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Interview

Rösler setzt auf mehr Prävention

Der Minister will noch im Juni sein Konzept zur Gesundheitsreform vorlegen. Und auch die Kopfpauschale sei noch nicht beerdigt.
Von Reinhard Zweigler, MZ

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) setzt bei der Gesundheitsvorsorge auf Eigenverantwortung und Prävention.

Herr Rösler, wie halten Sie sich im stressigen Amt als Bundesgesundheitsminister gesund?

Philipp Rösler: Weil ich viel sitzen muss, versuche ich, mit gelegentlichem Sport etwas für meine Gesundheit zu tun.

Muss sich die deutsche Gesundheitswirtschaft auf kräftige Einsparungen einstellen, weil den gesetzlichen Krankenkassen im nächsten Jahr sieben bis acht Milliarden Euro fehlen?

Philipp Rösler: Wir betrachten Gesundheit nicht nur als Kostenfaktor, sondern auch als Wirtschaftsfaktor und damit als Chance für mehr Wachstum und Beschäftigung. Das Gesundheitswesen ist mit fünf Millionen Beschäftigten der Arbeitgeber Nummer 1 in Deutschland. In der Pflege arbeiten fast so viele Menschen wie in der Autoindustrie. Es wird Zeit, dass der Gesundheitswirtschaft endlich dieselbe Bedeutung zugemessen wird wie anderen wichtigen Wirtschaftsbereichen.

Fahren Sie zur Sparklausur der Bundesregierung Ende der Woche mit konkreten Vorschlägen zu Einsparungen im Gesundheitsbereich?

Philipp Rösler: Mein Etat enthält rund 15 Milliarden Euro für den Bundeszuschuss für die gesetzlichen Krankenkassen. Ich gehe zumindest mit dem Selbstbewusstsein nach Meseberg, dass dieses Geld für die Menschen, für die Versicherten also, gut ausgegeben wird. Dass wir andererseits auch Einsparpotenziale in der gesetzlichen Krankenversicherung sehen, steht außer jeder Frage. Ich habe bereits ein großes Arzneimittelsparpaket auf den Weg gebracht...

... das Einsparungen von 1,5 Milliarden Euro bringen soll und von dem Kritiker sagen, bei der Pharmaindustrie sei noch viel mehr „herauszuholen“?

Philipp Rösler: Man kann das leicht behaupten. Doch einen Beleg dafür sind sie schuldig geblieben. Ich denke, wir haben die richtige Kombination zwischen der Sicherstellung von Innovationen für die Patienten und der Kontrolle der Kosten für Medikamente gefunden.

Ist die Kopfpauschale beerdigt, weil kein Geld für den sozialen Ausgleich da ist?

Philipp Rösler: Keineswegs. Wenn wir kein Konzept für unsere Gesundheitsreform hätten, dann wäre es doch das Klügste gewesen, wir hätten das Thema gleich nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen beerdigt. Das haben wir aber nicht getan. Sie können ein Ergebnis noch im Juni nach der Abstimmung mit den Spitzen der Koalition erwarten. Wir wollen das bestehende System weiterentwickeln und sicherstellen, dass die Menschen die gute Versorgung von heute auch morgen noch erhalten.

Diese Woche findet eine Konferenz Gesundheitswirtschaft statt, die Qualität und Innovation als Thema hat. Hat die Gesundheitsbranche so viel Nachholbedarf?

Philipp Rösler: Ganz im Gegenteil. Diese Konferenz zeigt, dass wir ein enormes Potenzial für Innovationen und hohe Qualitätsstandards haben. Die Konferenz ist insofern auch ein Schaufenster für das, was die Gesundheitswirtschaft in Deutschland leisten kann, wie sie neue Trends setzt, sich vernetzt, wie die Bereiche Medical Wellness und Gesundheitstourismus verknüpft werden.

Ist Prävention, also das, was der Einzelne für seine Gesundheit tut, in Zeiten knapper Kassen ein Lückenfüller für das, was medizinische Versorgung nicht mehr leisten kann?

Philipp Rösler: Prävention ist ganz sicher kein Lückenfüller und kann es auch gar nicht sein. Prävention muss zu einem Schwerpunkt unseres Gesundheitssystems werden. Vorsorge und Prävention nutzen in erster Linie den Menschen selbst. Weil unser Gesundheitssystem gleichermaßen auf Eigenverantwortung des Einzelnen und auf die Solidarität der Gemeinschaft setzt, ist Prävention so wichtig.

Aber nicht einmal zehn Prozent der Versicherten nutzen Gesundheitskurse.

Philipp Rösler: Aber genau da müssen wir ansetzen. Ich halte es für zu einseitig, wenn Prävention nur auf Gesundheitskurse der Krankenkassen ausgerichtet wird. Wir müssen in die Breite der Gesellschaft gehen und auch jene erreichen, die mit eigener Gesundheitsvorsorge noch nicht so viel im Sinn haben. Nach einer Studie meines Hauses nehmen Ärzte und andere Heilberufe schon auf Grund der Autorität ihres Berufes dabei eine Schlüsselfunktion ein. Sie müssen ihre Patienten viel stärker auf Prävention, auf gesundheitsbewusstes Verhalten und Ernährung hinweisen.

Braucht es dafür nicht auch einen Mentalitätswandel, bislang ging man zum Arzt wegen einer Krankheit oder höchstens zur Vorsorgeuntersuchung?

Philipp Rösler: Richtig, ich bin dafür, dass Ärzte und Pfleger als eine Art Impulsgeber eine Beratungsfunktion für Patienten übernehmen. Natürlich sind Krankenkassen dafür da, dass sie notwendige medizinische Behandlungen finanzieren. Doch wir müssen den Fokus viel mehr darauf richten, Krankheiten zu verhindern.

Bedarf es dazu nicht auch eines Präventionsgesetzes, das Ihre Vorgängerin wollte?

Philipp Rösler: Die christlich-liberale Koalition strebt ein solches Gesetz nicht an. Wir brauchen nicht neue Gesetze und Verordnungen, um die Prävention zu erzwingen, sondern wir wollen zum Beispiel gemeinsam mit Gewerkschaften, Arbeitgebern und mit den Krankenkassen im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung dafür sorgen, dass Prävention in der Arbeitswelt umgesetzt wird.

Welches Potenzial steckt in der Gesundheitswirtschaft Deutschlands?

Philipp Rösler: Für realistisch halte ich eine Umsatzsteigerung um rund 50 Prozent in den nächsten 20 Jahren. Zurzeit liegen wir bei 263 Milliarden Euro im Jahr. Das hängt auch davon ab, wie sich die Systeme in Zukunft entwickeln. Bei den Arbeitsplätzen sind die Zuwachsraten, etwa in der Pflege, auf jeden Fall zweistellig.

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