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Montag, 20. August 2018 30° 2

Literatur

Im Tränenmeer die Maxstraße hinab

Der Regensburger Schriftsteller Benno Hurt erinnerte an das Epochenjahr 1968 aus der Sicht der Hemauerstraße.
Von Peter Geiger

Salettl-Hausherr Hubert Wartner (r.) freute sich, Benno Hurt als Gast begrüßen zu dürfen. Foto: Geiger
Salettl-Hausherr Hubert Wartner (r.) freute sich, Benno Hurt als Gast begrüßen zu dürfen. Foto: Geiger

Regensburg.Wo auch immer ein Schriftsteller zuhause ist: Der Ort seiner Herkunft ist der archimedische Punkt, von dem aus er agiert. Für Benno Hurt, den in Regensburg geborenen Schriftsteller, ist das die Hemauerstraße. Dort wuchs er auf. Dort trat er als Kind den Ball gegen die Wand.

Bis heute begegnet er all dem Nacht für Nacht: „Das Treppenhaus, unser Wohnzimmer, hierhin kehre ich träumend zurück!“ Hier war er als Fünfjähriger mit seinen Eltern eingezogen. Und verließ das steinerne Erinnerungsgebäude erst, als er heiratete. Am Küchentisch hat er gesessen und erste Texte geschrieben. „Alles, was sich ereignet, ereignet sich für einen Schriftsteller nur deshalb, um Bestandteil seiner Literatur zu werden.“ In seiner kleinen, hochverdichteten, dabei sämtliche Erinnerungsräume ausleuchtenden Erzählung „1968. Regensburg – Ein Samstag halt“ (die im Herbst im „Regensburger Almanach“ erscheinen wird) erweckt er solche Jugendbilder zu höchst vitalem literarischen Leben.

Ein Ich-Erzähler – der sich durchaus in entscheidenden Details von seinem Autor zu unterscheiden weiß – berichtet dabei von so einem Samstag, an dem er gemeinsam mit seinem Kumpel Eugen eigentlich schon auf gepackten Koffern sitzt. Um dem „Ödland“, wie sie die Heimatstadt bezeichnen, den Rücken zu kehren. Trotzdem: Nach einem wüsten, von zahllosen Bieren begleiteten Ritt durch den Sternschnuppenhaufen ihrer Erinnerung, sind sie am Ende zwar ihrem Stammlokal, dem Hemauerhof, entkommen.

Dennoch harren sie aus. Und zwar so, als wären sie Gefesselte. Oder wie in einem Traum zur Bewegungslosigkeit Verdammte, die im Bahnhofsrestaurant, in Sichtweite des Abfahrtsgleises, sitzen. Und herandrängende Assoziationen an hastige Liebeserlebnisse im VW-Käfer oder an die Von-der-Tann-Bartänzerin Sascha in der Bitterkeit einer letzten Halben Bier ertränken.

Hurt erweist sich dabei nicht nur als melancholischer Gedächtnisakrobat, auch sprachlich versteht er es, mit sicherem Strich Bilder zu zeichnen, die sich einprägen: Als die beiden Protagonisten die Kammerspiele verlassen (gerade haben sie „Die Reifeprüfung“ mit Dustin Hoffman gesehen), schwimmen die beiden heimatlosen Spätzünder „in einem Tränenmeer auf die Maxstraße hinaus“. Das ist von ebenso überzeugender Kraft wie der Ort dieser wunderbaren kleinen Lesung. Das soeben so geschmackvoll auf Initiative von Hubert Wartner sanierte Salettl ist eine poetische Kraftinsel, ein archimedischer Punkt für die Kunst, mitten im Karl-Bauer-Park in Kumpfmühl. Mit seinen offenstehenden Fenstern hat es etwas von einer Voliere: Die Feierabendgeräusche und der Vogelgesang, sie zwitschern hindurch. Und laden die Atmosphäre auf, mit der Klangfülle dieser Stadt.

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