MyMz

Bayern

NSU-Morde: Heiße Spur versandet?

Zehn Menschen wurden erschossen – doch das Neonazi-Trio blieb lange unentdeckt. Auch deshalb, weil der Hinweis einer Zeugin nicht weiterverfolgt wurde?

Im Münchner NSU-Untersuchungsausschuss ist eine weitere Fahndungspanne bekannt geworden. Foto: dpa

München. Bayerns Polizei war der Neonazi-Terrorgruppe NSU einst dichter auf den Fersen als bislang bekannt - allerdings wurde ein wichtiger Zeugenhinweis offenbar nicht ausreichend weiterverfolgt. Das wurde am Mittwoch im NSU-Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags deutlich.

Eine heute 46-jährige Nürnbergerin hatte die beiden mutmaßlichen Haupttäter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 9. Juni 2005 mit Fahrrädern in der Nähe des Döner-Imbisses in Nürnberg gesehen, in dem an dem Vormittag der 50-jährige Ismail Yasar erschossen worden war. Später erkannte sie die beiden auf Videoaufnahmen aus Köln wieder, die ihr die Polizei vorspielte: Darauf waren, kurz vor dem dortigen Bombenanschlag in der Keupstraße im Jahr 2004, ebenfalls zwei Männer mit Fahrrädern zu sehen.

Die 46-Jährige betonte vor dem Ausschuss, sie habe beide auf den Aufnahmen eindeutig wiedererkannt. „Für mich persönlich war gar kein Zweifel: Das sind diese beiden.“ Im Vernehmungsprotokoll aus dem Mai 2005 heißt es aber lediglich, die Zeugin sei sich „ziemlich sicher“. Nach einer weiteren Vernehmung einige Monate später, in der der Frau nachbearbeitete Bilder aus der Videosequenz gezeigt wurden, wurde die Formulierung im Protokoll dann noch weiter abgeschwächt. Dort ist dann nur noch von einer „gewissen Ähnlichkeit“ die Rede. Damals wurde dann beschlossen, die Video-Spur nicht mehr weiterzuverfolgen.

Ein Ermittlungsbeamter aus der damaligen Sonderkommission „Bosporus“ sagte vor dem Untersuchungsausschuss auf mehrmalige Nachfragen des Vorsitzenden Franz Schindler (SPD) schließlich: „In meiner Vernehmung war sie sich sicher.“ Er habe die Formulierung „ziemlich sicher“ im Protokoll aber als ausreichend angesehen - und die Zeugin habe das Protokoll schließlich auch so unterschrieben.

Der Beamte sagte auch, dass er die Spur schon als „Treffer“ eingeschätzt habe. Es sei aber dann von den leitenden Ermittlern irgendwann entschieden worden, die Spur nicht weiterzuverfolgen. „Radfahrer gibt’s im Sommer überall“, sagte er. Und es sei auch nur die eine Zeugenaussage gewesen, die in Richtung Köln gewiesen habe. Zudem habe die dortige Tat – ein von Radfahrern verübter Bombenanschlag – nicht zur bisherigen Mordserie gepasst. „Das hat nicht in das Gesamtbild reingepasst“, sagte der Kommissar. Die damalige „Bosporus“-Führung muss nun noch einmal vor dem Ausschuss erscheinen. Das entschied das Gremium noch am Mittwoch.

Die Zeugin berichtete vor dem Untersuchungsausschuss ausführlich, wie sie die beiden mutmaßlichen Mörder an dem Junitag im Jahr 2005 beobachtete. Einmal hätten die beiden in der Nähe des Imbisses gestanden und einen Stadtplan in der Hand gehabt. „Jetzt weiß ich, dass ich sie vor der Tat gesehen habe.“ Eine knappe halbe Stunde später habe sie die beiden dann vor dem Imbiss gesehen. „Da hat der eine dem anderen einen in eine Plastiktüte gewickelten Gegenstand in den Rucksack gesteckt.“ Die beiden seien dunkel gekleidet gewesen.

Die Polizei fertigte damals aufgrund der Angaben der Zeugin sogar Phantombilder der beiden mutmaßlich Mörder an – Ähnlichkeiten zu Böhnhardt und Mundlos sind unverkennbar. Ein knappes Jahr später wurden der Nürnbergerin dann bei einer neuen Vernehmung die Kölner Videoaufnahmen vorgespielt. Da gab sie an, die Männer wiederzuerkennen. Auf mehrfache Nachfragen, ob sie sich auch wirklich ganz sicher sei, habe sie dann gesagt, sie könne dies zwar nicht zu 100 Prozent anhand des Videos sagen. Sie sei sich aber „sehr sicher“. Ein Beamter habe damals aber dann zu seinem Kollegen gesagt, das könne man nicht so ins Protokoll nehmen, weil es eine Vermutung sei.

Die Nürnbergerin berichtete zudem, die Beamten hätten sie damals sehr intensiv nach möglichen Verbindungen Yasars zur Organisierten Kriminalität gefragt: beispielsweise ob sie sich vorstellen könne, dass er mit Waffenschiebereien oder Schwarzgeld zu tun gehabt habe. Auf Nachfrage sagte sie, sie habe das „manchmal schon so empfunden“, dass man sie in eine Richtung habe drängen wollen. „Es ist nicht, was nicht sein darf – das Gefühl hatte ich schon“, sagte die 46-Jährige.

Der Terrorgruppe NSU werden die Morde an neun türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern sowie einer Polizistin, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle vorgeworfen. Böhnhardt und Mundlos sind tot, die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer und Unterstützer stehen derzeit in München vor Gericht.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht