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Scientology: Der harte Weg heraus

Wilfried Handl war 28 Jahre Sekten-Mitglied

Wilfried Handl mit seinem Buch „Scientology – Wahn und Wirklichkeit“ Foto: Winter

Von Fritz Winter, MZ

REGENSBURG. Wilfried Handl (51) ist ein eloquenter Gesprächspartner mit Wiener Charme. Mit modischer Brille, offenem weißen Hemd und dunkelblauem Sakko sitzt er in einem Regensburger Altstadthotel und benutzt drastische Vergleiche: „Ich durchlebe wie ein Heroinsüchtiger den Entzug“, sagt er. Und gesteht: „Ich habe Menschen indoktriniert, verletzt, verführt und betrogen.“

28 Jahre lang war Handl Mitglied der Psychosekte Scientology. 28Jahre arbeitete er sich hoch – vom neugierigen und verliebten 20-Jährigen, der einem Mädchen in einen Scientology-Kurs nachlief, bis zum Leitenden Direktor der Sekte in Österreich. 2002 stieg Handl aus – das bislang ranghöchste Sektenmitglied in Europa, das über seine Erfahrungen öffentlich spricht. In Regensburg etwa vor Schulklassen oder bei der Erwachsenenbildung. „Ich brauche keine Standing Ovations“, sagt Handl. „Ich will einen Einblick geben, wie Scientology funktioniert.“ Ein Aussteiger, der redet, wird von der so genannten „Kirche“ bestraft. Ein „Scientology-Weißbuch“ über ihn ist erschienen, ihm wird vorgeworfen, Geld unterschlagen zu haben. Seine Frau, eine Scientologin, die in den USA lebt, hat zusammen mit zwei Söhnen jeden Kontakt abgebrochen.

In der Rückschau kritisiert Handl den Allmachtsanspruch der Sekte. „Es ist wie in einem faschistischen System. Die Mitglieder sollen schnellstmöglich abhängig gemacht werden.“ Und: Es dreht sich alles immer ums Geld. Ein Einführungskurs kostet rund 30 Euro, für den „Kommunikationskurs“ sind schon über 100 Euro zu berappen. Dann geht esrasend schnell aufwärts. Für eine zwölfeinhalbstündige Gesprächstherapie müssen 7000 Euro bezahlt werden, zweckmäßig ist es, ein Komplettpaket von sechs Therapien zu buchen. „Irgendwann hat man ein Allmachtgefühl“, sagt Handl. Die Garantie, bei der großen Sintflut nicht zu ertrinken. Die Garantie, zur Elite der Menschheit zu gehören. „Daraus leitet sich der Anspruch ab, Macht über andere ausüben zu können.“

Dass Scientologen nur Menschen sind, erfuhr Handl 2001. Da fiel er um. Er spuckte Blut. Glaubte an eine Sommergrippe. Aber es war Krebs. Statt „clear“ zu sein und unsterblich, hatte er Metastasen im ganzen Körper. Er hatte Zeit, über die vergangenen 28Jahre nachzudenken. „Ohne den Krebs wäre ich aus Scientology nicht ausgestiegen“, sagt der Österreicher, der heute von Sozialhilfe lebt.

Handl hat ein Buch geschrieben: „Wahn und Wirklichkeit – 28 Jahre in einer Psychosekte.“ Und er stellt sich öffentlich Fragen. Wie konnte es geschehen, „dass ich mein Hirn an der Garderobe abgegeben und den Garderobenzettel weggeschmissen habe?“ Antworten hat er bislang noch nicht gefunden. Er war durchsetzungsfähig, hart, ein perfekter Scientologe. Er nötigte Sektenmitglieder zum Spenden. Er brachte seine Freunde zur Sekte, brach mit den Unwilligen. „Ich möchte all diese Menschen um Verzeihung bitten,“ sagt er.

Weitere Informationen: Wilfried Handl: „Scientology – Wahn und Wirklichkeit“ ISBN 3-200-00394-4

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