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Gräberfelder zeugen vom Grauen

Eine halbe Millionen Soldaten sind im Ersten Weltkrieg in der flämische Stadt Ypern gefallen. Deutsche Truppen setzten dort erstmals Giftgas ein.
von Christine Strasser, MZ

Ypern.Stolz steht der wuchtige Belfried da. 70 Meter ist er hoch. Von oben sieht der gewaltige Marktplatz vor den Tuchhallen an diesem Abend schwarz und leer aus. So wie ihn schon Stefan Zweig vor mehr als 90 Jahren beschrieben hat, beim Besuch „in dieser nun so tragisch berühmten Stadt“.

Ypern liegt im äußerste Teil von Westflandern. Die kleine Stadt war 1918 völlig zerstört. Heute reihen sich die Häuser mit den hübschen Backsteinfassaden wieder um den rechteckigen Platz. Wie nahezu jeden Abend seit nunmehr 100 Jahren strömen um kurz vor 20 Uhr die Menschen über den Marktplatz, als sei irgendwo eine Schleuse geöffnet worden. Wer dem Strom folgt, biegt um die Ecke und sieht tatsächlich einen monumentalen Bau. Ein Tor, das sich über einen Wassergraben erhebt. Mit seinen weißen Marmorbögen sieht es aus wie ein Triumpfbogen, ein Siegestor. Genau das ist es allerdings nicht.

Erster Giftgaseinsatz

Beim Last Post wird am Menin Gate jeden Abend an die Gefallenen erinnert. Albert Varauque spielt fast täglich eine der Trompeten. Für ihn gehört dieses Ritual einfach dazu. „Die Toten sollen nicht vergessen sein“, sagt er. Hier sind die Namen von fast vierzigtausend britischen Gefallenen aus aller Welt verzeichnet, deren Körper sich durch die Gewalt des Krieges nicht mehr finden oder identifizieren ließen. Das Menin Gate steht an der Stelle, an der sich zwischen 1914 und 1918 die Schwelle zum Tod befand. Genau hier marschierten die Soldaten aus der alten flämischen Tuchhandelsstadt Ypern, von deutschen Truppen belagert und unentwegt beschossen, hinaus in den Kampf. Bedeutet: in den Schützengraben. Draußen wartete das Niemandsland vor dem Dorf Passchendaele. Eine Mondlanschaft aus Morast und Bombentrichtern. Ein verbranntes Land, eine Trümmerlandschaft, „eine furchtbare Landschaft“ – so der englische Kriegsmaler Paul Nash, ein Augenzeuge des Grauens –, „die eher von Dante oder Poe als von Mutter Natur geschaffen schien.“

Die Gegend rund um Ypern ist flach, extrem flach. Der Blick reicht kilometerweit. Soldaten haben hier keinen Sichtschutz vor feindlichen Zielfernrohren. Die Deutschen änderten daher ihre Kriegstaktik. Auf den – wenn auch noch so geringen Anhöhen – gingen sie in Stellung. Mit schwerem Geschütz wurden kilometerlange Frontabschnitte brachial bombardiert. Mit nie zuvor gekannter Wucht zerfetzten sie alles, was sie trafen. Selbst Schützengräben boten keine Deckung mehr. Jeder Meter Boden, um den hier Richtung Osten über vier Jahre entlang einer kaum veränderten Front gerungen wurde, kostete siebzig Mann das Leben.

Auf der verbrannten Erde wuchs so gut wie nichts mehr. Das einzige was, aus dem Boden schoss, waren Friedhöfe. Abgesehen vielleicht noch von Mohnblumen, die im Frühjahr sogar aus den Bombenkratern der Schlachtfelder blühten. Der Name Ypern wurde im Ersten Weltkrieg zum Synonym für die Schrecken der chemischen Kampfstoffe. Hier setzten während der Zweiten Flandernschlacht am 22. April 1915 deutsche Truppen erstmals Chlorgas als Kampfmittel ein. Das schwere Gas sank in die Schützengräben, die Soldaten atmeten es ein, es zerstörte ihre Lungen. 5000 französische Soldaten starben qualvoll, 10000 weitere wurden verletzt.

Die Mohnblume wurde zum Symbol

Der Gefreite Willi Siebert war einer der ersten, der nach dem Gasangriff zu den Schützengräben kam. Im Museum „In Flanders Fields“ wird sein Augenzeugenbericht bewahrt. „Was wir sahen, war tot“, fasst er seine Eindrücke zusammen. „Nichts bewegte sich, nichts lebte mehr. Sogar das Ungeziefer war aus den Höhlen herausgekrochen, um zu sterben.“ Siebert erinnert sich an die zerkratzten Hälse der Soldaten, die verzweifelt versucht hatten, Luft zu bekommen. Am 12. Juli 1917 testeten die Deutschen einen weiteren Kampfstoff – wieder in Ypern. Dichlordiethylsulfid, besser bekannt unter dem Namen Senfgas, wurde von vielen Soldaten auch Yperit genannt – nach seinem ersten Einsatzort.

Zwischen 1914 und 1918 sind rund um Ypern, über eine halbe Million Soldaten gefallen, Deutsche und Engländer vor allem, aber auch Belgier und Franzosen, Australier und Kanadier, selbst Inder und Afrikaner. Allein die deutsche Armee legte damals für die Gefallenen in Flandern mehr als 700 Friedhöfe an. Doch nur der geringste Teil der Toten wurde überhaupt je gefunden und begraben.

Zwei Reisebusse parken am Straßenrand, in die Australier einsteigen. Sie gehören zusammen mit den Briten und Kanadiern zu den größten Touristengruppen des Erinnerungsparcours. Entlang des Yperner Frontbogens – ein Halbkreis aufeinander folgender Verteidigungslinien – verläuft heute eine Touristenstraße. Bunker, Reste der Schützengräben, Denkmäler und Friedhöfe reihen sich an der 70 Kilometer langen Tour auf. Rund 160 Friedhöfe des Commonwealth gibt es heute rund um Ypern. Auf dem größten Friedhof – Tyne Cot – sind 12 000 Kriegsgräber. Die Zahl der deutschen Friedhöfe wurde auf Wunsch der belgischen Regierung drastisch reduziert. Vier deutsche Soldatenfriedhöfe sind in Flandern übrig. Bei Ypern gibt es nur einen deutschen Soldatenfriedhof, den von Langemark. Aber selbst hier wird hauptsächlich Englisch gesprochen. Schüler aus Kent haben kleine Holzkreuze gebastelt, die mit einer Mohnblume aus Papier verziert sind. „You are not forgotten“ (Du bist nicht vergessen) haben sie darauf geschrieben. Britische Schüler legen jedes Jahr tausende solche Kreuze auf den Gräbern nieder – auch auf denen deutscher Soldaten.

„In Flanders fields the poppies blow – Between the crosses, row on row“ (Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn – Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe) lauten die beiden meistzitierten Verse des berühmten Gedichtes von John McCrae. Der Kanadier diente als Sanitätsoffizier an der Westfront. Der Unterstand, in dem McCrae Verwundete erstversorgte, ist noch heute neben de Essex Farm Cemetery begehbar. Nach dem Tod eines Freundes fasste McCrae seine Trauer in Worte. In Flanders Fields wurde zum populärsten englischsprachigen Gedicht über den Ersten Weltkrieg. Auf den Friedhofen werden deshalb Kränze aus künstlichen Klatschmohnblüten niedergelegt.

Eintönige Reihen von Grabsteinen prägen das Bild. Mancherorts, etwa rund um Langemark, wirken sie wie eine weitere Pflanzensorte in der Fruchtfolge. Tatsächlich fördern die Bauern noch immer eine eiserne Ernte zutage, die mit der Erdbewegung oder dem Pflügen ans Licht kommen. Wer etwa rund um Diksmuide eine Radtour über die Friedhöfe unternimmt, hört zweimal täglich aus der Kaserne von Houthulst den dumpfen Kanonendonner des Ersten Weltkriegs.

Der Ersten Weltkriegs in Meaux, Verdun und Ypern

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