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Bildung

Kultur des Durchwinkens

Jüngste Studien zeigen: Jungen Menschen fehlt es trotz gestiegener Schulabschlüsse oftmals an Grundlagenkompetenzen.

Erich Einwachter ist Oberstudiendirektor a. D. aus Regensburg.
Erich Einwachter ist Oberstudiendirektor a. D. aus Regensburg.

Regensburg.Am 24. Juni gab es in Bayern die Abiturzeugnisse. Der Trend zum Erwerb einer Hochschulzulassung ist ungebrochen. Über 53 Prozent der Schüler verfügen über eine Hochschulzugangsberechtigung. Nicht alle erfüllen die eigentlich notwendigen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium.

Trotz vermehrter „guter“ Schulabschlüsse steigt die Zahl der jungen Menschen, die in den Hörsälen wegen fehlender Kenntnisse in der Muttersprache und in Mathematik Schwierigkeiten haben oder gar scheitern. Dies gilt gleichermaßen auch für den Berufsbildungsbereich. Eine DIHK-Studie ( 2015 ) zeigt, dass sich mehr als ein Drittel der Unternehmen in den letzten zwei Jahren in der Probezeit von Berufsanfängern trotz Hochschulqualifikation getrennt haben. Was tun?

Viele IHK-Betriebe und viele Hochschulen organisieren bereits einen „nachholenden Schulunterricht“, um ein vorzeitiges Scheitern in Beruf oder Hochschule zu verhindern. Um Studienabbrüche zu vermeiden, erfolgt eine Inflationierung der Bewertungen und letztlich auch der Abschlüsse. So setzen sich die bildungspolitischen Versäumnisse von unten nach oben fort: Schulzeitverkürzungen erzeugen trotz besserer Noten eine schlechtere Bildung.

Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (Ausbildungsreife & Studierfähigkeit; 2016) hat vor kurzer Zeit auf diese Fehlentwicklungen hingewiesen. Die Autoren der Studie beklagen, dass trotz gestiegener guter Schulabschlüsse junge Menschen mit fehlenden Grundlagenkompetenzen hinsichtlich Sprache und Mathematik zu kämpfen haben. Dies betreffe Ausdruck, Rechtschreibung, Textverständnis und Grundlagen der Mathematik. Zitiert werden Beobachtungen vieler Professoren (WS 2011/12 Philosophischer Fakultätentag): eine wachsende Gruppe von Studierenden wäre den Anforderungen des Studienganges nicht gewachsen; große Schwächen bestünden in Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik und sprachlicher Ausdrucksfähigkeit.

Ingenieurwissenschaftler beklagen, dass bei Eignungsfeststellungsprüfungen selbst einfache Fragen zu Analysis nicht beantwortet werden konnten, und das trotz verpflichtendem Mathematikabitur im G8.

Beklagt wird zudem, dass heute in den Lehrplänen nicht mehr der Fachunterricht, sondern das neue „hypertrophe“ Konzept des kompetenzorientierten Unterrichts dominiere. Nur „fachliches Wissen trägt zum Selbstbewusstsein bei“, doch leider entscheide im Beruf oft nicht die Fachkompetenz, sondern der „Anschein von Kompetenz“. Warum, so fragt die Studie, sollten Studierende allzu viel Zeit in eine Hausarbeit investieren, wenn sich das Notenspektrum auf die obere Hälfte der Skala beschränke und die Wahrscheinlichkeit einer „Allerweltszwei“ 75 Prozent betrage. So habe sich im gesamten Bildungssystem eine „Kultur des Durchwinkens“ von der Grundschule über das Gymnasium bis zur Universität etabliert.

Das Fazit: „Die negativen Folgen zeigen sich spätestens beim Übergang ins Berufsleben.“ Deshalb fordert einer der Mitautoren: „Principiis obsta! – Wehret den Anfängen!“ Justieren wir unser Bildungssystem neu, z. B. durch eine längere Lernzeit am Gymnasium und an der Universität!

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