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Mehr Menschen in

Monatlich erreichen die Arbeitslosenzahlen neue Tiefststände. Dennoch bleiben zahlreiche Menschen arm.
Von Jochen Brühl

Jochen Brühl  ist Vorsitzender desBundesverbandes Deutsche Tafel e. V.
Jochen Brühl ist Vorsitzender desBundesverbandes Deutsche Tafel e. V.

Berlin.Sinkende Arbeitslosenzahlen stehen der ungebrochenen Nachfrage nach sozialen Unterstützungsangeboten gegenüber. Das merken die gemeinnützigen Tafeln in Deutschland jeden Tag. Was fehlt, ist neben einer objektiven Bewertung der Entwicklung vor allem ein klarer politischer Plan zur nachhaltigen Verbesserung der Lage für die Betroffenen.

Monatlich erreichen die Arbeitslosenzahlen neue Tiefststände. Laut Mitteilung von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles am 1. Juni 2017 liegt die Zahl der Erwerbslosen aktuell bei 2,498 Millionen – der niedrigste Wert seit 26 Jahren.

Die Vermutung liegt nahe, dass mit mehr Erwerbstätigen auch die Bedürftigkeit abnimmt. Ein Trugschluss, wie sich bei den Tafeln zeigt. Der Bedarf der Tafel-Kundinnen und -Kunden nach Lebensmittelspenden ist höher denn je, besonders bei Arbeitslosen, Menschen in Teilzeit- oder geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen.

Die selektive Wahrnehmung seitens der Politik und die daraus folgende, einseitige Darstellung sind dabei fast schlimmer als der Zustand selbst. Es ist offensichtlich, dass die Zahlen nicht die realen Zustände in Deutschland widerspiegeln. Angesichts dessen grenzt es an eine Farce, Erfolge zu bejubeln, so lange in der Gesellschaft ein erhebliches Ungleichgewicht besteht.

Armut trotz Arbeit ist bei uns traurige Realität. Auswege aus dieser Krise zu suchen und zu finden, die das Leben so vieler Menschen entscheidend einschränkt, ist eine der drängendsten Aufgaben, denen sich die Politik heute stellen muss – vor allem mit Blick auf den sich rasant verändernden Arbeitsmarkt.

Am wichtigsten ist, dass alle Maßnahmen und Ideen auf der Lebensrealität der Betroffenen basieren. Das sollte selbstverständlich sein. Von Armut Betroffene haben keine ausreichende Interessensvertretung in unserem Land. Deswegen fordern wir seit Jahren einen Armutsbeauftragten bei der Bundesregierung, der unmittelbar in Entwicklungsprozesse involviert ist und Sorge dafür tragen kann, dass nicht „am Menschen vorbei“ gedacht wird. Mit ihrer Arbeit vor Ort, direkt mit den Betroffenen, fungieren Organisationen wie die Tafeln als Seismograph für die Missstände in der Gesellschaft. Deren Wissen und Erfahrungen nicht miteinzubeziehen, bedeutet, sich eher auf anonyme Zahlen als auf reale Gegebenheiten zu stützen. So darf keine Politik gemacht werden.

Ich kann allen, die sich mit der Bekämpfung von Armut auf bürokratischer Seite beschäftigen, nur empfehlen, einmal bei einer Tafel vorbei zu schauen und mit den Menschen zu sprechen, die ansonsten nur Zahlen in Tabellen sind.

Die Klarheit, die aus einem solchen Austausch gewonnen wird, überrascht selbst mich nach über 18 Jahren in der Tafel-Arbeit immer noch. Sie hilft, sich zu vergegenwärtigen, was man tut und warum.

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