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Zeitgeschichte

Russland besorgt über Hitler-Buch

Das Institut für Zeitgeschichte stellt die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ vor. Die Publikation ist umstritten.

Eine historische Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“: Die neue kommentierte Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte wird am Freitag in München präsentiert.
Eine historische Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“: Die neue kommentierte Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte wird am Freitag in München präsentiert. Foto: dpa

München.Das Institut für Zeitgeschichte stellt am Freitag die kritische Edition von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ vor. Die knapp 2000 Seiten dicke Neuauflage soll zeitgleich im Buchhandel erhältlich sein. Die Historiker wollen damit die Ansichten des Diktators kritisch kommentieren und widerlegen. „Es gilt, Hitler und seine Propaganda nachhaltig zu dekonstruieren und damit der nach wie vor wirksamen Symbolkraft dieses Buchs den Boden zu entziehen“, schreibt das Münchner Institut auf seiner Internet-Seite. Auf diese Weise lasse sich einem ideologisch-propagandistischen und kommerziellen Missbrauch entgegenwirken.

Urheberrechte sind ausgelaufen

Der Originaltext stammt aus dem Jahr 1924. Hitler hatte darin politische Ansichten und Pläne dargelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übertrug die US-Regierung die Urheberrechte an den Freistaat Bayern, der das Buch seitdem unter Verschluss gehalten hatte. Ende vergangenen Jahres, 70 Jahre nach Hitlers Tod, liefen diese Urheberrechte aber aus. Unkommentierte Veröffentlichungen von „Mein Kampf“ bleiben verboten, sind allerdings trotzdem auch übers Internet immer wieder erhältlich. Die kommentierte Edition ist trotzdem umstritten. Kritiker befürchten, rechtsextremes Gedankengut könnte dadurch verbreitet werden.

Josef Schuster begrüßt die neue Ausgabe

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüßt die Veröffentlichung der kommentierten Ausgabe von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: Er begrüßt die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“.
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: Er begrüßt die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“. Foto: dpa

„Ich kann mir gut vorstellen, dass diese kritisch kommentierte Auflage einer Aufklärung dient, und dass sie einen gewissen Mythos, der um dieses Buch herrscht, aufzuklären vermag“, sagte Schuster am Freitag dem Radiosender „NDR Info“. Sie könne zeigen, mit welchen völlig falschen und skurrilen Theorien und Thesen Hitler gearbeitet habe.

„Einige Dinge, die wir auch heute wieder hören, finden wir auch in diesem Buch.“

Josef Schuster

Dass das Buch dazu beiträgt, solche Ansichten in rechtsextremistischen Kreisen zu verbreiten, hält er für möglich. Gerade vor dem Hintergrund von Rechtspopulismus und Erscheinungen wie Pegida sei es aber wichtig, sich mit Hitlers Propaganda auseinanderzusetzen. „Denn einige Dinge, die wir auch heute wieder hören, finden wir auch in diesem Buch“, warnte Schuster. Die kommentierte Ausgabe, die am Freitag in München vorgestellt wird, sollte deshalb seiner Ansicht nach auch in den Schulen Thema sein.

Der israelische Historiker und Publizist Moshe Zimmermann: Seiner Meinung nach gibt „Mein Kampf“ für Ultrarechte wenig her.
Der israelische Historiker und Publizist Moshe Zimmermann: Seiner Meinung nach gibt „Mein Kampf“ für Ultrarechte wenig her. Foto: dpa

Der deutsch-israelische Historischer Moshe Zimmermann dagegen betonte in einem dpa-Interview, für Rechtsradikale gebe Hitlers „Mein Kampf“ wenig her; das Buch sei zu langweilig und zu wenig aktuell, um Ultrarechten als Propagandamaterial nutzen zu können.

Gorbatschow sieht die Neuausgabe kritisch

Russische Politiker und Menschenrechtler haben sich kritisch über die kommentierte Neuauflage von Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ in Deutschland geäußert. „Anstelle der Deutschen hätte ich darüber noch einmal nachgedacht“, sagte Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow der Agentur Interfax vor dem Erscheinen der kommentierten Ausgabe. Er verspüre „weder Wunsch noch Notwendigkeit“ nach einer Neuausgabe.

„Eine seltsame Art, gegen die wachsenden neonazistischen Tendenzen in Europa zu kämpfen!“

Konstantin Dolgow

Der Menschenrechtsbeauftragte des russischen Außenministeriums, Konstantin Dolgow, schrieb bei Twitter: „Eine seltsame Art, gegen die wachsenden neonazistischen Tendenzen in Europa zu kämpfen!“ Die Parlamentsabgeordnete Irina Jarowaja, Vorsitzende des Sicherheitsausschusses in der Staatsduma, bezeichnete das Erscheinen als „unheilvolles Zeichen der Neuauflage des Faschismus in der Welt“.

Das Buch wird unter der Hand verkauft

In Russland ist die Verbreitung extremistischen Materials per Gesetz verboten – darunter fallen auch historische nationalsozialistische Schriften wie „Mein Kampf“. Unter der Hand wird das Buch im größten Land der Erde aber seit vielen Jahren als Antiquität verkauft.

Die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa äußerte Besorgnis, dass das Buch nun im großen Ausmaß nach Russland gelangen könnte. Sie glaube aber nicht, dass sich in Russland Menschen fänden, die „Mein Kampf“ kaufen und lesen wollten, sagte die Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe.

Die damalige Sowjetunion hatte mit rund 27 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg die meisten Opfer zu beklagen. Der 9. Mai wird jährlich als „Tag des Sieges“ über den Faschismus mit Militärparaden gefeiert. (dpa)

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Kommentar

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Hitlers Hetzschrift

  • Die Entstehung:

    Nach seinem Umsturzversuch im November 1923 hat Adolf Hitler, in der Festung Landsberg inhaftiert, 1924 sein Buch „ Mein Kampf“ geschrieben. Darin legte er seine politischen Ansichten und Pläne dar . Als fanatischer Antisemit war Hitler Anhänger der „Rassentheorie“, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstand und in rechtsnationalen Kreisen in mehreren europäischen Ländern viele Anhänger hatte. In dieser Weltsicht war die sogenannte „arische Rasse“ – deren edelste Vertreter in Hitlers Weltanschauung die germanischen Völker waren - Begründer der menschlichen Kultur. Die Juden hätten eine „verderbliche Rolle in der Geschichte der Menschheit“ gespielt.

  • Die Resonanz:

    In der Hetzschrift sind die Grundlagen für Hitlers spätere Eroberungspolitik angelegt, wie manchen Gegnern Hitlers schon früh auffiel. Das Buch wurde zunächst aber auf Seiten der demokratischen Parteien nicht ernst genommen. Der erste Band erschien im Juli 1925, der zweite folgte im Dezember 1926. Bis Herbst 1944 erreichte „Mein Kampf“ eine Auflage von 12,4 Millionen Exemplaren, dann gab es keine Neuauflage mehr. Die US-Militärregierung übertrug die Urheberrechte nach Kriegsende an den Freistaat Bayern, der seitdem eine Neuveröffentlichung verhindert. Die Urheberrechte liefen Ende 2015, 70 Jahre nach dem Tod des Diktators, aus.

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