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Interview

Minister Schmidt: „Finger weg von Milch“

Landwirtschaftsminister fordert im MZ-Interview die Handelskonzerne auf, den Preiskampf mit Grundnahrungsmitteln zu beenden.
Von Reinhard Zweigler, MZ

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) Foto: dpa
Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) Foto: dpa

Berlin.MZ: Herr Minister, Milchbauern fürchten angesichts der dramatisch niedrigen Erzeugerpreise, teilweise weit unter 30 Cent je Liter, um ihre Existenz und gehen in Berlin, München, Brüssel auf die Straße. Vertreter einer radikalen Marktwirtschaft erwarten, dass viele Tausend Milchbetriebe aufgeben und nennen das „Marktbereinigung“. Sie auch?

Christian Schmidt: Nach mehreren guten Jahren ist die Marktlage schwierig. Daher kann ich die Bauern, die in diesen Wochen auf die Straßen gehen, verstehen. Zur Unterstützung der Milchbauern stehen uns auf europäischer und nationaler Ebene verschiedene Maßnahmen zur Verfügung. Am kommenden Montag werde ich mich mit meinen europäischen Amtskollegen zum Sonderagrarrat treffen und entscheiden, welche Maßnahmen die effektivsten sind, damit den Milchbetrieben geholfen wird. Auf dem Sonderrat der EU-Agrarminister am Montag in Brüssel werde ich mich dafür einsetzen, dass die von den Landwirten erbrachten unerwartet hohen Beiträge durch die Superabgabe bei Milch in die Landwirtschaft zurückfließen. Mit diesen Mitteln wollen wir die Liquidität der Landwirte in der jetzigen Situation verbessern und unsere Exportaktivitäten verstärken.

MZ: Ist der Wegfall der Quote in diesem Jahr schuld an den niedrigen Preisen für Rohmilch?

Schmidt: Die Milchquote konnte auch die Milchkrise 2008/2009 nicht verhindern. Die Faktoren für den derzeitigen Preisverfall sind die verhaltene internationale Nachfrage infolge der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung sowie ein hohes Angebot auf dem Weltmarkt.“

MZ: Ist der Export von Milchprodukten, etwa Magermilchpulver, Käse, ein Ausweg aus der jetzigen Krise und was tun Sie dafür? Wenngleich China nicht mehr so viel nachfragt und der russische Markt verschlossen ist.

Schmidt: Export hat für mich hohe Priorität und leistet einen Beitrag zur Bewältigung der schwierigen Marktlage. Bei Milch beträgt der Selbstversorgungsgrad in der EU ca. 110 Prozent, das heißt wir müssen jährlich cirka 18 Millionen Tonnen Rohmilch aus der EU in Drittstaaten exportieren, um die entsprechende Wertschöpfung im ländlichen Raum zu erhalten. Wir brauchen ein europäisches Paket zur Exportförderung, das in der Breite zu einer Verbesserung der Absatzchancen unserer Industrie führt. Mein Haus arbeitet seit Jahren kontinuierlich daran, unseren Unternehmen die Öffnung zu neuen Drittlandsmärkten zu ermöglichen.

MZ: Kritiker der jetzigen Agrarpolitik meinen, man müsse die Milchproduktion nur um drei Prozent drosseln. Dafür könne man denen einen Bonus gewähren, die weniger produzieren, und jenen einen Abschlag auf den Preis erteilen, die mehr produzieren. Ein gangbarer Weg?

Schmidt: Das ist aus meiner Sicht kein gangbarer Weg. Hierbei sehe ich mich auch durch wissenschaftliche Expertisen bestätigt. Mein Ziel ist es, die landwirtschaftlichen Strukturen gerade im Milch- und Fleischsektor langfristig so anzupassen, dass sie den Herausforderungen des Marktes besser standhalten können.

MZ: Welche Verantwortung haben die Aldi, Lidl und Co., die mit Billigstpreisen für Milch und Milcherzeugnisse Kunden anlocken?

Schmidt: Ich appelliere an alle, den Preiswettbewerb nach unten nicht mitzumachen: Preiskampf mit Waschmitteln meinetwegen - aber Finger weg von Fleisch und Milch. Von einem Preiskampf mit diesen Grundnahrungsmitteln hat keiner etwas. Die Landwirte brauchen für ihre Arbeit ein ordentliches Auskommen, damit sie auch künftig die Produkte produzieren können, die von uns Verbrauchern gefragt sind.

Interview: Reinhard Zweigler

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