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Politik
Mittwoch, 18. Juli 2018 29° 6

Europa

Leben im Brüsseler Europaviertel

Kneipiers und Aktivisten behaupten sich im Brüsseler Europaviertel – und leben zwischen Profitfreude und Verlustangst.
Von Sophie Rohrmeier, dpa

  • Europaflaggen vor der Europäischen Kommission in Brüssel: Die EU braucht Platz in ihrem Viertel. Und sie bringt Kunden. Freude und Leid sind da eng verbunden in der belgischen Hauptstadt. Foto: dpa
  • Marco Schmitt einem Bauzaun des Brachgeländes „Friche Eggevoort“: Er kämpft mit der Association du Quartier Léopold gegen den Platzhunger der EU und der Büros in ihrem Gefolge. Foto: dpa

Brüssel.Sarkozy hat schöne Mädchen. Junge Frauen aus Osteuropa. Er steht an der Theke einer Kneipe in Brüssel. Gestreiftes Polohemd, einfache Jeans. „Für Politik interessiere ich mich nicht“, sagt Sarkozy. Dabei lebt der Franzose von der Politik.

Denn die Kneipe mit den schönen Kellnerinnen hinter der Theke gehört ihm. Das „Le Franklin“ liegt gegenüber der EU-Kommission, im Europaviertel. Sein Geschäft macht Sarkozy mit Journalisten und Lobbyisten, Verwaltern und Entscheidern. „Ich bin abhängig von Europa. Ich profitiere davon“, sagt Sarkozy. Louis Sarkozy. Von seinem französischen Namensvetter Nicolas wird noch die Rede sein.

Tausende verdienen ihr Geld in der Stadt – und geben es dort aus

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Sie übt einen Sog aus, verspricht Freiheit, Frieden, Wohlstand. Trotz des Griechenland-Dramas. Von sechs auf 28 Länder ist sie angeschwollen. Das schwemmt immer mehr Menschen nach Brüssel. Mehr als 44 000 Mitarbeiter haben die Kommission, das Parlament und der Rat der EU. Ohne Abgeordnete und deren Mitarbeiter, ohne Lobbyisten und Anwälte. All diese Menschen geben in der Stadt ihr Geld aus, besonders im Quartier Européen.

Der Kneipier Louis Sarkozy in seiner Kneipe
Der Kneipier Louis Sarkozy in seiner Kneipe Foto: dpa

An dessen äußerstem Rand führt Louis Sarkozy seit 27 Jahren das „Le Franklin“. Eine Minute entfernt vom wuchtigen Monument der EU: der Kommission. An ihren Fassaden unzählige Blenden, wie Rasiermesser. 240 000 Quadratmeter, 16 Stockwerke erheben sich als massive Wand, stellen sich jedem in den Blick, der aus den Straßen auf sie zuläuft.

Am Sockel des Monuments also hat Louis Sarkozy sich niedergelassen. In einem schmalen Art-Déco-Eckhaus am äußersten Rand des Quartiers. Gedrungen steht es an der Front der Straßenkreuzung. Scheckig, dreckig-weiß der Anstrich. Sarkozy erkennt die Kommissionsleute, wenn sie seine Kneipe betreten. Und er erkennt die anderen.

„Die da“, sagt er und nickt hinüber zu zwei jungen Männern in Funktionsjacken mit dem kantigen Haarschnitt der Straßenjugend, „die arbeiten nicht für die EU. Die sehen arm aus.“ Seine Schultern hat Sarkozy immer nach oben gezogen, auch wenn er Fußball schaut im Kneipen-Fernseher. Die Haare grau wie der Bart. Eher Bär statt Boss.

Aber er trägt den Nachnamen des einstigen Präsidenten Frankreichs. „Ich habe ihm mal geschrieben, um zu fragen, ob wir aus der gleichen Familie stammen“, sagt Louis Sarkozy. Er hat den Familiennamen nicht von der französischen Mutter, sondern vom Vater. Der war Ungar, wie der Vater von Nicolas Sarkozy. Eine Antwort aus Paris kam nie.

Das Publikum ist gemischt

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Aber wenn Touristen nach Brüssel kommen, in die Hauptstadt der EU, sehen sie nicht die Assemblée Nationale von Paris, nicht das Weiße Haus von Washington, nicht den Berliner Reichstag. Sie sehen die Kommission, den Glas- und Stahlkoloss mit dem Namen Berlaymont. Spottname: „Berlaymonster“.

Abends treibt es die Anzugträger und Frauen im Business-Dress aus der Kommission in die Kneipen des Europaviertels. Vor allem ins Irish Pub „Kitty O’Shea’s“, zum After-Work-Drink und Netzwerken. Smart. Lässig. So sehr zwei Guinness mit Kollegen das eben zulassen. Graue Gruppen zwischen Möbeln aus dunklem Holz.

Die Kneipe „Le Franklin“ im Europaviertel in Brüssel
Die Kneipe „Le Franklin“ im Europaviertel in Brüssel Foto: dpa

Damit kann Sarkozy nicht mithalten. Seine Theke ist schwarz lackiert. Seine Sitzbank ist mit grünem Plastik überzogen. In der Ecke steht ein Spielautomat. Hierher kommen auch Menschen, die allein trinken.

Jan Hermans trinkt selten allein. „Ich liebe meinen Job, verdammt noch mal“, sagt der Fruchtsaftlobbyist. Er sitzt an der Theke im „Le Franklin“ und trinkt Wodka Red Bull. Dunkelblaues Sakko mit Goldknöpfen, helle Bügelfaltenhose. Hermans wohnt um die Ecke und zieht jeden Abend durch die Kneipen, er zeigt sich. 63 Jahre ist er alt. Früher war er Lobbyist für die Milchbranche. Heute versucht er, die Kommission auf seine Saft-Linie zu bringen.

„Wer etwas gegen Europa hat, ist ein verdammter Idiot. Das könnten Arschlöcher sein, Betrunkene, irgendwer.“ So sieht es Hermans und nimmt einen Schluck Wodka. Die EU bringt Reisefreiheit. Und den Gewinn für die Läden im Viertel. Für einen griechischen Salat kann ein Bistro hier schließlich schon mal 18,20 Euro nehmen.

Gehälter und Ansprüche sind hoch

Onkar Shergill fühlt sich nicht wie ein Gewinner. Nur ein paar Schritte entfernt von Sarkozys Kneipe steht der Inder in seinem vollgestopften Eckladen, die Arme auf seine kleine Kühltruhe gestützt. „Je mehr EU-Leute kommen, desto mehr Kunden verliere ich“, sagt Shergill. Er blickt durch die offene Ladentür auf die Straße.

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Viele laufen an Shergills Minimarkt vorbei auf dem Weg zu den EU-Gebäuden. Sie laufen vorbei. Zu den großen Kühlregalen moderner Supermärkte. Deren Zahl wächst. Für alle, die nach langen Bürotagen portioniertes Gemüse suchen oder es nur sonntags zum Einkaufen schaffen.

In Brüssel geben viele mit hohem Gehalt und hohen Ansprüchen ihr Geld aus. Als Dienstreisende – oder wohlhabende Expatriates, die aus dem Ausland kommen und länger hier wohnen. Das macht vieles teurer.

Brüsseler Mieten sind immer noch niedriger als in Paris oder London. Aber zwischen 2004 und 2013 sind sie um ein Fünftel gestiegen. Die Expats sind ein Grund dafür. Die Mietbehörde nennt das die „Internationalisierung Brüssels“. Der Bezirk Woluwe-Saint-Pierre ist der teuerste der Stadt. Für Sarkozy ist auch das Quartier Européen ein Luxusviertel.

Sieben Nächte pro Monat arbeitet Ralitsa für ihn. Damit kann die 25-Jährige, die für ihr Studium aus Bulgarien nach Brüssel zog, ihre WG-Miete bezahlen, 300 Euro. Im Nachbarviertel. Hier würde sie kein Zimmer finden. Die Leute hier findet sie normal. „Aber ich sehe 80-Jährige in einem Porsche fahren. Das ist seltsam“, sagt Ralitsa. Ihr Chef Sarkozy zahlt für die Kneipe nur 1600 Euro Miete. Ein alter Vertrag sichert ihm die Lebensgrundlage. Noch.

Sarkozy weiß, was zu tun ist, noch. Er bleibt lange auf, wenn es sich lohnt. Bei ihm bekommt man noch einen letzten Drink, wenn das „Kitty“ zumacht. Im Lokal gegenüber kostet ein Glas Hauswein fünf Euro, im „Kitty“ 3,50. Sarkozy nimmt nur 2,55 Euro. „Ich habe nichts, was einen höheren Preis rechtfertigen würde“, sagt er. Eng ist sein Laden und nicht edel. Aber er hat die schönen Mädchen.

Mit den Türmen kommen noch mehr Autos

Die Rue de la Loi ist berühmt, da sie an zahlreichen Regierungsgebäuden vorbeiführt.
Die Rue de la Loi ist berühmt, da sie an zahlreichen Regierungsgebäuden vorbeiführt. Foto: dpa

Den Norden, in dem das „Le Franklin“ liegt, trennt die Hauptachse des Quartiers vom Süden: die Rue de la Loi. Eine abweisende Schlucht, an den Flanken schäbige Büroblöcke. Ein Abwasserkanal für Autos, sagen manche Brüsseler. Abends ist die Gegend tot. Das wollen Kommission, Region und Stadt gemeinsam ändern. Mit einem Großprojekt.

Das „Projet Urbain Loi“ lässt 880 000 Quadratmeter zu, für die Kommission und private Investoren. Büros, Wohnungen und Geschäfte in Türmen, 114, gar 165 Meter hoch. Die regionale Regierung hat dafür die Bauvorschriften geändert. Bald sollen die ersten zwei Türme kommen.

Mit den hohen Türmen werden noch mehr Autos kommen, Schatten über Straßenzüge fallen. Das sind die Sorgen der Anwohner. Die Sorgen von Marco Schmitt. „Wir müssen den Dominoeffekt aufhalten“, sagt der 50 Jahre alte Aktivist. Er kämpft mit der Association du Quartier Léopold gegen den Platzhunger der EU und der Büros in ihrem Gefolge.

Die Bürgerinitiative hat, gemeinsam mit einer zweiten, Berufung eingelegt gegen das Großprojekt. Darüber wiederum ärgert sich Pierre Lemaire. „Das ist zum Nationalsport in Brüssel geworden“, sagt der Projektleiter, der in der regionalen Behörde für Raumentwicklung die neuen Bauvorschriften mit festzurrte. Ohne Veränderung keine schönere Rue de la Loi. Alle Schritte seien öffentlich gemacht worden. Die Kommission sagt nichts zur Kritik der Bürger.

Marco Schmitt steht im Süden des Viertels, an der Rue Wiertz, zwischen dem Parlament und den Büros für die Abgeordneten. „Wir haben damals das Parlament nicht blockiert, weil es die demokratischste Institution der EU ist. Es sollte nah bei den Bürgern sein.“ Es, das sind Klumpen aus Stein, Stahl und Glas. Aus ihrem Schatten heraus deutet Schmitt ans Ende der Straße. Dort in der Sonne stehen gedrängte, kleine Stadthäuser. Ihr heller Putz leuchtet herüber ins Dunkle. Für Schmitt leuchten sie als Symbole. Für den Sieg der Bürger über die Investoren, damals. „Beruhige dich, Marco“, sagt er zu sich selbst. Die Häuser mussten nicht weichen. Schmitt erinnert sich.

Es gibt auch andere Ecken im Viertel

1987: Privatinvestoren wollen das Parlament bauen. Aber die Anwohner haben Angst vor Enteignung. Im Verein Association du Quartier Léopold wehren sie sich vor Gericht – und schließen einen Vertrag mit den Investoren. Die Bürger machen der EU Platz. Enteignet werden sie nicht. Die Investoren müssen Ersatz für ihre Häuser finden.

Seit mehr als 30 Jahren ist das Viertel eine Baustelle. Deshalb fallen die Bauzäune nicht auf, die an der untersten Ecke des Viertels zwischen Häusern stehen. Schmitt macht sich an ein paar Drähten zu schaffen. Er drückt die Gitter ein Stück weit auseinander. Dahinter: Ruhe, der Geruch von wuchernder Wildnis, Kräuter und Büsche mit Namensschildern. Eine gehegte Brache.

Schmitt, Kämpfer der alten Generation, steht inmitten der Friche Eggevoort, südlich der Rasierklingen-Fassaden der Kommission. Hier, unter freiem Himmel, sammelt ein neues Kollektiv seine Kräfte. Es sieht nach Lagerfeuer aus und nach Trommelkursen. Die Brache gehört der Stadt, die ist einverstanden, alles in Ordnung also. Nur: Der lose Haufen Aktivisten hat keine feste Ordnung – und trotzdem Macht. Er ist in den Medien präsent, wird stadtbekannt.

Die Pinnwand in der Kneipe „Le Franklin“ zeigt ein Foto vom ehemaligen belgischen Regierungschef Herman Van Rompuy gemeinsam mit einer Kellnerin der Kneipe
Die Pinnwand in der Kneipe „Le Franklin“ zeigt ein Foto vom ehemaligen belgischen Regierungschef Herman Van Rompuy gemeinsam mit einer Kellnerin der Kneipe Foto: dpa

Louis Sarkozy ist schon eine Institution. Er liebt es, dass der Sog der EU ihm Gäste bringt aus aller Welt. Manchmal wichtige Gäste. Einmal war Herman van Rompuy bei ihm, der frühere belgische Premier und Präsident des Europäischen Rats. Er ließ ein Foto von sich machen, mit einer Kellnerin. „Das gehört sich nicht, so ein alter Mann“, sagt Sarkozy. Das Bild hängt an der Pinnwand neben der Theke.

Es wird bis Dezember dort hängen. Dann wird Louis Sarkozy es abnehmen. Denn zum Jahresende muss er das „Le Franklin“ schließen. Der Hausbesitzer will den alten Mietvertrag nicht verlängern. Aber Sarkozy will bleiben, woanders im Viertel wieder öffnen. Er hat ja Stammkunden. „Und wunderbare Mädchen.“

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