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Gesellschaft

Mann und Frau – und was sonst?

Die Frage nach den Geschlechtern stellt sich spätestens nach dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts neu.
Von Julia Kilian und Gisela Gross, dpa

Nach der jüngsten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts soll es in den Geburtenregistern ein drittes Geschlecht geben. Foto: Peter Steffen/dpa
Nach der jüngsten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts soll es in den Geburtenregistern ein drittes Geschlecht geben. Foto: Peter Steffen/dpa

Berlin.Sobald sich der Babybauch auch nur ein bisschen wölbt, kommt die Standardfrage. „Und, was wird es: Junge oder Mädchen?“ Blickt man sich um in Deutschland, so ist der Alltag weitestgehend zweigeteilt: In Stellenanzeigen wird nach „m/w“ gesucht. Beim Profisport und in der Mode: hier Herren, dort Damen. Bei Kindern: rosa und hellblau. Das Bundesverfassungsgericht hat nun etwas entschieden, das manche Vorstellung ändern könnte.

Vanja, 26 Jahre alt, ist intersexuell, weder Mann noch Frau. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
Vanja, 26 Jahre alt, ist intersexuell, weder Mann noch Frau. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

„Historisch“, „kleine Revolution“, „Durchbruch“. Diese Worte fielen, als die Karlsruher Richter vor rund einer Woche bekanntgaben, dass es im Geburtenregister mit den Kategorien männlich und weiblich nicht getan ist. Eine dritte Option wie „inter“ oder „divers“ steht zur Debatte – oder der Eintrag des Geschlechts könnte ganz wegfallen. Nicht mehr nur die Geschlechtsidentität von Mann und Frau soll damit anerkannt werden, sondern auch die von Menschen, die weder das eine noch das andere sind. So verwunderlich der Beschluss für Laien sein mag: In Deutschland betrifft das Thema mehrere Zehntausend Menschen. Ganz genaue Zahlen fehlen. Allein 80 000 intersexuelle Menschen – ohne biologisch eindeutige Geschlechtsmerkmale – soll es geben. Der Beschluss ist aber darüber hinaus auch für Menschen relevant, die sich nicht in Mann-Frau-Kategorien einordnen (lassen) möchten.

Wer ins Internet schaut, stößt – neben vielen zustimmenden Worten – auf manches Kopfschütteln über den Beschluss der Richter. „Wenn man sonst keine Probleme hat ...“, steht unter einem Artikel. Oder: „Nicht jede Minderheit benötigt extra Regeln.“ Wer wissen will, wie sich Menschen aus dieser Minderheit fühlen, muss nachfragen. Warum ist Geschlecht so ein Aufreger? Welche Veränderungen im Alltag sind zu erwarten? Noch sind Unisexumkleiden und -toiletten rar.

Standardlösungen passen nicht

Ein Anruf bei der Bundesvereinigung Trans* in Berlin, bei René_ Hornstein vom geschäftsführenden Vorstand. Der Unterstrich im Namen ist bewusst gewählt, weil sich Hornstein weder als Mann noch als Frau sieht. Bei der Kontaktaufnahme kann sich Verunsicherung breit machen: Klar ist, Formulierungen wie „Sehr geehrte Damen und Herren“ oder „Danke, Herr...“ passen nicht mehr. Eine Standardlösung werde es auch in Zukunft nicht geben, glaubt Hornstein und rät, nach Wünschen der Menschen zu fragen.

Hornstein selbst kämpfte bei einer Kontoeröffnung vergeblich darum, nicht als männlicher Kunde der Bank eingetragen zu werden und in Briefen mit „Guten Tag, René_ Hornstein“ angesprochen zu werden. Der Beschluss ist nun Bestärkung, auf Änderungen solcher Standards zu pochen. Aber nicht nur: Noch mieden Menschen aus der Community etwa Saunen und Schwimmbäder, aus Angst vor Diskriminierung. „Dann sind wir nicht sichtbar, dann weiß niemand von uns“, sagt Hornstein. Ein Teufelskreis.

Auch Sprachregelungen müssen angepasst werden:

Der Sprachgebrauch

  • Einige Lösungen,

    um eine Diskriminierung in der Sprache zu vermeiden, gibt es schon: etwa den Unterstrich („Lehrer_innen“) und das Sternchen („Lehrer*innen). Sie scheinen laut Duden bisher vor allem von Interessenvertretern und im Uni-Bereich genutzt zu werden.

  • Offen bleibt

    aber die Frage, wie ein weiteres Personalpronomen neben „er“ und „sie“ lauten könnte. „Sir“ wird als gute Lösung gehandelt.

  • Fragezeichen aber auch

    mit Blick auf Kinder-Vornamen: Diese sollen in der Regel die Zuordnung zu einem Geschlecht ermöglichen. An vielen Stellen muss also wohl neu nachgedacht werden.

Mit dem Beschluss gebe es Hoffnung, dass sich mehr Intersexuelle und Trans-Menschen trauen, sichtbarer zu werden. Sichtbarer werden könnte die Geschlechter-Vielfalt auch in Lehr- und Schulbüchern. Petra Lucht vom Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin wertet den Beschluss auch als Appell an die Wissenschaften, bestehende Ergebnisse nicht länger zu ignorieren. „Wenn das Wissen so dargestellt wird, dass es nur zwei Geschlechter gibt, dann beeinflusst das die Wahrnehmung von nur zwei Geschlechtern im Alltag“, sagt sie. Dabei sei diese Norm erst im Zusammenhang mit den modernen Wissenschaften der vergangenen 300 Jahren konstruiert worden – teils wider besseres Wissen, etwa in Biologie und Medizin, wo Intersexualität lange bekannt ist. Geschlecht sei so zu einem Platzanweiser in der Gesellschaft und einem zentralen identitätsstiftenden Merkmal geworden, sagt Lucht.

Streit um Unisextoilette

Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) Foto: Paul Zinken/dpa
Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) Foto: Paul Zinken/dpa

In Berlin ist die Unisextoilette Sinnbild für den politischen Richtungsstreit geworden. Als sich der neue Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) zum Thema äußerte, war der Alarm groß. „Das war eine regelrechte Kampagne“, sagt ein Sprecher der Senatsjustizverwaltung heute. Dabei habe Behrendt nichts anderes getan, als zu einem alten Beschluss einen Zwischenbericht vorgelegt. Der Senat sollte prüfen, in welchen öffentlichen Gebäuden „bei Neu- oder Umbaumaßnahmen Unisextoiletten eingerichtet“ werden könnten und welche Kosten dabei entstünden. Die Idee stammte von der Piratenfraktion, leicht geändert wurde der Antrag 2015 von allen Fraktionen durchgebracht. Auch mit Stimmen der heutigen Oppositionsparteien. Die CDU-Fraktion erklärt, es sei damals wie heute ihre Meinung gewesen, dass Berlin dringendere Probleme habe.

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