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Kirche

Papst Franziskus’ erste große Krise

Ein ranghoher Kardinal rückt ins Zentrum eines Missbrauchsskandals – und bereitet dem Papst größere Probleme denn je.
von Julius Müller-Meiningen, MZ

Kardinal George Pell (links außen, schwarzes Sakko) muss sich wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht verantworten. Foto: dpa
Kardinal George Pell (links außen, schwarzes Sakko) muss sich wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht verantworten. Foto: dpa

Rom.Der Kardinal musste sich seinen Weg durch einen Pulk von Schaulustigen und Reportern bahnen. Am Mittwoch hatte in Melbourne der Prozess gegen George Pell, bislang Chef des vatikanischen Sekretariats für Wirtschaft, begonnen. Der ehemalige Erzbischof von Sydney ist der ranghöchste katholische Geistliche, der jemals wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen angeklagt worden ist. Es geht um mehrere, bislang nicht bekannt gegebene Vorwürfe aus den 70er und 80er Jahren. Der 76-Jährige, der von Papst Franziskus von der Leitung des Wirtschaftssekretariats freigestellt wurde, beteuerte nun auch vor Gericht seine Unschuld. Der Prozess soll im Oktober fortgesetzt werden. Doch schon jetzt kann man festhalten: Der Prozessbeginn markiert einen negativen Höhepunkt im Pontifikat Jorge Bergoglios.

Papst Franziskus muss sich vorwerfen lassen, auf dem Gebiet des sexuellen Missbrauchs sowie bei den Wirtschaftsreformen im Vatikan – zwei der wichtigsten Themen seiner Agenda – einen Misserfolg an den anderen zu reihen. Pell, der stellvertretend für das päpstliche Scheitern in beiden Themenkomplexen steht, ist bei weitem nicht der einzige Stachel im Fleisch des Papstes.

Erst die Justiz, dann der Papst

Trotz aller Hinweise auf dunkle Flecken in Pells Vergangenheit vertraute Franziskus dem bulligen Australier 2014 die Leitung des neu geschaffenen Wirtschaftssekretariats und damit den für die Reformen wichtigsten Vatikanposten an. Seit Pell von seiner Vergangenheit Schritt für Schritt eingeholt wurde, etwa mit Aussagen vor einer australischen Untersuchungskommission im Jahr 2016, die seinen verantwortungslosen Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs dokumentieren, rudert Franziskus hinterher. Er werde erst sprechen, wenn die Justiz gesprochen hat, sagte der Papst.

Papst Franziskus. Foto: dpa
Papst Franziskus. Foto: dpa

Bereits im März war die Irin Marie Collins aus der vom Papst 2014 eingesetzten Kommission für Kinderschutz zurückgetreten, weil sie den „Mangel an Zusammenarbeit“ der Kurie mit der Kommission beklagte, die das Prunkstück des Papstes beim Kampf gegen Missbrauch im Klerus sein sollte. Collins, die als Mädchen von einem Kleriker missbraucht wurde, war als Vertreterin der Betroffenen in die Kommission berufen worden.

Vatikankenner horchten auf, als der Vatikan im Juni den Rücktritt des Rechnungsprüfers Libero Milone bekannt gab. Der angesehene Fachmann war erst zwei Jahre zuvor berufen worden und sollte unter der Regie des Sekretariats für Wirtschaft, Licht in das Dickicht der Vatikanfinanzen bringen. Bereits 2015 waren Daten aus seinem Dienst-Computer entwendet worden, in der Folge deckte die Vatikangendarmerie einen Machtkampf um die Finanzreformen im Vatikan auf, der als „Vatileaks II“ bekannt wurde und offenbar noch nicht beendet ist.

Erfolge bleiben bisher aus

Kardinal Gerhard Ludwig Müller in seinem Büro in Rom. Nach seiner Entlassung äußerte er sich negativ gegenüber Papst Franziskus. Foto: Lena Klimkeit/dpa
Kardinal Gerhard Ludwig Müller in seinem Büro in Rom. Nach seiner Entlassung äußerte er sich negativ gegenüber Papst Franziskus. Foto: Lena Klimkeit/dpa

Im Kern handelt es sich um einen Streit der Zuständigkeiten zwischen dem von Franziskus neu geschaffenen Sekretariat für Wirtschaft, der vatikanischen Güterverwaltung Apsa sowie dem vatikanischen Staatssekretariat. Reformerfolge stehen nach mehr als vier Jahren Amtszeit des Papstes noch aus. Auch der Anfang Juli von Franziskus entlassene deutsche Präfekt der Glaubenskongregation, der frühere Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, gibt nicht klein bei. Der Papst verlängerte Müllers auf fünf Jahre angelegtes Mandat nicht, der gedemütigte Kardinal gibt seither in zahlreichen Interviews zu erkennen, was er von den Zuständen unter Franziskus hält. Welcher Plan hinter der Kurienreform stehe, „erschließt sich mir bisher nicht“, sagte Müller erst vor wenigen Tagen der Würzburger Tagespost. Mit dieser Sicht steht der Kardinal in der Kurie nicht allein. Müller kritisierte auch den Personenkult um Franziskus und dessen in seinen Augen unqualifizierten Beraterstab.

Der Papst mag diese Beschwerden als den Frust eines Geschassten abtun. Dass die Reformversuche teilweise erfolglos sind, das gestand zuletzt sogar die offizielle Vatikanzeitung, der Osservatore Romano, ein. Am Wochenende erschien dort ein Artikel, in dem die Widerstände im Klerus gegen die „Bekehrung“ der Kirche durch Franziskus kritisiert werden. „Ein Großteil der Gläubigen ist in Feierstimmung“, heißt es in dem Text des Bibelwissenschaftlers Giulio Cirignano. Die „wenig erleuchteten Pastoren“ verharrten hingegen in „alten Ansichten“.

Dass Franziskus den Humor verloren hätte, kann man trotz seiner Probleme nicht behaupten. Kurz vor der Sommerpause, die Franziskus am Schreibtisch im Gästehaus Santa Marta verbringt, brachte der Papst ein Plastikschild an seiner Bürotür an. „Jammern verboten!“, ist darauf zu lesen.

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