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Donnerstag, 19. April 2018 26° 2

Umwelt

Keine Zeit für Sentimentalität

Die Bewahrung der Biodiversität ist Selbstschutz, Lebensversicherung und Zukunftsinvestition – ohne sie stirbt der Mensch.

Dirk Steffens ist TV-Moderator (TerraX/ZDF) und WWF-Botschafter.

Regensburg.Am vergangenen Mittwochabend im Regensburger Antoniushaus war es wie immer, wenn ich das Bild von dem halb verhungerten Eisbären zeige: Aufstöhnen, Raunen, Betroffenheit. Das arme Tier! Und wenn ich dann behaupte, es sei eigentlich scheißegal, ob die Eisbären aussterben oder nicht: Entrüstung, Fassungslosigkeit, Ablehnung. Wie kann er sowas sagen! Aber was würde sich denn in unserem Alltag tatsächlich ändern, wenn es ab morgen keine Eisbären mehr gäbe? Die ehrliche Antwort ist doch: Gar nichts! Alles würde genauso weiterlaufen wie bisher. Arbeit, Freizeit, Bett. Und dann wieder von vorne.

Wenn ich vom Artensterben spreche, denken die meisten Menschen an bedrohte Pandas, Eisbären oder Berggorillas. An einzelne charismatische Arten also, die wir zwar mögen, die für unsere Lebensrealität aber keine direkt erkennbare Bedeutung haben. Und genau das ist ein sehr gefährliches Missverständnis. Artenschutz ist nämlich kein Vergnügen für sentimentale Naturfreunde. Die Bewahrung der Biodiversität ist viel mehr, sie ist Selbstschutz, Lebensversicherung, Zukunftsinvestition. Sie ist möglicherweise die größte Herausforderung, vor der die Menschheit in diesem Jahrhundert steht.

Natürlich wäre ich sehr traurig, wenn die Eisbären tatsächlich aussterben würden. Aber ernsthafte Sorgen macht mir eben nicht das Verschwinden einzelner Arten, sondern das menschengemachte Massenaussterben, das genau jetzt auf der Erde wütet. Der WWF berichtet im Living Planet Report, Wissenschaftler hätten weltweit 14 152 Wirbeltierpopulationen untersucht. Ergebnis: Die Tierbestände haben sich seit 1970 mehr als halbiert. Über die Hälfte der wilden Tiere ist also bereits weg! Die aktuelle Aussterberate liegt schätzungsweise bis zu tausend Mal höher als die normale. Wir erleben gerade die größte Vernichtungswelle seit dem Verschwinden der Dinosaurier! Und dieses Mal ist kein Meteorit daran Schuld. Dieses Mal ist es der Mensch.

Das muss sich ganz schnell ändern. Denn Biodiversität ist die Grundlage unseres Lebens. Ohne die Myriaden großer und kleiner Tier- und Pflanzenarten, die uns umgeben, stünde uns weder Atemluft noch Nahrung zur Verfügung. Landwirtschaft wäre unmöglich, wenn nicht unzählige Mikroben den Boden fruchtbar machten. Circa 75 Prozent unserer Nahrungspflanzen sind von der Bestäubung durch Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und anderen abhängig, eine Bio-Dienstleistung, deren jährlicher Wert global auf etwa 500 Milliarden Euro taxiert wird.

Doch die Insektenvielfalt sinkt dramatisch. Genauso wie die von Amphibien und inzwischen auch Fischen, Vögeln, Säugetieren, Pflanzen. Es ist das gleichzeitige, massenhafte Sterben, das uns bedroht. Noch steht der Homo sapiens nicht auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Aber wenn wir das Artensterben nicht bald stoppen, könnten wir die nächsten Dinosaurier sein: Wesen mit einer großen Vergangenheit. Aber nicht überlebensfähig.

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