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Gesundheit

Organspende: Wenn es um Leben geht

Es gibt zu wenige Organspender in Deutschland. Nur jeder Dritte besitzt einen entsprechenden Ausweis.
Von Reinhard Zweigler

Ein Organspender kann sieben bis acht Leben retten beziehungsweise das Leben verbessern, sagen Mediziner. Gespendet werden können Herz, Nieren, Lungenflügel, aber auch Bauchspeicheldrüse, Augen-Hornhaut, Dünndarm oder Knochen, wie etwa das Gehörknöchelchen, mit dem taube Menschen wieder hören können. Foto: Stache/dpa
Ein Organspender kann sieben bis acht Leben retten beziehungsweise das Leben verbessern, sagen Mediziner. Gespendet werden können Herz, Nieren, Lungenflügel, aber auch Bauchspeicheldrüse, Augen-Hornhaut, Dünndarm oder Knochen, wie etwa das Gehörknöchelchen, mit dem taube Menschen wieder hören können. Foto: Stache/dpa

Rund 2000 Nierentransplantationen, allein etwa 1000 davon am Universitätsklinikum Regensburg (UKR), hat Prof. Dr. Bernhard Banas bereits betreut. Doch der Leiter des Transplantationszentrums macht sich große Sorgen. Seit etwa acht Jahren geht die Zahl der Organspender in Deutschland dramatisch zurück. Mit Folgen für das Transplantationsgeschehen. Wurden früher an seinem Klinikum bis zu 80 Nieren pro Jahr verpflanzt, sind es mittlerweile nur noch 49, sagt der Mediziner, der auch Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft ist. Für viele Patienten, die auf ein lebensrettendes und/oder -erhaltendes Organ warten, gibt es keine Hilfe, stirbt jede Hoffnung. Das ist sehr bitter für die Betroffenen und ihre Angehörigen, weiß der erfahrene Arzt. Er plädiert deshalb für eine Verbesserung der gesetzlichen Regeln zur Organspende, für mehr Aufklärung und vor allem „für eine neue Kultur Pro Organspende in Deutschland“, wie er gestern unserem Medienhaus sagte.

Viele Mediziner halten die bisherige Regelung nach dem derzeitigen Transplantationsgesetz für unzureichend. Gerade mal ein Drittel der Bundesbürger hat sich für einen Organspendeausweis entschieden. Das heißt, er oder sie hat seine/ihre grundsätzliche Bereitschaft bekundet, im Falle des eigenen Hirntodes Organe zu spenden. Professor Banas verweist darauf, dass selbst wenn ein Verstorbener einen solchen Ausweis besitzt, in jedem Fall die Angehörigen befragt werden müssen, ob eine Organspende auch wirklich gewollt sei.

Eine preisgekrönte Multimedia-Reportage zum Thema Organspende lesen Sie hier.

Bürokratisches Dilemma

Die geltende Rechtslage bestimmt, dass Organe im Todesfall nur entnommen werden dürfen, wenn der Betroffene dem zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat oder – sofern er keine Entscheidung getroffen hat – die Angehörigen nachträglich dies als Willen des Verstorbenen angeben. In der Praxis erweist sich das als eine zeitraubende, bürokratische Hürde. Die an jeder Klinik zuständigen Transplantationsbeauftragten stecken dabei in einem Dilemma. Sie müssen die Fälle dokumentieren, gegebenenfalls an die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) melden. Und sie müssen mit den Angehörigen des möglichen Organspenders sprechen, was für alle emotional höchst belastend ist. Transplantationsbeauftragte müssten im Grunde rund um die Uhr im Einsatz sein, was natürlich nicht möglich ist. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass in Deutschland – rein statistisch – auf 1000 Verstorbene nur 0,7 Organspender entfallen. Länder, wo das Spendesystem auf anderen Grundlagen steht, etwa in Frankreich, Spanien, Österreich, den Niederlanden oder Portugal, kommen vier Spender auf 1000 Verstorbene.

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) beschreibt das Problem so: „Wir haben in den vergangenen Jahren intensiv darüber informiert, dass Organspenden Leben retten. Aber bislang haben sich gerade einmal 36 Prozent der deutschen Bevölkerung für einen Organspendeausweis entschieden. Deshalb ist es an der Zeit, die bisherige Regelung auf den Prüfstand zu stellen und auch über sogenannte Widerspruchslösungen nachzudenken.“

Damit rennt die Ministerin bei Professor Banas und vielen seiner Berufskollegen gewissermaßen offene Türen ein. Bei der sogenannten Widerspruchslösung ist grundsätzlich jeder im Todesfall – festgestellter Hirntod – automatisch Organspender. Es sei denn, man habe dem zu Lebzeiten widersprochen und sich in eine entsprechende Widerspruchsliste eintragen lassen. Nach Überzeugung vieler Mediziner würde damit die Zahl der Organspenden erheblich ansteigen.

Professor Banas verweist in diesem Zusammenhang auf eine Befragung. Nach der sind – über die Jahre stabil – rund 80 Prozent der Deutschen grundsätzlich bereit, im Todesfall Organe zu spenden. Er hält das für ein großes Potenzial, um wesentlich mehr Patienten als bisher helfen zu können.

Auch in der Bundespolitik scheint die Bewegung in Richtung Widerspruchslösung immer mehr Anhänger zu finden. Die CDU-Gesundheitsexpertin Claudia Schmidtke, selbst Herz- und Gefäßchirurgin, hofft noch in diesem Jahr auf eine entsprechende Gesetzesinitiative im Bundestag. Aus dem Hause von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gibt es überdies Signale, dass man Änderungen am bisherigen System der Organspenden in Deutschland, dass Kritiker für ein „Recht auf Nichtentscheiden“ halten, im Herbst angehen könne.

Der Kieler Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) macht einen etwas anderen Lösungsvorschlag: Er ist für eine „verpflichtende Entscheidungslösung“. Ähnlich wie in den USA sollten Menschen danach angeben müssen, ob sie im Fall ihres Todes Organspender sein wollen oder nicht. Diese Entscheidung könnte in Führerschein, Gesundheitskarte oder Ausweis dokumentiert werden, etwa in Form eines großen roten Herz-Stickers.

Diskussion „ohne Denkverbote“

Der Nierenspezialist Banas ist froh, dass es in der Politik Bewegung in die richtige Richtung zu geben scheine. Eine Abstimmung im Parlament über eine solche zutiefst ethisch-moralische Frage sollte „auf jeden Fall fraktionsoffen“ geschehen. Die Situation sei so dramatisch, dass „offen und ohne Denkverbote“ darüber diskutiert werden müsse. Der Mediziner verweist zudem auf Fakten, die in der Debatte kaum beachtet würden. Laut Statistik versterben von den rund 10 000 Patienten, die auf Wartelisten für Organe stehen, täglich drei. Das sind im Jahr rund 1000 Menschen. Aber Zehntausende Patienten kämen erst gar nicht auf die Wartelisten.

„Den kommerziellen Organhandel haben und wollen wir in Deutschland nicht.“

Prof. Dr. Bernhard Banas

Banas verweist zudem auf eine „Urangst“, die Menschen davon abhalte, sich bereitzuerklären, Organe zu spenden. So gebe es hier und da das Vorurteil, wenn man die Bereitschaft erkläre, würde im Fall einer lebensbedrohlichen Erkrankung nicht mehr ausreichend therapiert. Solche Befürchtungen seien völlig unbegründet. Ehe man zum Organspender werde, sei vorher alles medizinisch Mögliche getan worden, um das Leben des Patienten zu retten, erklärt der Mediziner.

Auf kriminelle und kommerzielle Praktiken des Handels mit Organen im Ausland angesprochen, sagt Banas eindeutig: „Den kommerziellen Organhandel haben und wollen wir in Deutschland nicht.“ Wenn es so weit käme, würde er seinen Arztkittel an den Nagel hängen. Er versuche vielmehr, anhand konkreter Beispiele zu informieren. So habe vor einiger Zeit ein Ehepaar, dass seine kleine Tochter verloren hatte und deren Organe anderen Kindern das Leben retten konnten, auf einer Veranstaltung von ihrer schwierigen Entscheidung für die Organspende erzählt. Den Zuhörern standen die Tränen in den Augen.

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