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Leben in Armut trotz Arbeit

Gegen Hartz IV-Vorurteile steht die traurige Wahrheit: Einige arbeiten sogar Vollzeit und sind trotzdem auf Hilfe angewiesen.
Ulrike Mascher, Sozial-Expertin

Ulrike Mascher ist Landesvorsitzende des Sozialverband VdK Bayern.
Ulrike Mascher ist Landesvorsitzende des Sozialverband VdK Bayern.

Zu „Hartz IV“ schwirren viele Vorurteile umher. Zum Beispiel dieses: Der Hartz-IV-Empfänger hat keinen Job, weil er keinen will, liegt den ganzen Tag faul herum, trinkt Büchsenbier und will auf gar keinen Fall etwas an diesem Zustand ändern. So schwarz und weiß ist es aber nicht.

Das Vorurteil, dass sich alle Arbeitslosengeld-II-Bezieher vor der Arbeit drücken, hält dem Realitätstest nicht stand. Es gibt nämlich gar nicht so wenige unter ihnen, die regelmäßig einer Arbeit nachgehen. Doch leider verdienen sie nicht genug und müssen „aufstockende Leistungen“ beantragen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu sichern. Heißt aber: Sie gehen arbeiten und werden trotzdem als Empfänger von Arbeitslosengeld-II-Leistungen geführt. Für die Statistik bleiben sie also irgendwie arbeitslos.

Gut 27 Prozent Aufstocker in Bayern

Im Dezember 2018 bekamen 282 302 Menschen in Bayern im erwerbsfähigen Alter Arbeitslosengeld II. Davon waren 76 672 Aufstocker. Das sind immerhin 27,16 Prozent. Von diesen Aufstockern gingen 21,5 Prozent einer Vollzeittätigkeit nach. Im Bund sehen diese Zahlen ähnlich aus

Indem Aufstocker in der offiziellen Arbeitslosengeld-II-Statistik verschwinden, wird auch der Umstand verschleiert, wie hoch das Ausmaß fragwürdiger Arbeitsverhältnisse gerade hier in Bayern ist. Für den Einzelnen ist besonders fatal, dass nur für die sozialversicherungspflichtige Tätigkeit Rentenbeiträge abgeführt werden, nicht vom ALG II, das aufgestockt wird.

Arbeit verdient Respekt

Diese Menschen sind trotz Arbeit arm und laufen auch noch schnurstracks in die Altersarmut. Denn die Rente ist ein gnadenloser Spiegel des Erwerbslebens. Wer wenig aus regulärer Arbeit einzahlt, trägt ein hohes Risiko, im Alter in die Grundsicherung zu rutschen.

Der VdK fordert: Prekärer Beschäftigung, Niedriglöhnen und Mini-Teilzeit-Arbeitsverhältnissen muss ein Riegel vorgeschoben werden. Arbeit verdient Respekt, also eine ordentliche Entlohnung. Nur so kann jeder für sein Alter vorsorgen.

Aufstocker-Zeiten dürfen in der Erwerbsbiografie höchstens eine vorübergehende Phase sein, bevor jemand wieder in ein Arbeitsverhältnis einsteigt, das ihm Rentenanwartschaften über der Grundsicherung garantiert. Deshalb muss auch der Mindestlohn auf wenigstens zwölf Euro steigen, um dies in allen Arbeitsverhältnissen zu ermöglichen.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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