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Geschichte

Reste der Mauer in den Köpfen

Die Deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte, sagt der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder im Interview mit MZ-Korrespondent Reinhard Zweigler.

  • Von der Mauer sind nur noch wenige Spuren zu sehen. Die Sehnsucht der Westdeutschen nach der Zeit vor 1989 ist noch groß – größer als die der Ostdeutschen, sagt Politikwissenschaftler Klaus Schroeder. Foto: dpa
  • Der Zeithistoriker an der Freien Universität Berlin und Chef des Forschungsverbundes SED-Staat, Klaus Schroeder Foto: dpa

Berlin.Von DDR-Nostalgie, von Jammer-Ossis und Besserwessis ist im 25. Jahr der deutsch-deutschen Einheit kaum noch die Rede. Ist die deutsche Einheit gelungen?

Klaus Schroeder: Sie ist offenbar objektiv besser gelungen, als sie subjektiv empfunden wird. Ich glaube auch, dass die Westalgie größer ist als die Ostalgie. Viele im Westen empfinden die Zeit vor 1989 als schöner, während viele Ostdeutsche die Zeit nach dem Mauerfall, mit dem größeren Wohlstand, mit all den Freiheiten, die es seitdem gibt, als schöner empfinden. Gerade mal zehn bis 15 Prozent der Ostdeutschen wollen die DDR wieder haben. Doch dabei haben sie aber weniger die reale DDR, sondern eine sozial verklärte Gesellschaft im Auge.

Woher rührt die Westalgie?

Weil für viele Westdeutsche die Einheit mit stagnierendem Wohlstand verbunden ist. Sie mussten höhere Steuern, den Solidaritätzuschlag, höhere Sozialbeiträge zahlen. Unterschwellig werden die Kosten der Einheit kritisiert, wird etwas mehr Dankbarkeit von den Ostdeutschen erwartet. Doch das traut sich niemand öffentlich zu äußern. Es gibt keine Neiddebatte.

Dabei rechnen Ökonomen vor, wie viel der Beitritt von 17 Millionen Verbrauchern aus dem Osten der Wirtschaft im Westen gebracht hat, noch dazu sind über eine Million junge, gut ausgebildete Fachleute aus dem Osten gekommen.

Die Wirtschaft hat die ersten vier, fünf Jahre von der Einheit profitiert. Danach hat sich das eingependelt. Aber davon hat der normale Bürger im Westen nichts gespürt. Es wird weniger aufgrund von Fakten, als vielmehr auf Basis von Halbwahrheiten diskutiert und gewertet. Ich schätze, dass die Einheit bis heute rund zwei Billionen Euro gekostet hat.

Aber da rechnen Sie jetzt alles hinein, was irgendwie mit den neuen Ländern zu tun hatte.

Ja, klar. Das ist eine Schätzung. Rund zwei Drittel davon sind gesetzliche Leistungen, die etwa auch nach Bremen oder ins Saarland überwiesen werden. Die Einheit war und ist teuer. Doch weil die DDR die Hauptlast des verlorenen Zweiten Weltkrieges zu tragen hatte, sind diese Ausgaben auch moralisch und historisch gerechtfertigt.

Sind die Deutschen im Jammern vereint?

In Ost und West neigen die Deutschen generell eher zum Jammern als zum Jubeln. Dabei gibt es wahrscheinlich kein Land, dass diese Wiedervereinigung so geschultert hätte wie die Deutschen. Ich finde, wir sollten uns auch mal auf die Schulter klopfen, dass wir das geschafft haben.

Woran ist der DDR-Sozialismus, der eine Erfindung Moskaus war, gescheitert?

Es gab viele Gründe. Erstens hat dieses System die Menschen nicht nur eingemauert, sondern hat ihnen auch im Innern viel zu wenig individuelle Spielräume und Entfaltungsmöglichkeiten, zu wenige Freiheiten gegeben. Zweitens war die zentralistische Planwirtschaft der Marktwirtschaft hoffnungslos unterlegen. Der Blick der Ostdeutschen ging immer gen Westen. Dort war ihr Maßstab, ihre Sehnsucht. Dabei lag die Arbeitsproduktivität in der DDR bei gerade einmal 20 bis 30 Prozent des Westens. Und nicht zu vergessen, war es Michail Gorbatschow, der nicht bereit war, die Sowjetarmee einzusetzen, um den Ost-Block zu erhalten.

Ein Zar Putin hätte die DDR nicht aus seinem Herrschaftsbereich entlassen?

Ganz sicher nicht. Gorbatschow dagegen mag seinerzeit für den Fortbestand der Sowjetunion den fatalen Gedanken gehabt haben, mit dem Verkauf der DDR, mit den Milliarden aus Bonn, die Sowjetunion retten zu können.

Im Osten haben viele ein Problem damit, die DDR als Diktatur und Unrechtsstaat zu bezeichnen. Sind das alles Nostalgiker oder wollen sie nicht mit der Nazi-Diktatur auf eine Stufe gestellt werden?

Keiner will die DDR ernsthaft mit der Nazi-Diktatur auf eine Stufe stellen. Meiner Meinung nach verwechseln viele Menschen Unrechtsstaat mit Unrechtsgesellschaft, was falsch ist. Selbstverständlich war nicht alles, was in der DDR geschehen ist, Unrecht. Der Begriff Unrechtsstaat mit Blick auf das politische Strafrecht bedeutet, dass es keine Gewaltenteilung gab, dass die Politik der SED-Spitze dem Recht übergeordnet war, dass sie etwa in laufende Verfahren eingreifen und sogar Urteil festlegen konnten. Insofern war es ein Willkürrecht. Und nach eigener Darstellung war die DDR eine Diktatur des Proletariats. Tatsächlich aber wurde die Diktatur von der SED-Spitze ausgeübt.

Es gab aber auch ganz normales Leben, es gab die Familie, die Freunde, den Urlaub an der Ostsee.

Es gab ein doppeltes Leben. Das offizielle Leben, in dem man Dinge erfüllen musste, die von einem erwartet wurden. Und daneben gab es das private Leben, in dem man sich abschottete.

Die Linke in Thüringen kann sich inzwischen mit dem Begriff Unrechtsstaat anfreunden. Halten Sie das für redlich?

Natürlich nicht. Dies ist ein taktisches Zugeständnis an die möglichen Koalitionspartner SPD und Grüne. In Brandenburg ist das ähnlich gewesen. Da hat die Linke im Koalitionsvertrag geschluckt, dass die DDR eine Diktatur war. In ihrem Landesprogramm war davon keine Rede. Das Bizarre in Thüringen ist ja, dass Bodo Ramelow dem DKP-Umfeld entstammt. Und die wurde seinerzeit von der SED gelenkt. Das so einer nun selbst das Lenkrad übernehmen soll, ist schon eine Ironie der Geschichte. Das wird den Grünen und der SPD nicht gut bekommen.

Warum werden die Vorgänge um den 9. Oktober in Leipzig und anderswo in ostdeutschen Städten so wenig gewürdigt, dagegen wird der 3. Oktober 1990 als Tag der Einheit gefeiert?

Ich finde es auch schade, dass das mutige und friedliche Aufbegehren der Ostdeutschen von damals heute kaum noch eine Rolle spielt. Dabei könnten die Ostdeutschen und alle Deutschen stolz darauf sein, dass eine Diktatur ohne Blutvergießen hinweg gefegt wurde. Das kommt nicht oft vor in der Geschichte.

Ein Drittel der jungen Leute weiß nichts mit dem 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, anzufangen und hält die DDR für eine Demokratie. Ist das Verklärung oder Unkenntnis?

Es liegt vor allem an den Schulen. Man muss nicht jedes x-beliebige historische Datum kennen, aber zentrale Daten der Zeitgeschichte und die Hintergründe sollte man schon kennen. Etwa was am 17. Juni 1953 geschah, oder dass die Mauer Anfang der 60er Jahre errichtet wurde, um Ostdeutsche an der Flucht in den Westen zu hindern. Aber leider ist die Zeitgeschichte in der Lehrerausbildung und in den Lehrplänen ein Stiefkind. In Ost und West.

Es gab nur wenige Strafverfahren gegen ehemalige Mauerschützen und SED-Politbüromitglieder. Ist die juristische Aufarbeitung der DDR gescheitert?

Sie ist gescheitert, sie musste scheitern. Das lag an der westdeutschen Fehlwahrnehmung, die die DDR offenbar als einen Rechtsstaat ansah. In den wenigen Verfahren, die es gab, wurde überwiegend nach DDR-Recht geurteilt. Ich habe zusammengerechnet, dass es insgesamt etwa 90 Jahre Haft für solche Täter gab. Das ist verglichen mit über 200 000 politischen Häftlingen in der DDR, die oft bis zu zehn Jahre Gefängnis bekamen, absurd. Die Aufarbeitung ist nicht gewollt worden. Aber das hätte man auch offen sagen können.

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