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Studie

Kirche stoppt Studie zum Missbrauch

Der sexuelle Missbrauch durch katholische Priester soll aufgeklärt werden – das versprachen die Bischöfe 2010. Nun stoppen sie das wichtigste Gutachten.
von Pascal Durain, MZ

Bischöfe haben bei einem Gottesdienst die Hände gefaltet: Die Deutsche Bischofskonferenz will den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche nicht mehr vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen wissenschaftlich aufarbeiten lassen. (Foto: dpa)

Regensburg/Trier. Als Alexander Probst am Mittwochmorgen das Radio einschaltete, war das wie ein weiterer Tiefschlag für ihn. Der Dietfurter empfand es jedenfalls so. Er erfuhr, dass die Deutsche Bischofskonferenz dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) den Auftrag eines Gutachtens zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche entzogen hat. Der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann bezeichnete das Verhältnis zum Institutsleiter Professor Dr. Christian Pfeiffer als „zerrüttet“. Kommunikationsprobleme seien an der Misere Schuld. Am Abend kündigte die Bischofskonferenz an, gegen Pfeiffer rechtlich vorzugehen und ihm zu verbieten, das Wort „Zensur“ zu benutzen.

Aufklärung in weiter Ferne

Pfeiffer wiederum sprach von heftigem Gegenwind, dem er sich zuletzt ausgesetzt sah – vor allem aus den Bistümern München und Regensburg. Das sei mit wissenschaftlicher Forschung nicht vereinbar. Die Bischofskonferenz habe versucht, vertraglich eine Veröffentlichung gegebenenfalls untersagen zu können. Zudem habe man ein Mitspracherecht bei der Auswahl wissenschaftlicher Mitarbeiter gefordert.

Außerdem habe er bereits im Oktober 2012 alle Bischöfe angeschrieben, um darauf aufmerksam zu machen, dass er Hinweise darauf habe, dass Akten vernichtet worden seien. Von keinem habe er eine Antwort erhalten. Pfeiffer, ehemaliger Justizminister Niedersachsens, will sein Projekt dennoch fortsetzen – und fordert Missbrauchsopfer auf, sich bei ihm zu melden.

Für die Opfer des Missbrauchsskandals, der 2010 für viele Schlagzeilen sorgte, ist die wichtigste Nachricht allerdings eine andere: Die katholische Kirche stoppt die Aufklärung des Missbrauchsskandals. Zumindest vorerst. Denn Pfeiffer arbeitete bereits seit knapp zwei Jahren an dem Gutachten. Bischof Ackermann betonte zwar, dass man immer noch um eine gründliche Aufarbeitung bemüht sei, nun aber einen anderen Partner für dieses Projekt suche. In jedem Fall bedeutet es aber: Es wird noch Jahre dauern bis Licht ins Dunkel kommt.

Gemeinsam gegen das Vergessen

Für Alexander Probst steht damit fest: „Schon wieder versucht die katholische Kirche zu vertuschen und die ganze Sache auszusitzen, bis es keinen mehr interessiert.“ Mit dieser „ganzen Sache“ meint Probst das, was ihn sein Leben lang traumatisiert hat. Als Internatsschüler der Regensburger Domspatzen wurde er gedemütigt und wiederholt missbraucht.Als Probst seine Schilderungen damals öffentlich machte, wurde sein Peiniger vom Dienst als Pfarrer suspendiert. Eine Untersuchung läuft. Doch von der Missbrauchsbeauftragten des Bistums Regensburg, die eigens dafür eingesetzt wurde, habe der Familienvater noch nie etwas gehört.

Aber ans Aufgeben denkt er nicht: „Wir geben keine Ruhe“, verspricht er. Wir – das sind die Opfer des Missbrauchsskandals. Die ehemaligen Schüler des Regensburger Knabenchors wollen nicht mehr warten, bis das Bistum endlich mit Antworten und einem Abschlussbericht auftaucht. Der wurde schon mehrmals versprochen – doch bis auf einen Zwischenbericht im März 2011 und diversen Ankündigungen war nicht viel. In der Öffentlichkeit wurde es bald wieder still.

Alexander Probst hat gemeinsam mit sechs anderen Ex-Domspatzen daher die „Gesellschaft gegen das Vergessen“ gegründet. Diese Gruppe schloss sich im Juli 2012 zusammen, gerade zu der Zeit als Bischof Gerhard Ludwig Müller seinen Abschied aus Regensburg verkündete. Bis heute weiß Probst nicht, wo seine Daten hin verschwunden sind, die er damals den Bistümern Regensburg und Eichstätt zur Verfügung gestellt hat. Nur um herauszufinden, was mit seiner Akte passiert ist, setzte er einen Anwalt ein. Doch auch der konnte mit Bistum und Bischofskonferenz nicht klären, wo seine Daten abgeblieben seien. Daher ist er sich sicher, dass seine Akte vernichtet worden sein muss. Bisher habe er keinen Cent Entschädigung für sein erfahrenes Leid bekommen.

Bistumssprecher Clemens Neck beteuert, dass es sehr wohl „Anerkennungsleistungen“ gab. Entschädigungszahlungen seien etwas Anderes; diese würden ein rechtsstaatliches Urteil voraussetzen. Doch wie viele solcher „Anerkennungsleistungen“ es gegeben hat, sagt Neck nicht. Von Aktenvernichtung will er nichts wissen. So etwas sei in Regensburg nicht passiert, versichert Neck nachdrücklich. Ob auch alle Akten lückenlos an den Hannoveraner Kriminologen weitergeleitet wurden, will er nicht beantworten. Nur so viel: „Unsere Mitarbeiter unterliegen genauso dem Datenschutz, wie jeder andere auch.“ Die Gründe für die Kündigung des Forschungsauftrages könne man aus Regensburger Sicht komplett unterstreichen.

Stichwort Datenschutz

Bereits im August 2011 kritisierte des Netzwerk katholischer Priester, dass durch die Weitergabe von Akten alle Priester, Diakone und Ordensangehörige einem Generalverdacht des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen ausgesetzt wären. Es handele sich bei dem Forschungsauftrag um einen eindeutigen Verstoß gegen die kirchliche Datenschutzordnung und es komme so zu einem „Bruch des Vertrauensverhältnisses zwischen Klerikern und ihren Bischöfen“. Und so forderte das Netzwerk die Bischöfe auf, von diesen Planungen Abstand zu nehmen.

Für den Hannoveraner Kriminologen Charles von Denkowski steht unterdessen fest, dass die von der katholischen Kirche angedachte Aufarbeitung unermesslichen Schaden erlitten habe. Die Missbrauchsopfer müssten so eine weitere Opferwerdung erfahren, weil sich das Netzwerk katholischer Priester und die Diözesen mittels Datenschutzargumenten schützend vor Täter stellen würden.

Der designierte Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer war gestern für eine Stellungnahme dazu nicht erreichbar. Er feierte in Trier seinen Abschied. Voderholzer sei erst ab dem 26. Januar offiziell im Amt, erklärte Clemens Neck – in dieses Thema habe er sich noch nicht eingearbeitet.

Alexander Probst glaubt nicht, dass sich unter der Führung Voderholzers in der Diözese Regensburg etwas ändert. Vielleicht werde der Trierer Dogmatik-Professor öffentlich Aufklärungsinteresse bekunden – aber mehr auch nicht, meint Probst. Das bestätige nur seinen Eindruck: „Hier wird ganz bewusst verschleppt.“

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