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Hilfsorganisation

Schüsse bei Sea-Eye-Rettungsmission

Schüsse aus Maschinengewehr: Video-Ausschnitte zeigen, wie die Crew der Alan Kurdi bei einer Mission bedroht wurde.
von Christine Strasser

Sea-Eye-Retter wurden bei einer Rettungsmission vor der libyschen Küste bedroht. Foto: Karsten Jäger/Sea Eye
Sea-Eye-Retter wurden bei einer Rettungsmission vor der libyschen Küste bedroht. Foto: Karsten Jäger/Sea Eye

Regensburg.Sea-Eye-Helfer heben auf einem Rettungsboot die Hände hoch. Ein Mann steht auf einem weißen Schnellboot wenige Meter entfernt an einem Maschinengewehr. Der Lauf zeigt auf ein Schlauchboot, das voller Flüchtlinge ist. Einige Menschen springen ins Wasser und versuchen, in Richtung der Retter von Sea Eye zu schwimmen. Am Samstag teilte die Regensburger Hilfsorganisation mit, dass die Besatzung des von ihr betriebenen Schiffs Alan Kurdi während einer Rettungsaktion von Schnellbooten unter libyscher Flagge bedroht wurde. Videoausschnitte des Vorfalls liegen der Mittelbayerischen vor.

„Die haben gerade in die Luft geschossen“, melden die Retter auf dem Boot zurück an die Einsatzleitung. Und außerdem sagen sie: „Die zielen mit einem Maschinengewehr auf die Menschen im Wasser.“ Mehrere Personen sind von dem Schlauchboot gesprungen und treiben im Meer. Einige schwimmen, andere werden nur von ihrer Rettungsweste über Wasser gehalten.

Auf den Aufnahmen sind zwei weiße Schnellboote zu sehen. Eine Kennzeichnung tragen sie nicht, aber eine libysche Flagge. Auf einem ist ein Maschinengewehr montiert. Der Mann, der dahinter steht, gestikuliert bedrohlich. In einem Boot sitzen auch Frauen. Sie filmen und lachen. Auch die Personen auf den Schnellbooten ziehen Menschen aus dem Wasser. Als die Boote wieder losfahren, springen Migranten aber wieder herunter und versuchen, in Richtung der Helfer von Sea Eye zu schwimmen.

Im Video sehen Sie Mitschnitte von dem bedrohlichen Zwischenfall bei der Sea-Eye-Rettungsmission:

Seenotretter der „Alan Kurdi“ mit Maschinengewehr

„Zum Glück hatten wir schon Rettungswesten verteilt, sonst hätte es Tote gegeben“, sagt Sea-Eye-Sprecher Gorden Isler. Ein Schlauchboot mit etwa 92 Menschen an Bord sei am Samstag vor der libyschen Küste in Schwierigkeiten geraten. Die Alan Kurdi sei in der libyschen Such- und Rettungszone, nicht in libyschen Territorialgewässern unterwegs gewesen, betont Isler. Die „akute Bedrohungssituation“ sei später vorbei gewesen, die Libyer hätten abgedreht, schildert er. An Bord der Alan Kurdi seien nun 91 Migranten; ein Mann gelte als vermisst. „Für die Crew war das ein völliger Schock, so etwas haben wir noch nie erlebt.“

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Alan-Kurdi-Crew bei Rettung bedroht

Mit Schüssen bedrohten libysche Streitkräfte offenbar die Besatzung der Regensburger Hilfsorganisation Sea Eye.

Die libysche Marine verwahrt sich gegen die Darstellung. „Als libysche Küstenwache weisen wir eine Beteiligung an dem Zwischenfall kategorisch zurück“, hieß es in einer Mitteilung. „Unsere Patrouillen haben ein Boot einer Nichtregierungsorganisation weder abgefangen, noch bedroht, noch beschossen.“

Regensburger Retter

  • Gründung:

    Der Verein Sea-Eye e.V. wurde 2015 in Regensburg gegründet. Mit den umgerüsteten Fischkuttern Sea-Eye und Seefuchs beteiligten sich mehr als 800 ehrenamtliche Rettungskräfte in über 60 Missionen unter niederländischer Flagge an der Rettung von 14 712 Menschen.

  • Deutsche Flagge:

    Im Sommer 2018 entschied die Vereinsführung, ein neues Schiff unter deutscher Flagge in den Einsatz zu senden. Die Alan Kurdi ist das erste Schiff einer Hilfsorganisation unter der Bundesflagge.

Außenminister war in Libyen

Bundesaußenminister Heiko Maas war am Wochenende für einen Blitzbesuch selbst in Libyen. Er will möglichst noch in diesem Jahr ein Gipfeltreffen in Berlin zu dem seit Jahren andauernden Bürgerkrieg ausrichten. Maas führte seine politischen Gespräche in der Küstenstadt Suara, weil ein Besuch in der umkämpften Hauptstadt Tripolis zu gefährlich gewesen wäre. Kurz vor der libyschen Küste bei Suara kam es zu dem für die Sea-Eye-Retter bedrohlichen Zwischenfall. „Es ist bemerkenswert, dass der deutsche Außenminister genau in der Stadt ist, von der die aggressiven Küstenwächter gesendet worden sind“, sagte Sea-Eye-Sprecher Isler der Deutschen Presse-Agentur. „Wir würden uns wünschen, dass unser Außenminister nicht nur mit den Leuten redet, die uns bedrohen, sondern auch mit uns.“ Es gebe Anzeichen, dass es zwischen Küstenwächtern, Milizen und Menschenhändlern „große personelle Überschneidungen“ gebe.

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Sea Eye startet neue Rettungsmission

Vor wenigen Wochen drohte den Regensburger Rettern noch das Aus, jetzt steuert erstmals eine Kapitänin die Alan Kurdi.

Auswärtiges Amt äußert Besorgnis

In der Regierungspressekonferenz am Montag betonte das Auswärtige Amt einmal mehr die Bedeutung der Rettung von Menschen vor dem Ertrinken. Die Behinderung der Seenotretter auf der „Alan Kurdi“ habe man „daher mit Sorge zur Kenntnis genommen“. Die Rettung sei eine rechtliche und humanitäre Verpflichtung. Privatorganisationen leisteten hier einen wichtigen Beitrag. Es sei nicht klar, unter welcher Verantwortung die Boote standen, die versucht hätten, die Alan Kurdi zu behindern. Die deutsche Botschaft in Libyen habe dennoch „mit Nachdruck“ von der libyschen Regierung gefordert, von Gewalt oder Androhung von Gewalt Abstand zu nehmen. Ein derartiges Verhalten sei nicht akzeptabel.

Sea-Eye-Sprecher Isler kritisierte diese Aussagen: „Wenn eine Kapitänin Menschen rettet, dann droht ihr die Verhaftung. Wenn libysche Milizen ein deutsches Rettungsschiff attackieren, dann bleibt es bei der Äußerung von Besorgnis und im besten Fall bei einer Ermahnung der Partner.“

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Sea-Eye-Retter sind selbst in Not

Die Regensburger Hilfsorganisation bangt um ihre Zukunft. Die finanziellen Mittel für eine neue Mission im Mittelmeer fehlen.

Zwischenzeitlich ist eine Schwangere von Bord der Alan Kurdi von der italienischen Küstenwache nach Lampedusa gebracht worden. Nun warten die Sea-Eye-Retter (Mehr Infos zu den Regensburger Rettern!) zwischen Malta und Lampedusa auf die Zuweisung eines sicheren Hafens.

Mit dpa-Material

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