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Glaube

Osterpredigt mit politischen Untertönen

Dürfen Predigten zu Ostern politisch sein? Wir haben bei Pfarrern nachgefragt – und unterschiedliche Meinungen gehört
Von Louisa Knobloch und Julia Lauer, epd

Papst Franziskus wäscht und küsst die Füße junger Häftlinge in einem Jugendgefängnis. Domvikar Christian Kalis sieht darin einen Aufruf, sich auch für die Schwachen einzusetzen. Foto: Osservatore Romano/dpa
Papst Franziskus wäscht und küsst die Füße junger Häftlinge in einem Jugendgefängnis. Domvikar Christian Kalis sieht darin einen Aufruf, sich auch für die Schwachen einzusetzen. Foto: Osservatore Romano/dpa

Regensburg.An Weihnachten hat ein Tweet eine Diskussion darüber ausgelöst, wie politisch Predigten sein dürfen – oder ob sie es sogar sein sollten. Der Chefredakteur der „Welt“, Ulf Poschardt, hatte an Heiligabend bei Twitter gefragt: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“ Seine Kritik entzündete sich an einer Predigt des protestantischen Pfarrers Steffen Reiche in Berlin, der etwa auf die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), auf Donald Trumps Steuerreform und auf russisches Staatsdoping zu sprechen gekommen war.

Auch die CDU-Politikerin Julia Klöckner äußerte sich kritisch: „Es kommt vor, dass aus manchen Kirchenkreisen mehr zum Thema Windenergie und Grüne Gentechnik zu hören ist als über verfolgte Christen, über die Glaubensbotschaft oder gegen aktive Sterbehilfe“. Jetzt an Ostern werden politische Predigten wieder ein Thema sein.

Dekan Hans Amann ist Pfarrer von St. Jakob in Schwandorf. Foto: Amann
Dekan Hans Amann ist Pfarrer von St. Jakob in Schwandorf. Foto: Amann

Dekan Hans Amann, Pfarrer von St. Jakob in Schwandorf, hat eine klare Meinung dazu: „Predigten dürfen nicht nur politisch sein, sie sind politisch. Denn die frohe Botschaft, die wir an Ostern in besonderer Weise verkünden, hat immer einen Bezug zum Leben der Menschen.“ Ostern eignet sich Amanns Ansicht nach sogar besser für politische Themen als Weihnachten – „da brauchen die Menschen was fürs Herz“. Wobei die Herbergssuche von Maria und Josef durchaus Stoff für politische Predigten bieten würde, so der Pfarrer.

„Es gibt ein Leben vor dem Tod“

Doch welche politische Botschaft verbindet man mit Ostern, dem Fest der Auferstehung Christi? Amann spitzt es zu auf eine These: „Es gibt auch ein Leben vor dem Tod und das muss menschenwürdig gestaltet werden. Da haben wir einige Baustellen in diesem Staat.“ Als Beispiele nennt er die Rentenpolitik oder dass so viele Menschen auf die Tafeln angewiesen seien. Unabhängig von Ostern greift Amann in seinen Predigten immer wieder Themen wie Armut, soziale Missstände oder die Aufnahme von Flüchtlingen auf. „Man kann nicht immer politisch predigen und nicht expressiv politisch. Aber man muss ein Gespür dafür haben, was die Menschen bewegt.“

Hermann Josef Eckl ist katholischer Studentenpfarrer in Regensburg. Foto: Knobloch
Hermann Josef Eckl ist katholischer Studentenpfarrer in Regensburg. Foto: Knobloch

Der katholische Regensburger Studentenpfarrer Hermann Josef Eckl findet auch, dass Predigten politisch sein dürfen. „Natürlich kommt es immer darauf an, was man unter politisch versteht. Die Kirche hat nicht die Aufgabe, sich in tages- oder parteipolitische Themen einzumischen“, sagt er. „Aber eine Predigt darf zu gesellschaftlich relevanten Fragen Stellung beziehen und muss es unter Umständen sogar.“ In einer Hochschulgemeinde stehe etwa die Bildungspolitik im Fokus. Ein anderes Thema durch die Nähe zum Verein CampusAsyl sei die Debatte um Migration und Integration. „Es wäre ein weltfremder Glaube, der zu diesen Dingen nicht Stellung nehmen würde. Wir können ja nicht so tun, als wären Frömmigkeit und Glaube ein Paralleluniversum. Glaube und Leben gehören zusammen“, sagt Eckl.

„Eine Predigt darf zu gesellschaftlich relevanten Fragen Stellung beziehen und muss es unter Umständen sogar.“

Hermann Josef Eckl, katholischer Studentenpfarrer

„Kirche muss Stellung beziehen“

Martin Schulte ist seit 2006 Pfarrer an der evangelischen Dreieinigkeitskirche in Regensburg. Foto: Schulte
Martin Schulte ist seit 2006 Pfarrer an der evangelischen Dreieinigkeitskirche in Regensburg. Foto: Schulte

Auf die Frage, ob Osterpredigten politisch sein dürfen, antwortet Pfarrer Martin Schulte von der evangelisch-lutherischen Dreieinigkeitskirche in Regensburg mit einer Gegenfrage: „Müssen Osterpredigten abstrakt und weltfremd sein?“ Eine gute Osterpredigt müsse sich immer auseinandersetzen mit dem, was die Menschen in einer „polis“, also in einer Stadt und ihrer Gesellschaft bewegt. „Wo sind in unserer Mitte die Menschen, die ‚aufstehen‘ für das Leben? Wo sind die Menschen, die nicht ‚tot zu kriegen‘ sind, sondern neues Leben wagen?“, fragt Schulte. „Ein solches ‚Auferstehen‘ erfasst all unsere Lebensbereiche, von den innersten Empfindungen unserer Seele bis hin zu den ganz großen gesellschaftlichen Themen. Das kann auch mal politisch werden und ist als Verkündigung doch viel grundsätzlicher als es Parteiprogramme je sein können.“

Die Botschaft der Ostertage

  • Gründonnerstag

    Der Domvikar und Jugendpfarrer im Bistum Regensburg, Christian Kalis, sieht die Botschaft der Ostertage durchaus als politische Botschaft: Dass Jesus seinen Jüngern am Gründonnerstag die Füße wasche, sei ein „Aufruf an uns, uns auch für die Schwachen einzusetzen“.

  • Karfreitag und Ostersonntag

    Der Tod Christi am Kreuz werfe die Frage auf, „inwieweit wir bereit sind, ein Stück von uns aufzugeben zum Wohl des anderen?“ Die Auferstehung am Ostermorgen könne „Mut machen, eine schwierige Zeit zu durchschreiten, um danach zu einem wertvolleren neuen Leben zu kommen“.

Stefan Wissel ist Pfarrer in Barbing. Foto: Archiv
Stefan Wissel ist Pfarrer in Barbing. Foto: Archiv

Auch der Barbinger Pfarrer Stefan Wissel vertritt eine klare Meinung: „Nach dem Theologen Johann Baptist Metz kann eine Predigt gar nicht unpolitisch sein“, sagt er. Die katholische Soziallehre dränge dazu, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. „Asyl, Armut, Vereinsamung – bei diesen Themen muss man politisch sein.“ Er beklagt jedoch, dass sowohl die Kirche als auch Sozialverbände hier zu wenig Stellung beziehen würden. „Eine Kirche, die nicht mehr in die Gesellschaft hineinwirkt, marginalisiert sich selbst“, warnt er. Ob sich jedoch ausgerechnet Ostern für politische Predigten eignet, bezweifelt er: „Das Geheimnis der Auferstehung ist zu groß, das überstrahlt alles.“

„Keine politischen Reden halten“

Friedrich Hohenberger ist Pfarrer der Evangelische Studentengemeinde Regensburg. Foto: Knobloch
Friedrich Hohenberger ist Pfarrer der Evangelische Studentengemeinde Regensburg. Foto: Knobloch

Ähnlich sieht es Friedrich Hohenberger, Pfarrer der Evangelischen Studentengemeinde Regensburg. „An Ostern sprechen wir über die große Frage des Lebens und der menschlichen Existenz – da interessiert mich das Klein-Klein der Politik nicht.“ Generell könne man Glauben und Leben aber nicht trennen: „Wir können nicht einen Gott predigen, der Mensch wurde und dann die Menschen vernachlässigen.“

Dieter Zinecker ist Stadtpfarrer in Cham. Foto: Archiv/cba
Dieter Zinecker ist Stadtpfarrer in Cham. Foto: Archiv/cba

Für Dieter Zinecker, den Stadtpfarrer von St. Jakob in Cham, steht an den christlichen Hochfesten die Verkündigung von Glaubensinhalten im Vordergrund. „Diese führt zu einer Lebenseinstellung, einer sozialen Haltung, die man auch in der Öffentlichkeit vertritt. Parteipolitik ist etwas anderes.“

„Wir können nicht einen Gott predigen, der Mensch wurde und dann die Menschen vernachlässigen.“

Friedrich Hohenberger, Pfarrer der Evangelische Studentengemeinde Regensburg

Diese Ansicht teilt Till Roth. Der evangelisch-lutherische Pfarrer leitet das unterfränkische Dekanat Lohr am Main. „Mein Auftrag als Pfarrer ist in erster Linie, das Evangelium zu verkünden und Menschen seelsorgerlich zu begleiten. Politische Reden zu halten, gehört nicht dazu“ sagt er. Wer ein kirchliches Amt innehabe, sollte sich seiner Meinung nach zurückhalten, „egal welche Meinung er oder sie persönlich als Bürger hat.“ Eine Neuauflage der großen Koalition beispielsweise könne man als Christ befürworten oder auch ablehnen. Deshalb habe so ein Thema weder in einer Predigt noch in sonst einer Verlautbarung kirchlicher Amtsträger etwas zu suchen. „Andernfalls besteht die Gefahr, dass ich als Pfarrer die Gemeinde spalte, anstatt Zusammenhalt zu schaffen. Auch das Pfarrdienstgesetz verlangt übrigens Zurückhaltung bei politischer Betätigung.“ Es gebe Themen, zu denen sowohl Politik als auch die Kirchen etwas zu sagen hätten – als Beispiele, auf die er selbst in Predigten eingegangen ist, nennt Roth die Kultur öffentlicher Debatten oder Flüchtlinge. „Ich habe gesagt, dass aus dem christlichen Glaubensverständnis folgt, sie als Mitgeschöpfe Gottes zu achten, ihnen gleiche Rechte und Religionsfreiheit zuzugestehen. Wichtig war mir jedoch, allgemein zu bleiben. Es kann keine politischen Lösungen von der Kirchenkanzel geben.“

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