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Schwandorf.

Geht Neonazi-Anschlag im „allgemeinen Vergessen“ unter?

Vor nunmehr 20 Jahren starben in Schwandorf vier Menschen beim Brandanschlag eines Neonazis auf ein von Türken bewohntes Haus

  • 17. Dezember 1988: Vier Menschen starben nach einem Neonazi-Anschlag auf ein Wohnhaus.
  • Rund 100 Schwandorfer bei der Enthüllung der Gedenktafel. Zum 20. Jahrestag ist kein Gedenken geplant.
  • 19 Jahre dauerte es, bis auf SPD-Initiative eine Gedenktafel an den Anschlag erinnerte. Fotos: MZ-Archiv

Von unseren Korrespondenten

Hoyerswerda, Hünxe, Rostock, Mölln, Solingen – wenn die brutalen rechtsextremistischen Gewaltverbrechen der vergangenen Jahrzehnte aufgezählt werden, fehlt meist ein Ort: Schwandorf. Dabei hat sich vor 20 Jahren hier in Ostbayern eines der schlimmsten ausländerfeindlichen Verbrechen der Nachkriegsgeschichte ereignet. Vier Menschen starben, als ein Neonazi ein überwiegend von Türken bewohntes Haus niederbrannte.

Doch ausgerechnet zum runden Jahrestag des Brandanschlags hat niemand in Schwandorf eine Gedenkveranstaltung vorbereitet. Ist die Gewalttat in Vergessenheit geraten. „Für heuer ist eigentlich nichts geplant“, räumt Oberbürgermeister Helmut Hey (SPD) ein, erinnert aber auch daran, dass er vor genau einem Jahr mit rund 100 Schwandorfern exakt an dieser Stelle gestanden ist. 19 Jahre hatte es gedauert, bis die SPD mit Unterstützung der Türkisch-Israelitischen Kulturgemeinde eine Gedenktafel gegen den Willen der früheren CSU-Stadtoberen durchsetzen konnte.

Es war der 17. Dezember 1988, als ein 19-Jähriger aus blindem Hass im Treppenhaus des Wohngebäudes Kartons anzündete. Die Flammen breiteten sich schnell aus, die Retter versuchten bei einer dramatischen Aktion 17 Menschen vor dem Tod zu bewahren – doch für eine dreiköpfige türkische Familie und einen Deutschen kam jede Hilfe zu spät. Ein zwölfjähriger Bub, die 44-jährige Mutter, der 50-jährige Vater sowie ein weiterer 47 Jahre alter Hausbewohner starben bei dem Feuer. Von dem Haus blieb nur eine Ruine. Der Täter war ein junger Mann, der zuvor mit 20 Skinheads eine Wehrsportgruppe gründen wollte und im Münchner Olympiastadion während eines Bundesligaspiels wegen „Sieg Heil“-Grölereien festgenommen wurde. In dem späteren Prozess berichteten Zeugen, dass der Rechtsextremist als glühender Hitler-Verehrer regelmäßig den „Führer-Geburtstag“ feierte.

Der Neonazi wurde zu zwölfeinhalb Jahren Haft wegen besonders schwerer Brandstiftung verurteilt, einen Mord sahen die Richter nicht. Die Strafe musste er vollständig absitzen. Als der Brandstifter 2001 wieder frei kam, tauchte er bei Gesinnungsgenossen in Ostdeutschland unter. Im Gefängnis hatte der Täter „keinerlei Reue“ gezeigt.

Die Schwandorfer Rathaus-Politik tat sich lange schwer damit, eine angemessene Erinnerungskultur aufzubauen. In den 1990er Jahren zeigten der damalige Oberbürgermeister Hans Kraus (CSU) und seine christsozialen Parteifreunde kein Interesse daran, dass über das Neonazi-Verbrechen gesprochen wurde. Mit dem Argument, dass es in der 30 000 Einwohner großen Stadt keine rechte Szene gebe, wurde verhindert, dass für die Toten ein Denkmal errichtet wurde.

Eine Initiative hatte bereits auf eigene Kosten ein Mahnmal anfertigen lassen, doch der Gedenkstein wurde in einen Hinterhof verbannt. Es gab aber auch deutliche Zeichen gegen Neonazis in der Stadt. Die Berufsschule etwa, wo der Attentäter zur Schule gegangen war, gründete nach dem Anschlag ein Projekt „Rechte Gewalt und ihre Prävention“ mit ständigen Aktionen.

Der Umgang mit dem Verbrechen habe sich geändert, sagt der heutige OB Hey. Er verweist darauf, dass vor einem Jahr – zum 19. Jahrestag – nach langem Streit nahe des Tatorts endlich eine Gedenktafel montiert wurde. „Wir sind schon der Meinung, dass man den rechtsextremistischen Tendenzen eine klare Absage erteilen muss“, betont der Sozialdemokrat. Hey gibt aber zu: Das schreckliche Geschehen jener Dezembernacht vor 20Jahren drohe immer mehr im „allgemeinen Vergessen“ unterzugehen.

Möglicherweise liegt der problematische Umgang mit dem ausländerfeindlichen Anschlag auch an dem Zeitpunkt. Denn weltweite Aufmerksamkeit erregten Brandanschläge von rechten Mördern in Deutschland erst seit der Wiedervereinigung. Etwa ab 1990 wurden sie als ernstzunehmendes Problem in der Bundesrepublik wahrgenommen. „Schwandorf war einer der ersten dieser Anschläge“, weiß auch der Rathauschef.

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