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Glaube

Katholische Kirche duckt sich weg

Nach dem Missbrauchsskandal ist das Vertrauen zutiefst erschüttert. Doch die Amtsträger scheinen keine Eile zu haben.
Von Christoph Driessen

Ihm fehlen Visionen und Mitstreiter für wesentliche Veränderungen in der Kirche, sagen Kritiker: Papst Franziskus Foto: Evandro Inetti/ZUMA Wire/dpa
Ihm fehlen Visionen und Mitstreiter für wesentliche Veränderungen in der Kirche, sagen Kritiker: Papst Franziskus Foto: Evandro Inetti/ZUMA Wire/dpa

Bonn. Die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der katholischen Deutschen Bischofskonferenz löste am 25. September dieses Jahres Erschütterung aus. Und sie wirkt nach. Falls die Bischöfe gehofft haben sollten, dass sich die Wogen nach einiger Zeit wieder glätten würden, haben sie sich getäuscht. Die Empörung hält an.

So fordert das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) inzwischen eine völlige Gleichstellung von Frauen und Männern in allen kirchlichen Ämtern sowie die Abschaffung des Zölibats, der verpflichtenden Ehelosigkeit katholischer Priester. Das ZdK vertritt 24 Millionen katholische Laien in Deutschland, also die ganz normalen Gläubigen. „Es ist jetzt und nicht irgendwann die Zeit zum Handeln“, hielt ZdK-Präsident Thomas Sternberg den Bischöfen vor. „Wenn sich in der nächsten Zeit nicht Entscheidendes tut, dann wird das verloren gegangene Vertrauen nicht zurückzugewinnen sein.“

„Die katholische Kirche liegt am Boden und hat jegliches Vertrauen bei ihren Gläubigen verloren.“

Thomas Schüller

Aber gewiss doch, versicherte der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, noch am selben Tag. Man werde über diese Themen sprechen. „Ich denke mal, da wird man demnächst zusammenkommen, um zu gucken, was heißt das jetzt für diesen weiteren Weg.“ Eine besondere Dringlichkeit war aus diesen Worten nicht herauszuhören.

Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) Foto: Marius Becker/dpa
Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) Foto: Marius Becker/dpa

Dabei ist die Lage mehr als kritisch. „Die katholische Kirche liegt am Boden und hat jegliches Vertrauen bei ihren Gläubigen verloren“ – das ist die niederschmetternde Jahresbilanz des Kirchenrechtlers Thomas Schüller. „Sie hat durch die Missbrauchsstudie den letzten moralischen Kredit bei ihren Gläubigen verspielt.“

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Einer der wenigen katholischen Amtsträger, die das Ausmaß der Vertrauenskrise offen benennen, ist der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer. Er sagt: „Wenn inzwischen schon die engsten Mitarbeiter an unserer Kirche geradezu verzweifeln, dann ist es wirklich höchste Zeit, dass wir uns diesen grundsätzlichen Fragen ernsthaft stellen.“

Pfeffer hat jedoch den Eindruck, dass die Kirche diesen Fragen ausweicht. „Zum Beispiel sagen uns die Wissenschaftler: ,Eure Vorstellungen von Homosexualität entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.‘ Das wirkt wie eine Ohrfeige für unsere Sexualmoral.“ Die katholische Kirche betrachtet Homosexualität als Sünde. Just einen Tag nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie wurde bekannt, dass ein katholisches Gymnasium im Münsterland einen Lehrer abgelehnt hatte, nur weil er schwul ist und einen Mann heiraten wollte. Das ist ein Wertesystem, das immer weniger Menschen nachvollziehen können.

„Der Kirche fehlt letztlich die Kraft, schmerzhafte Reformen einzuleiten. Dies gilt auch für den einstigen Hoffnungsträger Papst Franziskus.“

Thomas Schüller

Die Autoren der Missbrauchsstudie haben auch eine Debatte über den Zölibat angeregt. Denn: Priester werden nach den Ergebnissen der Studie fünfmal häufiger auffällig als katholische Diakone – die im Gegensatz zu den Priestern heiraten dürfen. Für problematisch halten die Forscher auch die männlich dominierte Sonderwelt und die hierarchisch-klerikale Kultur. Pfeffer: „Das birgt natürlich Sprengstoff und löst innerhalb unserer Kirche eine große Angst aus, weil sehr Grundsätzliches in Frage gestellt werden kann.“

Eben deshalb gibt es starke Zweifel, dass die alten Männer, die in der straffen katholischen Hierarchie alles Wichtige entscheiden, da mitmachen werden. Theologie-Professor Schüller glaubt, dass der Kirche letztlich die Kraft fehle, schmerzhafte Reformen einzuleiten. „Dies gilt auch für den einstigen Hoffnungsträger Papst Franziskus, dem Visionen und Mitstreiter in der Kirche fehlen, um wesentliche Veränderungen in der Kirche zu initiieren.“

 Stephan Ackermann, Bischof von Trier Foto: Arne Dedert/dpa
Stephan Ackermann, Bischof von Trier Foto: Arne Dedert/dpa

Der kirchenkritische Publizist Eugen Drewermann – selbst ehemaliger Priester – wirft die Frage auf, was von der Kirche noch übrig bleiben würde, wenn sie all die geforderten Strukturreformen ausführen würde: „Sie verlöre dann den Anspruch des Alleinstellungsmerkmals des männlichen Klerikers bei der Sakramentenspendung“, sagte der Theologe und Psychoanalytiker der dpa. „Das ist nach katholischem Verständnis eine heilige Person mit besonderen Gnadengaben – über ihr thront nur noch der Heilige Vater in Rom. Ohne all das hätte sich die katholische Kirche selbst protestantisiert.“

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