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Konsens in Deutschland anordnen

Verschwörungstheorien nehmen zu: Warum verlieren immer mehr Menschen das Vertrauen zu Politik und Wissenschaft?
Von Ulrich Schneider-Wedding, Evangelischer Pfarrer

Foto: Claudia Zacharias/Claudia Zacharias

Regensburg.Mich erschreckten die Bilder von Anti-Corona-Maßnahmen-Demos: nicht, weil es vielen Mitbürgern reicht mit den Beschränkungen, sondern weil darüber Schwarz-Weiß-Rot wehte, die Fahne des vor 75 Jahren untergegangenen Unrechtsstaates. Demgegenüber symbolisiert Schwarz-Rot-Gold den Aufbruch zu Demokratie, Toleranz und Frieden. Zu diesem Konsens sind wir verpflichtet, auch weil wir daraus vielfältigen Nutzen ziehen, z.B. Demonstrationsrecht und Meinungsfreiheit.

Wie, wenn es den Beschränkungs-Gegnern gelingt, die Ewiggestrigen aus ihren Demos zu verbannen? Dürfen sie dann immer noch offensichtlichen Schwachsinn vertreten, etwa dass Bill Gates das Ziel verfolgt, uns bei Corona-Schutzimpfungen einen Chip unter die Haut spritzen zu lassen, mit dem er uns manipulieren kann? – Natürlich dürfen sie.

„Klima-Demos und nun auch Corona haben ein Umdenken angeregt.“

Dennoch gibt es auch einen inhaltlichen Konsens. Zum Beispiel der menschlichen Vernunft zu folgen, wissenschaftlich zu forschen, medizinische und andere Fähigkeiten zu verbessern. Dass dieser Konsens schmilzt, macht mir ebenfalls Sorgen. Wohlgemerkt, es geht nicht um Impfgegnerschaft, die medizinisch begründet werden kann, auch wenn ich selbst die Argumente anders gewichte und Ärzten vertraue. Ich habe nur Angst, dass Verschwörungstheorien eines Tages mehrheitsfähig werden. Es gilt, nach den Ursachen zu suchen, warum immer mehr Menschen das Vertrauen zu Politik und Wissenschaft verlieren.

Jüngst äußerte der frühere Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, die liberalen Eliten hätten versagt, weil sie die normalen Menschen aus dem Blick verloren hätten. In der Tat haben wir zu lange zugeschaut, wie der Wachstums- und Investitionszwang nicht nur die Umwelt zerstört, sondern auch der breiten Mehrheit das Geld aus der Tasche zieht. Den Lügen, die das und den daraus folgenden Sozialabbau rechtfertigen, hat kaum jemand widersprochen.

Zu Recht fühlen sich immer mehr Leute hinters Licht geführt. Doch das können wir ändern. Klima-Demos und nun auch Corona haben ein Umdenken angeregt. Unsere Kanzlerin kündigte an, nach dem Shutdown nur klimagerechte Branchen zu fördern. Und bislang ist sie gegenüber der Auto- und Luftfahrt-Bettelei hart geblieben. Ja, es gibt ein Licht am Ende des Tunnels.

Der Autor ist evangelischer Pfarrer in Regensburg. Er veröffentlichte Anfang dieses Jahres sein Buch „Ökologisch-soziale Marktwirtschaft. Wie man den Wachstumszwang aushebelt.“

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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