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Gesellschaft

Integration geht durch den Magen

Der Verein „Über den Tellerrand e.V.“ hat zwei Kochbücher verfasst. Die Rezeptideen stammen von Asylbewerbern.
Von Bernhard Heckler, MZ

Der syrische Flüchtling Mudar Alscheich (r) und sein Kollege Gerrit Kürschner bereiten am 24.09.2015 in einer Gemeinschaftsküche in Berlin ein traditionelles syrisches Gericht zu.
Der syrische Flüchtling Mudar Alscheich (r) und sein Kollege Gerrit Kürschner bereiten am 24.09.2015 in einer Gemeinschaftsküche in Berlin ein traditionelles syrisches Gericht zu. Foto: Gregor Fischer/dpa

Regensburg.Linsen und Karotten mit Zwiebeln und Knoblauch in einen Kochtopf geben. Anschließen Tomaten, Koriander und Minze dazugeben und mit einer Prise Curry abschmecken. So bereitet Reza seine cremige Gemüsesuppe zu. Reza kommt aus Afghanistan. Er ist 28 Jahre alt und seit mittlerweile sieben Jahren auf der Flucht . Er ist zu Fuß von Afghanistan in den Iran gelaufen, in den Niederlanden saß er bereits ein Jahr und zwei Monate lang im Gefängnis.

Von seinem Schicksal erfährt der Leser in dem Kochbuch „Rezepte für ein besseres Wir“. Darin stellen Flüchtlinge und Asylbewerber ihre persönlichen Lieblingsgerichte aus ihren Heimatländern vor. Neben den Gerichten werden die Köche portraitiert. Das Kochbuch ist aus einer Initiative von Berliner Studierenden entstanden. Ninon Demuth hat zusammen mit zwei weiteren Studentinnen im Jahr 2013 das Projekt „Über den Tellerrand kochen “ins Leben gerufen.

Das Team von „Über den Tellerrand e.V.“. Vorne in der Mitte zu sehen ist Daniela Schadt, die Ehefrau des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Sie unterstützt den Verein.
Das Team von „Über den Tellerrand e.V.“. Vorne in der Mitte zu sehen ist Daniela Schadt, die Ehefrau des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Sie unterstützt den Verein. Foto: Über den Tellerrand e.V.

„Uns hat der Austausch zwischen Flüchtlingen und Deutschen gefehlt“, erzählt sie. „Wir haben uns überlegt: Wie können wir das auf einer lockeren, ungezwungenen Ebene verbessern? Da sind wir auf das Kochen gekommen.“ So entstand aus der Initiative „Über den Tellerrand kochen“ ein gleichnamiges Kochbuch, das kulinarische Multikulturalität präsentiert und die Menschen hinter den Gerichten vorstellt.

Aus dem Projekt wurde ein Verein: „Über den Tellerrand e.V.“

Aus dem Projekt ist mittlerweile ein Verein geworden, der so erfolgreich ist, das Ninon Demuth ihr Studium der Biotechnologie abgebrochen hat, um „Über den Tellerrand e.V.“ rund um die Uhr zu betreuen. Die 25-jährige und ihre Mitstreiter haben eine Austauschplattform für Asylbewerber und Deutsche geschaffen. „Wir wollten dieses Geber-Nehmer-Verhältnis aufbrechen“, sagt die Jungunternehmerin, „normalerweise sind Asylbewerber immer in der Bittstellerposition, aber von ihren Kochrezepten profitieren nun auch Deutsche.“

Der Buchdruck für das zweite Kochbuch, „Rezepte für ein besseres Wir“, ist über Crowdfunding finanziert worden. Das Projekt war so erfolgreich, dass Ninon Demuth und ihre Kollegen beschlossen haben, weitere Projekte zu realisieren: Buddy-Programme, Community-Treffen und Kochkurse sollen Asylbewerber und Deutsche näher zusammenbringen. „Wir wollen Netzwerke für Ankommende schaffen“, sagt Demuth.

Bei dem Berliner Projekt «Über den Tellerrand kochen» kann man auch die syrische Küche kennenlernen.
Bei dem Berliner Projekt «Über den Tellerrand kochen» kann man auch die syrische Küche kennenlernen. Foto: Gregor Fischer/dpa

Sie hat sich dafür eingesetzt, von dem Vereinsstandort Berlin aus Projekte über ganz Deutschland hinweg zu organisieren. „35 deutsche Städte haben bei uns angefragt, ob sie sich an unseren Projekten beteiligen können.“ Essen verbindet. In Hamburg laden Einheimische mittlerweile Ausländer zum Welcome-Dinner in ihre Wohnungen ein, in Dresden gibt es Kitchen-Talks. Auch mehrere bayerische Städte interessieren sich für die Initiative: München, Nürnberg und Bamberg. Auch in Regensburg hat bereits eine Veranstaltung stattgefunden: Am Silvesterabend 2014 hat der Regensburger Koch Christoph Hauser ein Gala-Dinner unter dem bekannten Motto veranstaltet: Über den Tellerrand hinaus kochen. Der Verein organisiert darüber hinaus Kochkurse, Theater oder gemeinsames Gärtnern. Der Verein zieht in bald in eigene Räume in Berlin. Im November wird er beim Gastronomiepreis Berliner Meisterköche als Innovation ausgezeichnet.

Essen ist ein Stück Heimat

Der Syrer Mudar Alscheich gehört zu den Flüchtlingen, die in Gruppen-Workshops Drei-Gänge-Menüs kochen. In einer Charlottenburger Showküche macht er für den Besuch Kibbeh: raffiniert gewürzte, frittierte Fleischklöße mit Granatäpfeln,Bulgur und Nüssen. Für den Arabisch-Lehrer ist das ein Stück Heimat. Vor anderthalb Jahren ist er aus Aleppo nach Deutschland geflüchtet, seit einigen Monaten ist er in Berlin. „Es ist eine schöne Stadt, und die Bewohner hier sind ganz freundlich“, sagt er.

Der syrische Flüchtling Mudar Alscheich schält in einer Gemeinschaftsküche in Berlin einen Granatapfel für das traditionelle syrische Gericht Kibbeh. Essen ist ein Stück Heimat.
Der syrische Flüchtling Mudar Alscheich schält in einer Gemeinschaftsküche in Berlin einen Granatapfel für das traditionelle syrische Gericht Kibbeh. Essen ist ein Stück Heimat.Foto: Gregor Fischer/dpa

Das Kochen gelernt hat Alscheich von seiner Mutter. Die Workshops machen ihm Spaß. Nebenbei kann er sein Deutsch aufbessern. Der Bürgerkrieg? Er hofft, aber glaubt nicht, dass dieser bald vorbei ist. Alscheich vermisst seine Heimat: „Die Straßen, die Leute, die Erde, die Luft.“

Die syrische Küche sei vielfältig, ähnlich wie die libanesische, erklärt er, bevor er die Küchenmaschine mit der Teigmasse fast zum Qualmen bringt. Im Kochbuch gibt es Rezepte für Sambusak, gefüllte Teigtaschen, und Mojedera, einen Linsen-Bulgur-Mix. Alscheich kocht beispielsweise gerne Mahshi, gefüllte Zucchini oder Auberginen. Bislang kennen die meisten Deutschen aus Nahost höchstens Falafel und Hummus, den Brei aus Kichererbsen. Das könnte sich mit den vielen zugezogenen Syrern ändern. Alscheich würde gerne einmal ein Restaurant eröffnen.

„Make the World a Better Plate“

Der Verein ist in sozialen Netzwerken sehr aktiv. Auf Twitter bewirbt er seine Aktionen mit einer kleinen Referenz an Michael Jackson: #maketheworldabetterplate. Das aktuelle Kochbuch und eine Übersicht über die laufenden Projekte gibt es auf der Homepage des Vereins.

Übrigens: In den USA gibt es ein ähnliches Projekt: „Conflict Kitchen“ (Konflikt-Küche). Die Köche von Conflict Kitchen bieten nur Gerichte aus Ländern an, mit denen die USA gerade einen politischen Konflikt austragen. Doch das Projekt sei keine Inspiration für die Idee zu „Über den Tellerrand“ gewesen, sagt Ninon Demuth. „Ich habe von Conflict Kitchen erst vor einem halben Jahr erfahren“, so die Jungunternehmerin. „Die Idee finde ich auch sehr gut, wir wollen uns allerdings nicht politisch äußern, sondern lediglich die Integration von Asylbewerbern unterstützen. Dahingehend unterscheiden sich die beiden Projekte.“

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