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Interview

Jahn: „Es gibt kein Amt für absolute Wahrheit“

Die MZ sprach mit dem Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, über den Unrechtsstaat DDR und einen Linken-Ministerpräsidenten in Thüringen.
Von Reinhard Zweigler, MZ

Roland Jahn ist Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU). Foto: dpa

Berlin.Herr Jahn, sollte der Linke Bodo Ramelow in Ihrem Heimatbundesland Thüringen Ministerpräsident werden, dann ist das für Sie persönlich ein Schlag ins Gesicht oder demokratische Normalität?

Freiheit und Demokratie in Ostdeutschland sind Ergebnis der friedlichen Revolution. Die Revolutionäre haben auch ihre Peiniger befreit, auch die SED. Aber viele Menschen, die unter der SED-Diktatur gelitten haben, empfinden das schon als eine Verletzung. Sie haben die SED, PDS, Linkspartei nicht als eine Partei erlebt, die sich wirklich ihrer geschichtlichen Verantwortung gestellt hat. Jedenfalls ist das bei den Opfern nicht angekommen.

Nehmen Sie dem aus Hessen kommenden Protestanten Ramelow ab, wenn er die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet?

Es geht um mehr als ein Papier, auf das man etwas schreibt, um vielleicht eine Regierungskoalition zusammen zu bekommen. Es geht um eine glaubhafte Auseinandersetzung der gesamten Partei mit dem Unrecht, das die SED zu verantworten hat.

Aber die Linke hat im Bundestag sogar höhere Opferrenten gefordert, als sie von der Koalition beschlossen wurden.

Ich denke, es geht um die Erfahrungen, die die Menschen im Einzelnen mit der SED-Diktatur und danach mit der Nachfolgepartei gemacht haben. Vergebung kann nicht verordnet werden. Man kann nicht ignorieren, dass die Aufarbeitung durch die Linke die Opfer bislang nicht überzeugt.

Gehört zur Normalität in Thüringen, dass frühere hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter im Landtag sitzen?

Ich denke, dass man den Vorwurf der Stasi-Mitarbeit nicht ewig machen kann. Die entscheidende Frage ist doch, wie ist man mit der einstigen Verstrickung die vergangenen 25 Jahre über umgegangen. Und das muss vor Ort beantwortet werden. Es gibt kein Amt für absolute Wahrheit.

Was halten Sie von Menschen, der 25 Jahre lang ihre Stasi-Tätigkeit verschwiegen haben?

Wenn jemand seinen Arbeitgeber 25 Jahre lang belogen hat, dann ist das Vertrauensverhältnis zerstört. Es gibt aber viele Beispiele, wo sich Menschen offen ihrer Vergangenheit gestellt, ihre Stasi-Mitarbeit kritisch bewertet und bereut haben. Ich hatte einen Mann in der Bürgersprechstunde, der sich für den öffentlichen Dienst beworben hat und mich fragte, ob er seine Stasi-Verwicklung als junger Mensch eingestehen solle. Ich habe ihm geraten, alles auf den Tisch zu legen und mit dem Arbeitgeber zu besprechen. Das hat er getan und die Stelle bekommen.

Wo waren Sie am Abend des 9. November 1989?

Jahn: Ich habe im Sender Freies Berlin die Pressekonferenz mit Schabowski gesehen.

Und gleich kapiert, was er meinte?

Klar, ich habe über den Flur gerufen: Die Mauer ist offen. Ich durfte dann in einer Sondersendung der ARD die ersten Bilder der Maueröffnung kommentieren. Ein unglaublicher Abend. Ich bin später am Grenzübergang Invalidenstraße in den Osten gelaufen, während mir der Strom glücklicher Menschen entgegenkam. Sechs Jahre vorher hatte man mich gegen meinen Willen aus der DDR in die Bundesrepublik abgeschoben.

Warum hat der riesige Sicherheitsapparat der DDR, mit Stasi, Polizei, Armee, das Eindrücken der Mauer und den Untergang des Staates eigentlich nicht verhindern können?

An jenem 9. November war die Stasi längst nicht mehr Herr des Geschehens. Die Passkontrollen an der Grenze, die der Staatssicherheit unterstanden, waren führungslos. Bereits in den Wochen und Monaten zuvor war dem Sicherheitsapparat die Kontrolle entglitten. Seine Macht zerbrach unter dem Druck von Zehntausenden mutigen Demonstranten. Schon länger hatte die Stasi an sich selbst gezweifelt. 1987 war meine Mutter in Jena verhört worden. Man drängte sie, auf mich im Westen einzuwirken, nicht mehr gegen die DDR zu arbeiten. Erfolglos. Dann meinte ein Stasi-Mann: Wir wissen, was ihr Sohn denkt. Vielleicht ist hier in zwei Jahren ohnehin alles vorbei.

Der Mann war offenbar weitsichtig?

Ja, das DDR-System hat lange funktioniert, obwohl ihm Viele kritisch gegenüberstanden. Im Herbst `89 kamen mehrere Faktoren zusammen, die schließlich das System zum Einsturz brachten: die polnische Solidarno??, Gorbatschows Glasnost und Perestroika, der wirtschaftlich Zerfall, die Ausreisewelle und schließlich der Mut Oppositioneller, den Protest aus den Kirchen auf die Straßen zu tragen. Und sicher auch die Einsicht einiger Verantwortlicher, nicht auf das eigene Volk schießen zu lassen.

Helmut Kohl hält die Rolle der Demonstranten in Leipzig und anderswo für gering. Die DDR sei vor allem wirtschaftlich zusammengebrochen.

Es hat vieles zusammengespielt. Es gab nicht den einen alles entscheidenden Faktor.

Ihr neues Buch heißt „Wir Angepassten“. Steckt darin der Vorwurf an die ehemaligen DDR-Bürger, sich dem System samt und sonders unterworfen zu haben?

Ganz im Gegenteil, Anpassung ist kein Vorwurf, sie ist eine Strategie zum Überleben in der Diktatur. Niemand war nur Rebell und niemand war nur angepasst. Es gab täglich neue Entscheidungen: Breche ich den Kontakt zur Tante im Westen ab, oder gefährde ich die Karriere? Gehe ich zur Wahl oder riskiere ich meinen Studienplatz? Ich plädiere dafür, das Leben in der DDR so zu erzählen, wie es war, ohne Schuldzuweisungen, ohne Vorwürfe. Gerade jetzt, wo sich der Fall der Mauer zum 25. Mal jährt.

Gab es ein richtiges, ein anständiges Leben im falschen System?

Wichtig ist mir, dass wir die Biografien, die Lebensleistungen der Menschen in Ostdeutschland respektieren. Meine Eltern waren nie in der SED, dennoch waren sie stolz auf das, was sie in der DDR geleistet haben. Mein Vater zum Beispiel, der im Krieg ein Bein verloren hatte, war stolz, an der Weltraumkamera mitgearbeitet zu haben, die der erste deutsche Mann im All, Sigmund Jähn, mit in den Orbit nahm. Meine Eltern haben sich angepasst, weil sie glücklich leben wollten.

Passt das pralle, vielfältige Leben in der DDR in den platten Begriff Unrechtsstaat?

Ja, gerade, weil der Begriff Unrechtsstaat die Wertschätzung für das Leben der Menschen ausdrückt. Denn die mussten in einem Staat leben, der von der SED und ihrer Ideologie vereinnahmt war.

Ist es nicht ein Treppenwitz der Geschichte, wenn ausgerechnet 25 Jahre nach dem Fall der Mauer und der Öffnung der Stasi-Archive Sie nun daran gehen, Außenstellen Ihrer Behörde in ehemaligen Bezirksstädten zu schließen?

Mal langsam. Es geht jetzt darum, die Weichen für die Zukunft, für die weitere Aufklärung nicht nur in den nächsten fünf, sondern 50 Jahren zu stellen. Dazu braucht es effiziente Arbeitsstrukturen und da, wo es sinnvoll ist, müssen Dinge zusammengelegt werden. Ganz wichtig ist jedoch, dass die Aufarbeitung in den Regionen, auch in Zusammenarbeit mit unseren Partnern, weitergeht.

Aber Sie haben doch längst eine Liste mit Außenstellen, die demnächst geschlossen werden?

Nein. Es geht jetzt um Reformen, wie die Zukunft der Arbeit mit den Aktengestaltet wird. Und dazu gibt es eine Expertenkommission des Bundestages, die bis zum Frühjahr 2016 Vorschläge vorlegen wird. Eines ist für mich sicher: Die Akten bleiben offen.

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