Budapest.Immer wieder strecken die syrischen Flüchtlinge ihre Bahntickets in die Höhe. Sie
rufen „Germany, Germany“, halten beschriftete Pappkartons in die Kameras der Journalisten
und skandieren dazu. „We want to Germany. Please help us“, hat ein Flüchtling auf
einen dreckigen Pizzakarton in Großbuchstaben geschrieben. Trotz der schwülen Temperaturen
und rund 32 Grad wird es auf dem Vorplatz des Budapester Ostbahnhofs am Dienstag nie
leise. Bis in die Nacht hinein sind die lauten Rufe, das Klatschen und die Pfiffe
der 400 demonstrierenden Flüchtlinge zu hören.
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#Der Syrer ist nicht allein: Rund 1500 bis 2000 Flüchtlinge harren seit Tagen vor dem
Bahnhof aus. Ein Teil hat Tickets gekauft. Meist ist als
#Fahrtziel München# aufgedruckt. Doch die Fahrscheine helfen nichts. Nur Touristen und Ungarn, die sich
ausweisen können, dürfen in die Wartehalle. Flüchtlinge haben keine Chance. Ihr Blick
geht durch das bewachte Eingangstor. Dahinter sind die Anzeigetafel und ganz klein
die Züge zu sehen.
#Polizeispalier vor Bahnhofstor
#Die Flüchtlinge sind ihrem Ziel, dem Zug Richtung Deutschland, so nah – und doch scheinen
die Gleise seit der Räumung am Dienstagvormittag für sie noch ferner zu sein. Ein
Großaufgebot der ungarischen Polizei drängte alle Flüchtlinge aus dem Bahnhofsgebäude.
Nur durch ein Polizeispalier und bewachte Nebeneingänge erreichten Reisende den Bahnhof.
Die Lage spitzte sich daraufhin zu. Einige Flüchtlinge behaupteten, von den mit Schlagstöcken
ausgerüsteten Polizisten attackiert worden zu sein. Andere trauten sich nicht mehr,
Journalisten ihren Namen zu nennen. Die ungarische Regierung dulde keine kritischen
Äußerungen, erzählt ein syrischer Flüchtling. Ein Kollege, der sich auf Englisch in
den Medien äußerte, sei verhaftet worden, behauptet er. Beweisen kann er das freilich
nicht. Er will dennoch nicht schweigen: „Bitte schreiben Sie, wie schlecht es uns
hier geht. Deutschland muss uns helfen.“
#Tatsächlich ist die Situation, in welcher die Flüchtlinge vor Ort leben, schockierend.
In demolierten Zelten, auf verschmutzten Decken oder T-Shirts schlafen die Menschen,
darunter viele Familien mit Kindern. Sie kuscheln sich eng zusammen, Kinder legen
ihre Köpfe auf die Oberkörper der Eltern. Einige kleine Mädchen schlafen sogar auf
den blanken Pflastersteinen. Nasse T-Shirts und Hosen hängen über Betonsäulen. Müllbeutel
und Plastikflaschen wirbelt der Wind herum. Ein Geruch nach Schweiß liegt in der Luft.
Laut den Flüchtlingen gibt es wenig Wasser und Essen. „Wir haben nicht viel Geld und
die Getränke kosten einfach zu viel“, sagt ein Syrer. Auch die nächsten Tage soll
es sehr warm werden.
#Hoffnung trifft auf Gleichgültigkeit
#Die Einheimischen nehmen die Situation gleichgültig hin. Während die Flüchtlinge vor
dem Bahnhof demonstrieren und durstig sind, gehen viele Ungarn und Touristen mit ihren
gefüllten Einkaufstüten vorbei. Einige wenige helfen den Flüchtlingen mit Spenden
und Essen. Gleich in der Nähe des Bahnhofs befindet sich ein großes Einkaufszentrum,
auch mehrere Hotels sind nicht weit entfernt. Das sorgt für surreale Bilder. Auf der
einen Seite die wohlhabenden Europäer, auf der anderen Seite die Flüchtlinge, die
am Dienstag vergeblich auf einen Zug nach Westen warten.
#Den Flüchtlingen bleibt nur ein Blick in die Sendewägen der TV-Sender. Neugierig schauen
sie den Journalisten über die Schultern. Sie sehen Bilder vom Budapester Ostbahnhof
– aber auch von Flüchtlingen, die Wien oder
#München# erreicht haben. Dieser Traum eint die Wartenden in Budapest: endlich nach Deutschland.