schwarz passt immer. Gedeckte Farben sind Vorschrift.

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