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Landwirte auf der Durststrecke

Über den Feldern brennt die Luft. Bauern müssen zuschauen, wie ihre Ernte wegschnurrt. Sie hoffen auf staatliche Hilfe.
Von Marianne Sperb

Der Mais schaut aus wie welker Schnittlauch: dünn, schlaff, braun. Die Felder von Johann Mayer, Landwirt in Schirndorf, hat die Hitze-Katastrophe voll erwischt. Foto: Sperb
Der Mais schaut aus wie welker Schnittlauch: dünn, schlaff, braun. Die Felder von Johann Mayer, Landwirt in Schirndorf, hat die Hitze-Katastrophe voll erwischt. Foto: Sperb

Kallmünz.Es knistert, als Johann Mayer auf einem Feld in den Mais greift und ein verdörrtes Blatt vor die Kamera hält. Das Thermometer zeigt an diesem Dienstag knapp 40 Grad, die Luft über dem Acker brennt und von Erde mag man hier nicht mehr sprechen: Graubrauner Staub dehnt sich bis zum Horizont.

In Nordrhein-Westfalen: Kühe auf einer knochentrockenen Weide. Bauern müssen Futter zukaufen. Foto: Weihrauch/dpa
In Nordrhein-Westfalen: Kühe auf einer knochentrockenen Weide. Bauern müssen Futter zukaufen. Foto: Weihrauch/dpa

„Es ist eine Katastrophe.“ Der Landwirt aus Schirndorf ist kein Typ, der jammert. Aber sein Mais kämpft ums Überleben. „Und der Wald auch.“ Dass die Fichten mit ihren flachen Wurzeln Hitze kaum überstehen, ist klar. Aber dass auch die Kiefer aufgibt, „das gab’s noch nie“, sagt der Bauer aus dem Traditionsbetrieb. Die Kiefer gelangt mit ihren tiefreichenden Wurzeln zwar an Wasser; was den Nordbaum aber killt, ist die Hitze über der Erde.

„Dies ist nicht die Generalprobe. Wir befinden uns mitten in der Vorstellung.“ Die philosophische Mahnung, im Jetzt zu leben, münzt Johann Mayer um: „Der Klimawandel liegt nicht vor uns. Wir erleben ihn gerade.“

20 Hitzetage zusätzlich

Extreme Hitzetage und kleinräumige Unwetter-Exzesse nehmen zu, den klassischen Landregen, der die Erde sättigt, „gibt’s praktisch nicht mehr“, sagt der 64-Jährige. Die Lage ist punktuell sehr unterschiedlich. Am Sonntag zum Beispiel: Zwei Stunden regnete es über Schirndorf, sieben Liter pro Quadratmeter. Im drei Kilometer entfernten Kallmünz kamen zehn Liter zusammen, noch ein paar Kilometer weiter waren es 17 Liter.

„Mit den Klima-Extremen, die wir momentan sehen, werden wir künftig noch öfter rechnen müssen“, sagt Dr. Lisa Hülsmann, Forstwissenschaftlerin an der Universität Regensburg. Die Forscherin, die an der ETH Zürich promoviert hat, untersucht Klimafolgen. Gerade hat sie vom Bayerischen Netzwerk für Klimaforschung (bayklif) 800 000 Euro Förderung erhalten, um in Regensburg, an der Fakultät für Biologie und Vorklinische Medizin, eine Juniorforschungsgruppe einzurichten. Das Ziel: robuste Prognose-Instrumente für die Waldentwicklung vor dem Hintergrund des Klimawandels zu erarbeiten. Welches Klima haben wir in 100 Jahren? Und wie verjüngt sich der Wald? „In fünf Jahren“, sagt Hülsmann, „werden wir darauf hoffentlich Antworten liefern können.“

Leer wegen der Hitze-Schäden: eines der Silos auf dem Mayer-Hof: Es müsste eigentlich voll sein. Foto: Sperb
Leer wegen der Hitze-Schäden: eines der Silos auf dem Mayer-Hof: Es müsste eigentlich voll sein. Foto: Sperb

Bei allen Unsicherheiten, mit denen Vorhersagen behaftet sind: „Die Perioden im Sommer, in denen kein oder kaum Regen fällt, werden länger und häufiger“, sagt Hülsmann. „Und die Hitzetage, also Tage mit über 30 Grad, mehr.“ Die Region werde sich bis zum Ende des Jahrhunderts auf rund 20 zusätzliche Hitzetage einstellen müssen.

Die Autorin

  • Marianne Sperb: Die Autorin kommt aus Kallmünz und kennt den Mayer-Hof seit Kindheit. Sie war noch nie in der Mojave-Wüste. Beim Foto-Trip am Dienstagnachmittag, im Gluthauch auf dem Schirndorfer Maisfeld, dachte sie: So muss es dort sein.

Forstwirtschaft denkt in Generationen, Landwirtschaft kann schneller reagieren. „Aber die Möglichkeit, auf hitzeresistente Pflanzen auszuweichen, ist begrenzt“, sagt Thomas Scheuerer. „Und kurzfristig kaum zu machen.“ Der 55-Jährige, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft für Qualitätsgetreide und -raps, bewirtschaftet rund um Hagelstadt ungefähr 200 Hektar – Getreide, Zuckerrüben, Mais, Kartoffeln. Die Böden sind gut. Scheuerer wird 2018 mit einem blauen Auge davon kommen, mit 20 Prozent weniger Ertrag als 2017. Johann Mayer dagegen rechnet mit 50 bis 70 Prozent Einbuße, „teilweise sogar mit Totalausfall“.

Graubraune Krümel: Von Erde mag man hier nicht mehr sprechen. Foto: Sperb
Graubraune Krümel: Von Erde mag man hier nicht mehr sprechen. Foto: Sperb

Der Mais bei Schirndorf schaut aus wie durstiger Schnittlauch: dünn, schlaff, braun. Die unteren Blätter hat der Mais bereits abgeworfen, um alles an Kraft und Saft auf die Kolben zu konzentrieren und wenigstens ein paar Körnchen zu produzieren: ultima ratio vor dem großflächigen Sterben. Auch auf den Wiesen wächst nichts nach. Bauern müssen deshalb Futter teuer kaufen – falls sie denn welches bekommen. „Wenn Sie in Plattling anrufen und nach Rübenfutter fragen, spielt auch der Preis keine Rolle mehr: Alles ausverkauft“, sagt Johann Mayer. Die Folge: „Seit 14 Tagen steigt die Schlachtzahl bei Rindern.“ Bauern geben Altkühe ab, die sie in normalen Zeiten weitermästen würden, und Kälber, um sich keine neuen Fresser nachzuziehen.

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Bei dem Schirndorfer, der Kreisobmann des BBV ist, stehen 380 Tiere im Stall; eine Kuh braucht 40 Kilo Futter am Tag. Mayer hat dafür noch kein Pfund aus der Ernte 2018 angerührt; er zehrt von Vorräten aus 2017. „Wir wissen, dass Schirndorf öfter mit Dürre zu tun hat, und legen Reserven an.“ Risikovorsorge ist das A und O im Agrarsektor, der mit dem Wetter steht und fällt. Thomas Scheuerer zitiert eine Faustregel: „Eine Ernte auf der Bank, eine Ernte in der Scheune, eine Ernte auf dem Halm.“ Nur: Die Lage ist in vielen Betrieben ja schon länger angespannt.

Der Notfall wird zum Normalfall

Geld aus der Milliardenhilfe für Landwirte, die Bund und Länder am Dienstag in Berlin diskutierten, werden einige Höfe dringend brauchen, um die Durststrecke zu überstehen. „Landwirtschaft ist sehr kapitalintensiv. Und es steckt Fremdkapital drin, das bedient werden muss“, sagt Mayer. Höfe mit ausgelaugten Reserven, die in einem unsicheren Markt auch noch Extremklima aushalten müssen, stehen an der Grenze der Belastbarkeit. „Die Uhr tickt; das Geld muss schnell fließen.“ Immerhin: Bayerns Kabinett hat am Dienstag Soforthilfe für Landwirte beschlossen; unter anderem soll es Zuschüsse für den Kauf von Futtermitteln geben.

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Bauern können sich aber nicht dauerhaft auf den Staat stützen, sagt Mayer. Wenn der Klimawandel den Notfall zum Normalfall macht, braucht es neue Modelle. Thomas Scheuerer denkt an eine Versicherung gegen Starkregen und Dürre, in die auch die EU einzahlt. Johann Mayer sagt, es wäre schon viel gewonnen durch das Kletten von Erträgen, das heißt: Steuern zeitversetzt zahlen. Die erhoffte Milliardenspritze vom Bund, das betont Mayer noch, ist kein Geschenk im eigentlichen Sinn. Es geht vielmehr um Stundung, günstige Kredite, Bürgschaften. „Die Bauern müssen jeden Euro zurückzahlen“, sagt Mayer und zerreibt die Maisblätter zwischen den Handflächen. Es hört sich an, als ob er knusprige Kartoffelchips zerbröselt.

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