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Interview

Mortler: „Keine Werbung mehr für Tabak“

Drogenbeauftragte Marlene Mortler fordert im Interview Beratung statt Strafe und legt sich mit der Zigarettenlobby an.
Von Reinhard Zweigler

Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, kämpft schon lang dafür, dass Tabakwerbung verboten wird. Auch von der Cannabis-Legalisierung hält sie nichts. Foto: Andreas Arnold/dpa
Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, kämpft schon lang dafür, dass Tabakwerbung verboten wird. Auch von der Cannabis-Legalisierung hält sie nichts. Foto: Andreas Arnold/dpa

Frau Mortler, 1272 Tote durch illegale Drogen gab es im Jahr 2017. Was läuft falsch in der deutschen Drogenpolitik?

Keine Drogenpolitik der Welt kann zu hundert Prozent verhindern, dass Menschen gefährliche Drogen konsumieren und einige am Ende auch daran sterben - leider. Wir müssen aber alles daran setzen, so viele Menschen wie möglich davon abzuhalten, überhaupt zu Heroin, Kokain und Co. zu greifen. Und wir müssen suchtkranken Menschen Hilfe, Beratung und Behandlung anbieten. Auch mich beschäftigt die Frage jeden Tag: Was kann man noch mehr machen? Womit können wir noch mehr Leben retten? Ein paar Dinge habe ich vor einigen Tagen bei der Vorstellung der neuen Drogentotenzahlen genannt. Ein Beispiel: Wir müssen versuchen, Betroffene noch früher mit unseren Beratungsangeboten zu erreichen, und nicht erst dann, wenn der Job und die Familie schon weg sind und die Gesundheit völlig ruiniert ist. Frühintervention ist das Stichwort.

Seit Jahren beklagen Einrichtungen der ambulanten Suchthilfe, dass sie nicht genügend Geld haben für die notwendige Prävention, Aufklärung und ganz praktische Hilfen.

Und das beklagen die Einrichtungen völlig zu Recht! Die Finanzierung der kommunalen Suchthilfe stagniert seit 10 Jahren, und das, obwohl die Herausforderungen nicht kleiner, sondern größer werden. Ich lasse keine Möglichkeit aus, darauf hinzuweisen, wie wichtig diese Arbeit vor Ort ist. Wo soll denn die Familie hingehen, die merkt, dass einer zu viel trinkt? Wohin soll sich das Unternehmen wenden, wenn es Rat braucht, wie es mit einem suchtkranken Mitarbeiter umgeht? Und wer geht in die Schulen, um mit den Schülern über das Kiffen zu reden?

Mortler findet, man brauche keinesfalls neben Alkohol und Zigaretten eine dritte Droge, die legalisiert wird. Foto: Oliver Berg/dpa
Mortler findet, man brauche keinesfalls neben Alkohol und Zigaretten eine dritte Droge, die legalisiert wird. Foto: Oliver Berg/dpa

Grüne, Linke, Liberale und nun auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter verlangen die Legalisierung der „weichen Droge“ Cannabis. Warum verschließen Sie sich diesem Ruf so hartnäckig? So könnten Polizei und Justiz erheblich entlastet werden.

Eins vorweg: Das Cannabis von heute ist alles andere als eine weiche Droge. Die Pflanzen sind so gezüchtet, dass sie im Schnitt eine vier bis fünf Mal so hohe THC-Dosis enthalten wie noch vor 20 Jahren. Mir geht es darum, realistisch zu bleiben und auf die Fakten zu schauen: Diese belegen, dass der regelmäßige Konsum von Cannabis bei Jugendlichen zu anhaltenden gesundheitlichen Schäden führen kann. Die verschiedenen Experimente in anderen Ländern zeigen, dass eine Legalisierung zu einem höheren Konsum führt, auch und gerade bei Jugendlichen. Sie suggeriert: „legal=ok=harmlos“. Und diese Botschaft können wir wirklich nicht gebrauchen, wenn wir sehen, dass keine andere illegale Droge so viele Menschen therapiebedürftig macht wie Cannabis. Übrigens bin ich mit dieser Position nicht alleine: Dies ist die Haltung der Mehrheit im Bundestag, vieler Wissenschaftler und Mediziner und auch der Mehrheit der Polizisten.

In Österreich und Portugal werden Drogenkonsumenten, die erwischt werden, vor die Wahl gestellt: Strafe oder Hilfe und Beratung annehmen. Ist das ein Vorbild für Deutschland?

Wichtig ist mir, dass wir in dieser Debatte das Ziel immer im Blick behalten: Wie können wir am besten helfen – mit laissez faire und halbgaren Ideen gelingt das nicht. Was ich mir vorstellen kann ist, dass wir über weitere Alternativen zur Strafe sprechen. Ein Weg könnte in der Tat sein, dass Verfahren wegen Drogenbesitzes zum Eigenkonsum eingestellt werden müssen, wenn sich jemand einer Beratung unterzieht. Das kann man aber nur machen, wenn geeignete Beratungsangebote dann auch wirklich bundesweit existieren.

Auf der anderen Seite sterben jährlich fast 140 000 Menschen durch den übermäßigen Konsum von legalen Drogen, wie Zigaretten und Alkohol. Misst der Staat mit zweierlei Maß: legale Drogen, die er besteuert, ja, illegale Drogen nein? Warum soll der Joint verboten sein, die Zigarette oder Saufen bis ins Koma nicht?

Alkohol und Tabak fordern in Deutschland die meisten Todesopfer, das ist korrekt. Diese legalen Drogen bereiten uns Sorgen. Alkohol insbesondere dann, wenn Maß und Verstand dabei aussetzen und der Jugendschutz nicht kontrolliert wird.

Drogenbeauftragte Mortler will Tabakaußenwerbung endlich verbieten. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Drogenbeauftragte Mortler will Tabakaußenwerbung endlich verbieten. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Aber gerade weil ich sehe, wie groß die Herausforderungen mit Tabak und Alkohol schon sind, komme ich zu dem sehr eindeutigen Ergebnis, dass wir keine dritte Droge mit vergleichbarer Verbreitung gebrauchen können. Ich meine: Wenn Sie diese Tür aufmachen, bekommen Sie sie nicht mehr zu.

Nach wie vor darf auf Plakaten großflächig für Zigaretten oder E-Zigaretten geworben werden. Ist das ein Kniefall vor der Wirtschaft, die damit Geld macht?

Das ist ein großes Ärgernis für mich als Drogenbeauftragte. Wir wissen alle, dass Tabakwerbung wirkt, und zwar gerade bei Jugendlichen und bei Menschen, die gerade versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören. Wäre Tabakwerbung wirkungslos, würde die Wirtschaft wohl kaum Jahr für Jahr 200 Millionen Euro hierfür auf den Tisch legen. Es ist doch völlig unsinnig, dass wir einerseits mit ein paar Millionen Euro im Jahr Tabakprävention betreiben, der Wirtschaft andererseits aber ermöglichen, mit einem ungleich höheren Betrag für das Rauchen zu werben! Und bei allem geht es wirklich um etwas. Schließlich sterben in Deutschland nach wie vor etwa 120.000 Menschen im Jahr an den Folgen des Rauchens. Sie können sicher sein: Ich werde beim Verbot der Tabakplakatwerbung nicht locker lassen.

Was ist daran auszusetzen, wenn junge Leute nahezu rund um die Uhr Online sind, per Facebook, Instagram, wenn sie mit Freunden chatten oder im Internet spielen?

Erst einmal gehören digitale Medien für uns alle mittlerweile zum Leben dazu. Und sie bieten ja auch tolle Möglichkeiten, die kaum einer missen möchte. Ich jedenfalls nicht. Problematisch wird es aber dann, wenn man nicht aufhören kann zu spielen und alles andere im Leben an Bedeutung verliert, die Ausbildung, der Job, die Freunde. Leider ist das alles kein Randproblem. Die sogenannten internetbezogenen Störungen sind heute ein Massenproblem geworden. Wir gehen allein in Deutschland von mindestens einer halben Million betroffenen Menschen aus.

Wann beginnt Onlinesucht?

Sucht beginnt immer da, wo die Kontrolle über das eigene Handeln verloren geht, der Alltag nicht mehr funktioniert.

Aber Digitalisierung von der Schule bis in die Arbeitswelt ist doch die Zukunft?

Ja, klar. Ganz wichtig ist in dem Zusammenhang aber, dass wir jetzt nicht blind den Unterricht auf digitales Lernen umstellen und wahllos Tablets und PCs verteilen. Digitalisierung funktioniert nicht ohne Anleitung, ohne das nötige Wissen. Medienkompetenz darf nicht nur eine Phrase sein.

Was tun Sie gegen Online-Sucht und was können Eltern, Freunde, Schule, Vereine tun? Ist einfach mal Offline sein, Handy und PC ausschalten eine Möglichkeit, allerdings total uncool? Einige Hotels bieten das bereits an.

Wichtig sind klare Regeln: Keine Smartphones in die Hände von Kleinkindern - Kleinkinder müssen andere Dinge lernen, Springen, Rennen, Klettern zum Beispiel. Später sollte für alle gelten: Handys aus beim Essen. Das sind nur ein paar Beispiele. Der Verband der Kinderärzte hat auf meine Bitte hin gerade ein hilfreiches Merkblatt für Eltern zu diesem Thema veröffentlicht. Das kann man zum Beispiel unter www.kinderärzte-im-netz.de oder auch auf meiner Website nachlesen. Rüstzeug für die digitale Welt eben.

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