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Nachtrag zur Organspende

Jeder sollte selbst entscheiden, ob nach dem Hirntod Organe entnommen werden dürfen oder nicht. Das ist gar nicht so einfach.
Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbacher, Philosoph

Professor Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbacher, Philosoph
Professor Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbacher, Philosoph

Viele, die die Entscheidung des Bundestags gegen die Widerspruchsregelung bei der Organspende begrüßt haben, berufen sich auf das Selbstbestimmungsrecht: Jeder sollte möglichst selbst entscheiden, ob nach Eintritt des Hirntods Organe entnommen werden dürfen oder nicht.

Aber dass eine Organentnahme nach dem Hirntod bei Patienten, die nicht selbst zugestimmt haben, das Selbstbestimmungsrecht verletzt, ist weniger offensichtlich, als es zunächst scheint. Streng genommen gilt das Selbstbestimmungsrecht des Individuums vollumfänglich nur, solange es lebt. Über den Tod hinaus gilt es nur begrenzt. Eingriffe in den Körper des Toten gelten sogar gelegentlich dann als zulässig, wenn der Verstorbene einem Eingriff widersprochen hat, etwa im Fall einer gerichtlich angeordneten Obduktion. Ein hochrangiges Gemeinschaftsgut, die öffentliche Sicherheit, wird in diesem Fall der Selbstbestimmung des Einzelnen übergeordnet.

Organspendebereitschaft muss vor Hirntod feststehen

Der Verfechter des Vorrangs des Selbstbestimmungsrechts vor allen Hilfsverpflichtungen hat einen triftigeren Grund, die Widerspruchsregelung bei der Organentnahme abzulehnen. Bei der Organentnahme wird in einem großen Anteil der Fälle mit den Vorbereitungen dafür bereits vor Feststellung des Hirntods begonnen: Wenn bei einem nicht mehr heilbaren Patienten alle Anzeichen dafür sprechen, dass der Hirntod in Kürze eintreten wird.

Diese Praxis ist auch sinnvoll, denn sie erhöht die Chance, dass die nach Eintritt des Hirntods entnommen Organe übertragbar sind. Aber solange der Eintritt des Hirntods nicht abschließend festgestellt ist, fallen sie in die Lebenszeit des Organspenders und unterliegen damit den vollen Anforderungen des Selbstbestimmungsrechts.

Bei Patienten, die sich nicht ausdrücklich als Organspender erklärt haben, würde sie dem Recht, nicht ohne Einwilligung zum Nutzen anderer behandelt zu werden, widersprechen. Für die Praxis ergibt sich, dass der Gesetzentwurf über das Organspenderegister so geändert werden sollte, dass Auskünfte über die Organspendebereitschaft bereits vor Feststellung des Hirntods erteilt werden können. Andernfalls würden Patienten als potenzielle Organspender behandelt, die eine Organspende ausdrücklich ausgeschlossen haben.

Autoreninformation:

Der Autor ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) e. V. und u. a. Mitglied in der zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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