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Regierung

Mehr Frauen, mehr Geld für Hochschulen

Forschung und Kultur brauchen einander, sagt Minster Bernd Sibler. Wie er beides fördern will, erzählt er im MZ-Interview.
Von Marianne Sperb und und Louisa Knobloch

Merh Professorinnen an Hochschulen? „Ich bin kein großer Anhänger von Quoten, aber dass wir in Bayern ein Stück besser werden müssen, ist klar“, sagt Bernd Sibler, Bayerns neuer Minister für Wissenschaft und Kunst Foto: altrofoto.de
Merh Professorinnen an Hochschulen? „Ich bin kein großer Anhänger von Quoten, aber dass wir in Bayern ein Stück besser werden müssen, ist klar“, sagt Bernd Sibler, Bayerns neuer Minister für Wissenschaft und Kunst Foto: altrofoto.de

Regensburg.Herr Sibler, Sie sind der erste Minister, der darauf besteht, bis zu unserer Bibliothek im fünften Stock die Treppe zu nehmen!

Ja, ich nutze tatsächlich jede Möglichkeit, ein paar Schritte zu Fuß zu gehen.

Große Schritte gehen Sie zur Zeit an der Uni Regensburg, dort wird an allen Ecken und Enden gebaut. Die Zufriedenheit ist trotzdem verhalten: Es gibt – nicht nur in Regensburg – den Wunsch nach höherer Grundförderung.

Wir haben in den vergangenen Jahren in Bayern große Verbesserungen erreicht. Von rund 160 Millionen Euro aus den Bafög-Mitteln, die wir durch die Übernahme vom Bund erhalten haben, haben wir rund 100 Millionen Euro dafür verwendet, die Grundförderung von Bayerns Hochschulen zu erhöhen. Das war ein wichtiger Aufschlag. Ich weiß aber auch: Es reicht nie.

Projektförderung erzeugt eine Art Tunnelblick. Das Wesen von Forschung ist aber der 360-Grad-Blick.

Der Freistaat hat in den letzten Jahren in diesem Bereich einiges erreicht! Es gab eine kontinuierliche Steigerung der Zuschüsse. Diesen Weg müssen wir Schritt für Schritt weitergehen, insbesondere im interdisziplinären Bereich.

Zur Person

  • Herkunft:

    Bernd Sibler, in Straubing geboren, studierte an der Uni Passau Deutsch und Geschichte für das Lehramt. Der 46-Jährige lebt mit seiner Frau und den zwei Söhnen in Plattling.

  • Partei:

    Bernd Sibler ist seit 1998 MdL und verteidigte drei Mal sein Direktmandat, zuletzt im Oktober 2018, als er mit 48,19 Prozent im Stimmkreis Deggendorf eines der besten Ergebnisse bayernweit holte.

  • Politik:

    Bernd Sibler kennt die Schul-, Hochschul- und Kulturpolitik aus dem Effeff. Er war mehrfach Staatssekretär im Ministerium für Unterricht und Kultus, ab 2013 auch im zeitweiligen Superministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst. Nach neun Monaten als Kultusminister im Kabinett Söder wurde er im November 2018 an die Spitze des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst berufen. Sein Budget liegt 6,8 Milliarden Eurom für beide Bereiche, Wissenschaft und Kunst.

An der Uni Regensburg gab es Ärger, weil Studierende für Arbeit in der Bibliothek Mindestlohn erhielten, obwohl sie nach Tarifvertrag der Länder bezahlt werden müssten. Wie gehen Sie damit um?

Das Thema haben wir im Ministerium fest im Blick. Wir müssen bei der Problematik unterscheiden: Soweit die Studentinnen und Studenten nur als Aufsicht eingesetzt werden, müssen die Universitäten nach Tarif bezahlen. Es gibt aber durchaus auch Situationen, in denen Studenten nach Mindestlohn bezahlt werden können – dazu muss es sich um eine wissenschaftsbezogene Tätigkeit handeln. Wir werden auf rechtskonforme Zustände achten, und das machen wir natürlich mit und nicht gegen die Universitäten. Deshalb haben wir das Thema zeitnah mit den Kanzlern unserer Universitäten besprochen. Sie wurden gebeten, jeden Vertrag einzeln anzusehen.

Es finden so viele junge Menschen wie nie zuvor den Weg an Hochschulen, während die Wirtschaft händeringend Kräfte sucht. Wo verläuft die Grenze?

Ich glaube, wir haben einen Peak bei Studierendenzahlen erreicht. Ein großes Wachstum wird nicht mehr stattfinden können, zumindest nicht bei inländischen Studierenden. Die OECD hat 40 Jahre lang einen Trend geprägt, der lautete: Studiere, dann bist du krisensicher. Wenn ich bei Veranstaltungen den Appell höre, mehr junge Menschen sollen sich für praktische Berufe entscheiden, frage ich: Und wo sind eure Kinder? Dann wird es oft sehr ruhig. Es sind immer die anderen Kinder gemeint, die eigenen sollen schon studieren. Wenn das die Hintergrundmatrix ist, müssen wir uns nicht wundern. Andererseits: In München etwa warten Sie vielleicht Monate auf den Handwerker. Solche Dinge müssen in die Köpfe: dass auch ohne Studium gutes Geld verdient wird. Wir setzen in Bayern auf die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung. Seit Jahren ist mir das Thema ein persönliches Anliegen. Wir müssen uns klar sein, dass beide Bereiche um die besten Köpfe konkurrieren. Und jetzt kommen geburtenschwächere Jahrgänge, das spürt der Ausbildungsmarkt ganz deutlich.

Bernd Sibler spricht über seine kulturellen Vorlieben: hier im Video

Video: MZ

An einigen Unis, auch in Regensburg, sanken die Zahlen zuletzt ganz sachte. Das heißt: Man wird reden müssen, ob die Studierendenzahl noch der Richtwert für die Höhe der Mittel bleibt.

Geld folgt Studenten, mit diesem Grundsatz sind wir in der Zeit des doppelten Abitur-Jahrgangs gut gefahren. Da flossen auch Bundesmittel. Nächste Aufgabe wird sein, die Mittel kompakt fortzufinanzieren. Wer zahlt wie viel mit welchem Geld? Diese Frage müssen wir intensiv mit dem Bund verhandeln. Bildung war übrigens in Bayern in den letzten Jahren eines der absoluten Gewinnerthemen mit hohen Investitionen.

Geld ist unser roter Faden. Die OTH ist über die Jahre sichtbarer geworden, Stichwort Sensorik. Wird sich dieser Stellenwert auch in der Förderung niederschlagen?

Darf ich aufzählen? Neubau Gebäude für Technik, 2016 eröffnet. Neubau Fakultät Informatik und Mathematik, Ende 2017 eröffnet. Neubau für Verwaltung und Fakultät Architektur: Grundsteinlegung 2018. – Das kann sich doch sehen lassen! Insgesamt haben wir mit den genannten Maßnahmen allein an der OTH zuletzt 110 Millionen Euro in Baumaßnahmen investiert. Und damit sind wir noch nicht am Ende! Wir haben hier wirklich etwas bewegt und der Personalstand ist mitgewachsen. Ich kenne OTH-Präsident Wolfgang Baier gut, es gibt seinerseits die Forderung nach Forschungsfläche. Wir sorgen mit zusätzlichen Anmietungen für einen ersten Aufschlag im benachbarten Technologie-Park. Zudem entsteht in Parsberg ein Technologie-Transferzentrum mit weiteren Forschungsflächen. Aber ich weiß, dass auch hier die Wünsche noch größer sind. Es ist ein bisschen wie Weihnachten. Zwei Wünsche gehen, der dritte vielleicht nicht sofort. Ich unterstütze die OTH auch weiterhin bei der Ausbildung unserer so dringend nachgefragten Fachkräfte gerade für den Mittelstand in ganz Ostbayern.

Wenn ich den Appell höre, mehr junge Menschen sollen sich für praktische Berufe entscheiden, frage ich: Und wo sind eure Kinder? Dann wird es oft ruhig im Saal. Es sind immer die anderen Kinder gemeint, die eigenen sollen schon studieren.

Bernd Sibler

Der Koalitionsvertrag hält fest: „Wir holen die besten Köpfe nach Bayern.“ Wie lösen Sie das ein?

Wenn ich, nur als eines von vielen Beispielen, an Philipp Beckhove denke, den Direktor des RCI, des Regensburger Centrums für interventionelle Immunologie, und die unglaublich geschickte Berufungspolitik, ist klar: Wir sind bereits gut aufgestellt. Es geht aber auch darum, Pakete für die ganze Familie zu schnüren. Wir müssen bei der Suche nach international gefragten Kapazitäten die Familiensituation mitdenken.

Der Minister äußerte sich zum Vollausbau des Universitätsklinikums Regensburg: hier

Der Koalitionsvertrag betont auch: „Wir gewinnen mehr Professorinnen für die Hochschulen.“ Setzen Sie, wie Ihre Vorgängerin Marion Kiechle, auf eine Quote?

Ich bin kein großer Anhänger von Quoten, aber dass wir in Bayern ein deutliches Stück besser werden müssen, ist klar. Deshalb werden wir die Frage 2019 verstärkt bearbeiten, auch mit Zielvereinbarungen.

Mit Zielvereinbarungen?

Wir wollen im Schulterschluss mit unseren Hochschulen die Frauenförderung deutlich akzentuieren, auch mit finanziellen Anreizen. Wir besprechen gerade, wie wir das konkret – und klug – ausarbeiten können.

Regierung

Ein Söder-Kabinett mit Frauenfaktor

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Sie werden eher als Wissenschafts- denn als Kunstminister wahrgenommen.

Noch! Für mich ist mein Ministerium ein Gestaltungsministerium. Gerade in Kunst und Kultur können Sie unglaublich gestalten. Mir geht es darum, kreative Prozesse wach zu rufen. Wir brauchen nicht nur Wissen und Können, sondern auch Herz und Charakter, das, was Menschen zu Menschen macht. Wir leben in einer hektischen Welt, wir müssen den Menschen in dieser hektischen Welt auch die Chance geben, dass die Muse sie küssen kann.

Es wächst, auch in der Kulturszene, der Überdruss, dass im Theater, bei Ausstellungen, im Film die Frage dominiert, ob Minderheiten berücksichtigt oder Gefühle verletzt werden. Werden wir ein politisch völlig korrektes und künstlerisch todlangweiliges Kulturland?

Ich nehme diese Debatte vor allem in Politikkreisen wahr. Es gibt Künstler, die Themen sehr provozierend anpacken. Die guten werden sie so aufgreifen, dass sie zum Nachdenken anstoßen. Politisches in der Kunst aufzugreifen, das ist ein Mindestanspruch. Das Schlimmste wäre, wenn wir über Kultur nicht mehr sprechen und streiten, weil sie stromlinienförmig ist.

Es gibt einen Richtwert, den sich der Freistaat gegeben hat: 35 Prozent Zuschussanteil für die Theater. In Regensburg, als Beispiel, liegt er bei knapp 28 Prozent.

Der Zuschuss ist gestiegen, wir engagieren uns für unsere Theater: Von 4,325 Millionen Euro im Jahr 2012 auf zuletzt 5,1 Millionen. Die Richtung stimmt also.

Bernd Sibler, Bayerns neuer Minister für Wissenschaft und Kunst, beim Interview im Medienhaus der Mittelbayerischen Foto: altrofoto.de
Bernd Sibler, Bayerns neuer Minister für Wissenschaft und Kunst, beim Interview im Medienhaus der Mittelbayerischen Foto: altrofoto.de

Den Großteil zehren Personalkosten auf. Nach dem NV Bühne bekommt der Schauspieler, Sänger 2000 Euro brutto. Ist das genug?

Wie gesagt, wir gehen in die richtige Richtung. Aber wenn ich mir etwas wünschen dürfte bei den Haushaltsberatungen, würde ich mir deutlich mehr Geld für diesen Bereich wünschen. Allerdings: Bei Tarifverträgen bin ich außen vor, die verhandelt nicht die Politik.

Aber die Kultur, um den Kreis zu schließen, spielt eine große Rolle für die „besten Köpfe“.

Natürlich braucht es, um Spitzenleute zu gewinnen, auch entsprechende kulturelle Angebote. Das sieht man gerade in Regensburg sehr deutlich. Ich spiele sogar mit dem Gedanken an ein Forschungsprojekt, das den strukturpolitischen Effekt von Wissenschaft und Kunst untersucht.

Danke für das Gespräch! Nehmen wir für die fünf Etagen dieses Mal den Lift?

Wir nehmen die Treppe, ist doch klar!

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