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Gerechtigkeit

Luxus-Renten stehen am Pranger

Wenn Top-Manager mit Abfindungen gehen, ist die Aufregung groß. Renten von 3000 Euro am Tag empfinden viele als unanständig.
Von Reinhard Zweigler

Üppiges Polster im Ruhestand: Die ehemaligen VW-Chefs Matthias Müller (vorne) und Martin Winterkorn in einem Porsche Cabrio. Foto: Franziska Kraufmann/dpa
Üppiges Polster im Ruhestand: Die ehemaligen VW-Chefs Matthias Müller (vorne) und Martin Winterkorn in einem Porsche Cabrio. Foto: Franziska Kraufmann/dpa

Berlin.Nach gerade mal zweieinhalb Jahren ist VW-Vorstandschef Matthias Müller seinen Posten los. Doch um seine Altersversorgung muss sich der geschasste Manager keine Sorgen machen. Vergütungsberater schätzen, dass der 64-Jährige zum Abschied eine Abfindung von bis zu 20 Millionen Euro bekommen dürfte. Im Vorjahr war Müller mit 10,3 Millionen Euro Einkommen der Topverdiener in den deutschen Dax-Unternehmen. Im Ruhestand könnte er nun überdies etwas mehr als eine Million Euro an Rente beziehen – das wären rund 2800 Euro am Tag.

Bereits sein Vorgänger Martin Winterkorn, der im September 2015 Volkswagen im Zuge des Dieselskandals verlassen musste, wurde der Abschied aus Wolfsburg ähnlich üppig mit rund 3000 Euro pro Tag versüßt. Der frühere Manager des Autobauers ist damit nicht allein auf weiter Flur.

John Cryan kann auf eine Abfindung von 6,8 Millionen Euro plus einer Altersversorgung von 1,9 Millionen Euro hoffen. Foto: Gian Ehrenzeller/dpa
John Cryan kann auf eine Abfindung von 6,8 Millionen Euro plus einer Altersversorgung von 1,9 Millionen Euro hoffen. Foto: Gian Ehrenzeller/dpa

Ex-Deutsche-Bank-Chef John Cryan, der auch in diesem Monat seinen Posten räumen muss, kann auf eine Abfindung in Höhe von zwei Jahresvergütungen – das wären 6,8 Millionen Euro – plus einer Altersversorgung von 1,9 Millionen Euro hoffen. Der Bergbaukonzern K+S (Kali und Salz) versilbert den Abschied seines Vorstands Otto Lose mit 3,1 Millionen Euro. Der Mann war gerade einmal elf Monate in diesem Job.

Gehälter im Höhenflug

Gegen die – wie viele Menschen finden – unanständig hohen Managergehälter und Abfindungen regt sich allerdings ein immer heftiger werdender Widerstand. DGB-Chef Reiner Hoffmann kritisiert, dass millionenschwere Gehälter, riesige Abfindungen und exorbitante Pensionen für Manager oft nicht mehr in einer vernünftigen Relation stünden. Denn seit den 80er Jahren befinden sich die Gehälter der Top-Manager im Höhenflug.

So sind die Bezüge der Vorstände der 30 größten Unternehmen, die im Dax notiert sind, um mehr als 600 Prozent gestiegen, wie die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung ermittelte. Seit Mitte der 90er Jahre habe sich zudem das Verhältnis zwischen den Einkommen von Managern und Arbeitnehmern – die sogenannte „Manager-to-Worker-Pay-Ratio“ – immer mehr entkoppelt. Verdienten damals Führungskräfte großer Unternehmen rund 14-mal mehr als ihre Beschäftigten, liegt der Durchschnitt heute bei dem 57-fachen. Spitzenreiter waren 2016 VW-Manager, die 141 mal so viel verdienten wie der durchschnittliche Mitarbeiter.

Bei der Deutschen Post lag das Verhältnis beim 132-fachen, beim Sportartikelhersteller Adidas beim 116-fachen. Die Vorsitzende der Organisation Transparency International Deutschland e.V., Edda Müller, nennt das krasse Missverhältnis schlicht einen „Skandal“. Sie verlangt, dass die jeweiligen Aufsichtsräte der Unternehmen den üppig gezahlten Gehältern, Boni-Zahlungen, Abfindungen und Pensionen klare Grenzen setzen sollten. Das Argument aus der Wirtschaft, dass nur mit millionenschweren Vergütungen Top-Leute zu bekommen sein, nennt Müller „Blödsinn“.

Schulz machte Managerbezüge zum Wahlkampfthema

Im Vorjahr hatte der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz die Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten der Managerbezüge zum Wahlkampfthema gemacht. Die Sozialdemokraten wollten, dass ein bestimmter maximaler Abstand zwischen Durchschnitts- und Vorstandsvergütung gesetzlich vorgeschrieben wird. Außerdem sollte die steuerliche Abzugsfähigkeit von Managerbezügen bei 500 000 Euro gedeckelt werden. Alles, was darüber gezahlt würde, könnte nicht mehr kostenmindernd von der Steuer angesetzt werden. Das sahen auch die Grünen so. Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht forderte eine Obergrenze für Managerbezüge, die beim 20-fachen des Durchschnittsverdienstes liegen sollte.

Aus der Sicht des Münchner Wirtschaftsethikers Christoph Lütge wäre das allerdings „der größte Unsinn“. Für solch ein kleines Gehalt übernehme niemand einen Vorstandsjob, der mit der Verantwortung für hunderttausende von Menschen verbunden sei. Zudem würden sich Vorstandsgehälter in Deutschland, im internationalen Maßstab betrachtet, „im normalen Rahmen“ bewegen. Gegenüber den Bezügen in den USA seien sie hierzulande viel geringer, sagte er.

CDU-Experte verteidigt Bezüge

Heftigen Gegenwind gegen gesetzliche Begrenzungen von Managerbezügen gibt es aus der Union. Der CDU-Wirtschaftsexperte Michael Fuchs meint mit Blick auf Forderungen aus der SPD sowie der Opposition, „der neue Sozialpopulismus“ gefährde den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wenn der Staat eine maximale Differenz zwischen Durchschnittsgehalt der Belegschaft und dem Topmanagement festschreibe, dann habe das auch ganz praktische Konsequenzen. „Gerade in Zukunftsbranchen wie der Digitalwirtschaft haben wir sonst keine Chance auf die Champions League, sondern spielen nur noch in der Kreisklasse“, sagt Fuchs.

DGB-Chef Reiner Hoffmann kritisiert die ausufernden Gehälter von Spitzenmanagern. Foto: Kai Nietfeld/dpa
DGB-Chef Reiner Hoffmann kritisiert die ausufernden Gehälter von Spitzenmanagern. Foto: Kai Nietfeld/dpa

Viele würden vergessen, dass auch der Arbeitsmarkt ein Markt sei. Manager erbrächten Leistungen. Und dafür bezahlten die Anteilseigner Preise - und zwar so viel, wie ihnen die Manager wert seien. „Das ist kein komplizierter, dafür aber ein wirkungsvoller Zusammenhang“, meinte Fuchs. Die neue schwarz-rote Koalition von Kanzlerin Angela Merkel verzichtet nun weitgehend auf Maßnahmen gegen Auswüchse bei Managerbezügen.

DGB-Bundesvorsitzender Reiner Hoffmann entgegnete: „Wenn ein Konzern mehr als 30 000 Stellen abbauen muss, aber ein Verantwortlicher eine Pension von umgerechnet rund 3000 Euro am Tag erhält, dann steht das in keinem Verhältnis und ist den Menschen nicht vermittelbar.“

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